Hip-Hop-Konzert. Auweia, dachte ich, als die Einladung kam von einer Freundin. Ist das noch was für mich. Also, nicht, dass ich auch einiges kenne und es gern ab und an höre, jedoch auf einem Konzert war ich noch nie.
In meinem Alter.... geht das noch, werd ich da nicht komisch angeguckt. Immerhin ist die Freundin 22 Jahre jünger, aber auch sie fragt sich schon manches mal, wenn sie den Altersdurchschnitt sieht, geht das. Natürlich geht das. Hab ich jetzt festgestellt.
Ich bekomme ja manchmal oft Dinge gesagt, die scheinbar nicht mehr zu meinem Alter passen. Es ist auch schwer, weil, wenn du älter wirst, bleibst viel allein, denn, erstens sind manchmal schon einige deiner Jugendfreunde verstorben und zweitens die anderen, die noch bleiben, leben so saturiert ihr Alltagsleben, da paß ich oft nicht mehr rein.
Neulich sagte mal wieder einer zu mir, schneid endlich mal deine Zöpfe ab, das geht gar nicht mehr. Pfff, dachte ich, mir doch egal, ich lauf mit den Zöpfen so lang herum, wies mir gefällt und ich mich darin wohl fühle. Alte Zöpfe abschneiden, gut, manchmal ist das schon richtig und wichtig, ich jedenfalls will aber nicht ohne meine Vergangenheit leben. Wer nur in der Gegenwart lebt, dem ist doch schnell langweilig. Was wär der Mensch ohne seine schönen Erinnerungen, auch die nicht so schönen, denn sie zeigen uns ja auch auf, was wir gelernt haben im Leben. Und das ist gut so.
Also, nicht dass der Eindruck entsteht, ich mache mir keine Gedanken übers Älterwerden. Die kommen doch sowieso von alleine. Nix geht mehr so wie früher, aber das ist eigentlich auch ein doofer Gedanke, weil, das kannst du dir ja in jedem Alter denken. Mit 20 geht auch nix mehr so wie mit 10, ist doch so. Also eigentlich Blödsinn. Es ist der Lauf der Dinge, dass wir Menschen auf den Tod zu gehen und dass der Abbau nunmal im Programm steht. Ich weiß gar nicht, wieso sich die jüngeren Leuts immer so arrogant über das Alter äußern. Die sind blind für ihre eigene Wirklichkeit, sonst täten sie es nicht. Aber egal, ich will jetzt nicht schwadronieren über philosophische Betrachtungen des Älterwerdens, sondern ein wenig erzählen, wie es mir alter Jahrgang mit meiner Freundin auf dem Konzert von Käptn Peng ergangen ist.
Das Palladium, in dem das Konzert stattfinden sollte, liegt ein wenig am Nebenschauplatz von Köln-Mülheim auf einem jedoch sehr schönen Gelände, wie ich finde, direkt neben Schauspielhaus und Depot. Dort war ich nämlich auch vor einiger Zeit zum Theaterstück Adams Äpfel und sah die Anlage das erste mal, seit dem ich wieder in Köln lebe. Hat mir sehr gefallen, der ganze Bereich vor den Aufführungshäusern mit einigen Lokalitäten und einem Biergarten. Das lädt doch zum verweilen ein.
Angekommen am Palladium wollen wir eigentlich was trinken und eine rauchen. Fragten die Security ob wir, nachdem wir drinnen ein Getränk erworben haben, wieder raus könnten, wegen Kippchen rauchen. Nö, geht gar nicht. Abgerissen die Karte, dann kannste nicht mehr rein. Blödsinn sagte ich. Wieso? Kannste doch nen Stempel geben. Hatten se nich. Na gut, typisch deutsche Organisation. Obwohl, später dann dachte ich, ist vielleicht auch schwierig wegen der Kontrolle im Hinblick auf den Terrorwahn. Verstehe. Alles gut. Drinnen gabs dann auch einen Ausgang zum Hof, wo wir noch Zeit hatten zu trinken und zu schmocken. Dort saßen schon einige Leute auf dem Boden herum. Junge Leute, Altersdurchschnitt 28 Jahre würd ich mal so sagen.
Hm..wieder kurz so ein Gedanke in mir, Roeschen, was machste hier. Aber wir waren in guter Stimmung, meine Freundin und ich. Hatten uns auch viel zu erzählen. Und überhaupt, dem Geist und dem Gefühl ist es doch wurscht, ob du ein paar Falten mehr oder weniger hast, irgendwo da an Stellen deines Körpers. Und wie jung ich letzten endes bin und mich fühle, ist total unabhängig von der Vergänglichkeit des Körpers. Stellte ich dann auch recht schnell mal wieder fest.
