Ich schreibe einfach gern:)

Ich hab die letzten Tage viel über das Glücklichsein nachgedacht. Jedenfalls, vor lauter Nachdenken, hab ich gemerkt, der Mensch kann gar nicht immer glücklich sein. Obwohl er sich scheinbar ständig darum bemüht. Falls ihm nicht selber einfällt, wie er zum immerwährenden Glücklichsein kommt, nimmt er schon mal einen Ratgeber zur Hand. Mönsch, das hab ich noch nie gemacht. Aber helfen tun die anscheinend nicht, die Ratgeber, denn es kommen ja ständig neue heraus. War wohl keiner dabei, der mal das Patentrezept hatte.
Ich bin ja der Meinung oder besser gesagt, glücklich ist der Mensch nur immer für Momente im Leben. Da kann jetzt Vieles aufgezählt werden. Die erste Verliebtheit, das Jawort vor dem Traualtar, die Geburt des ersten Kindes usw.usw.. Dann hofft man, dass das Glück bleibt. Aber es bleibt nicht. Meistens nicht. Großreignisse im Leben geschehen auch nicht so oft. Also muss anders nach dem Glück geschaut werden. Oder noch besser, es einfach passieren lassen, dass es kommt, ganz unerwartet, irgendwann im Tagesablauf, bei irgendeiner Tätigkeit, wo du niemals daran gedacht hast, dass es ein glücklicher Moment für Dich werden könnte.
So einen kurzen Moment, Augenblick, hab ich heute erlebt. Und ich bin jetzt noch ganz erfüllt davon.
Ich besuche oft alte Menschen oder Kranke, helfe ihnen ein wenig bei all dem, was sie selber nicht mehr tun können. Heute war ich bei einer alten Dame. Sie hat einen großen Garten, den sie selber nicht mehr pflegen kann. Also hab ich mir Besen und Schaufel genommen und versucht bei dem Sturm die Blätter einzufangen. Es war die reinse Sisyphos-Arbeit. Ehrlich! Kaum hatte ich einen Haufen zusammengekehrt, begann an einer anderen Stelle, schaute zurück, da war der vorige, schön zusammengekehrte schon wieder vom Winde verweht. Es begann ein Spiel zwischen mir und dem Sturm und den Blättern. Es war die wahre Pracht. Ich hab tüchtig lachen müssen.
Die Blätter lagen aber auch überall herum, Terrasse, Rasen, Kellertreppe. Genau, die Kellertreppe, die musste frei werden, all die weil Rutschgefahr und so. Ich also die Treppe erop und eruner, wie man in Kölle so schön zu sagen pflegt.
Ganz unten angekommen sah ich sie. Die recht große, graue Spinne mit fünf Beinen. Ihr kleiner Leib, ein kleiner grauer runder Punkt, oben auf zwei noch kleinere schwarze Punkte. Haben Spinnen Augen? Auf jeden Fall! Ich hab gegoogelt. Jedenfalls, ich hab ne Pause gemacht mit dem Kehren des Laubes. Ich hab mich auf die Treppe gesetzt und der Spinne zugeschaut. Wobei? Tja, die arme, große, kleine Spinne wollte da raus, da unten, aus ihrem Gefängnis. Sie krabbelte am Fussboden entlang, immer nah bei der gekachelten Wand, streckte hin- und wieder eines ihrer fünf Beine aus und befühlte die Fläche der Kachelwand. Tastend, vorsichtig. Sie wollte abklären, ob es möglich ist, diese Wand empor zu klettern. Habs genau gesehen. Immer, wenn sie einen Punkt gedacht gefunden zu haben, versuchte sie die Wand heraufzuklettern. Das ging aber nur ein paar Zentimeterchen und bums....lag sie wieder unten. Nach jedem Sturz verharrte sie eine kleine Weile, wohl überlegend, so dachte ich jedenfalls, wie nun weiter. Hey man, das denke ich auch so oft im Leben. Ich geh und geh und komm nicht weiter, bleibe stehen oder sitzen und denke, wie jetzt?
Schon allein zu beobachten, welche Akrobatk sie mit ihren fünf Beinchen vollzog, eins nach oben gestreckt, eins seitwärts, alles berührend und tastend, so wunderlich und herrlich anzusehen. Die Natur ist schon ein großes Wunder. Wir blicken es nur so oft nicht mehr. Ich hab dem ganzen Procedere noch vier, fünf Mal zugeschaut. Dann dachte ich, ihr muss geholfen werden. So ist es doch. Manchmal schaffts der Mensch ja auch nicht allein. Glück, wenn dann einer da ist, der helfend unter die Arme greift.
Ich hab sie einfach auf meine Besenschaufel geladen und hab sie ganz ganz vorsichtig nach oben getragen und am Anfang der Terrassenfläche abgesetzt. Schwupsdibubs, da saß sie. Ich weiß nicht, ob ich mir das nur gedacht habe, aber ich glaube, sie war verdattert. Denn still saß sie da, regungslos und konnte ihr Glück wohl kaum fassen. Ich bin sicher, sie hat mich angeschaut, so wie ich sie angeschaut habe. Einen langen Moment haben wir uns einfach nur angeschaut, ein stilles Zwiegespräch geführt. Hehe, wenn Ihr das lest, denkt ihr vielleicht, dat Röschen, dat spinnt doch,. Aber ich bin ganz sicher, dass wir ein Zwiegespräch hatten, eine Verbindung geschaffen haben, sie, die Spinne und ich.
Als sie immer noch nicht begann, ihren Weg weiter zu ziehen, sprach ich sogar mit ihr. Ich sagte:" Komm mach hinne, geh und finde Deinen Weg, wohin er Dich auch führt." Dabei hab ich ihr ein Kusshändchen zugeworfen. Ich bin son Typ. Und was soll ich Euch sagen? Sie ist tatsächlich weiter gekrabbelt. Rumdideldei, geradeaus, Richtung Blumenbeet.
Ich bin sitzen geblieben und hab ihr nachgeschaut. Kurz bevor sie die Terrasse verließ, um ins herrlich warme, mit Blättern angefüllte Beet zu entschwinden, blieb sie noch einmal stehen. Oha, dachte ich. Was nun. Was soll ich sagen...Ich bin mir auch hier sicher...sie schaute mich noch einmal an, jetzt aus der Entfernung, wie, als wenn sie einerseits immer noch nicht begreifen konnte, dass ihr Jemand geholfen hat, andererseits, mir gleichzeitig einen Dank übermittelte. Ich sagte zu ihr:" Gern geschehen" und lächelte ihr hinterher, aber jetzt mach auch, dass du weiterkommst Spinnlein, so meine Worte an sie. Und, ihr habt es nicht gesehen, aber es war so, in dem Moment, wo ich die Worte aussprach, krabbelte sie weiter. Ich war baff.
Und schwupdiwupp war sie fort. Ich verweilte noch einen Augenblick und dann zog über mein ganzes Gesicht ein Strahlen. Hey man, dachte ich, das war schön. Ich bin glücklich.
Nahm den Besen wieder zur Hand, säuberte die letzten Reste auf der Terrasse und schon war auch die Zeit gekommen, wo ich Mantel, Mütze und Schal nahm und wieder meiner Wege zog. Jetzt ist es schon paar Stunden her und ich bin immer noch glücklich.
So kanns gehen...mit dem Glücklichsein. Eigentlich ganz einfach.