Wir kämpften uns durch bis zur Bühne. Ich muss vorne stehen bei Konzerten. War schon immer so. Und die Freundin ebenfalls. Das paßte ja prima. Die Vorband Pavlidis, zwei Typen, erschienen und legten sogleich los. Rap, Hip-Hop, teils mit orientalischem Instrumenteneinschlag. Gefiel mir auf Anhieb. Da ging ich direkt ab. Leider hab ich nicht herausbekommen können, was für ein Instrument einer der beiden Jungs spielte, aber es war wahnsinnig gut. Und die Texte sowieso. Es ist ja beim Hip-Hop so, dass es recht schwierig ist oft, auf Beides zu achten, den Text und das Musikarrangement. So wechselte ich zeitweise.
Ich blickte hin- und wieder um mich herum und bekam meinen Eindruck des Altersdurchschnitts der Konzertbesucher bestätigt. Hier zählte ich, aber auch meine Freundin tatsächlich zum alten Eisen, wie man so schön zu sagen pflegt. Alles junge Leute. Doch egal. Macht ja nix. Ich habs eh nicht so mit Eisen, liebe Holz viel mehr, es ist viel leichter zu be- und verarbeiten und strömt einen intensiven Duft aus und der ist noch ganz unterschiedlich, je nachdem von welchem Baum und Strauch er abstammt. Und eine Skultptur aus Holz, oder ein anderer Gegenstand, ja auch das Möbiliar aus Holz das strömt doch eine Wärme aus, ohne die ich gar nicht leben möchte. Aber schon wieder schweife ich ab.
Pavlidis spielen genau 1 Stunde, bevor der Käptn mit seiner Tentakelband auf die Bühne kommt. Das Publikum johlt und klatscht. Die freudiger Erwartung ist ihnen allen anzumerken. Die kennen sich aus. Haben ihn wohl schon mehrmals gesehen. Meine Freundin übrigens auch. Sie ist ihnen schon mehrfach hinterhergereist. Ich kenne das, hab ich auch oft gemacht, wenn mich die Begeisterung für eine Band oder eine Musik erwischt hat. Dann kann ich erstmal ganz lange nicht davon lassen. Begeisterungsfähigkeit für etwas im Leben ist für mich das Salz in der Suppe. Ich könnte gar nicht leben, ohne mich immer mal wieder für irgendetwas zu begeistern. Manchmal hab ich den Eindruck, dass das Begeisterungsgen bei den Menschen um mich herum erloschen ist. Alle leben in ihrem Hamsterrad und Trott und ggfs. wird etwas abgehakt, weil man ja schließlich irgendwas machen muss. Ich kenne das aus der Familie. Da gibt es so Leute, wenn du die triffst, dann erzählen die ohne Punkt und Komma, wo sie jetzt wieder überrall waren, Tansania, Tokio, Dubai, London, Khuala Lumpur und das nächste Ziel ist schon ins Auge gefaßt. Aber ich habe bei ihren Erzählungen immer das Gefühl, dass sie eigentlich gar nicht da waren. Husch, husch, husch und weiter. Nun ja...mir solls wurscht sein.
Bevor also der anscheinend legendäre Käptn die Bühne betrat ergab sich aber noch ein kurzes Geplänkel, was mir nachhaltig zu denken gibt. Eine wirklich aggressive Situation. Da kam wohl eine Konzertbesucherin, die sich ein Getränk geholt hat, wieder an ihren Platz zurück und wurde von einer anderen dermaßen aggressiv attackiert und das nicht nur wörtlich, sondern auch körperlich. Bisserl schmunzeln musste ich ja, denn die Attackiererin war deutlich körperlich kleiner als die Attackierte. Sie solle sich gefälligst nicht vordrängeln oder so ähnlich, ganz genau hab ich das auf die Schnelle gar nicht erfassen können und daß sie ihren Hut abnehmen solle. Hehe, ich war fassungslos. So was hab ich in all meinen alten Festival- und Konzertbesuchszeiten noch nie erlebt. Also damals, 1970, da war ich dabei auf der Insel Fehrman, gerade mal 15 Jahre alt, heimlich abgehauen und per Anhalter mich durchgebracht, um dann mit Kniffs und Tricks auf das Gelände zu kommen, Hatte auch geklappt. Da gab es Unruhen, jedoch hatte ich null komma nix davon mitbekommen. War so. Hatte es erst später erfahren.
Ansonsten hab ich nie agressvie Situationen bei ähnlichen Events erlebt und schon gar nicht so hautnah. Fühlte mich fast ein wenig hilflos, mischte mich ein und versuchte die Situation irgendwie zu schlichten und zu besänftigen. Aber die Agression dieser kleinen Konzertbesucherin war so heftig und schien nicht ruhen zu wollen. Ich war heilfroh, dass erstmal Stille herrschte dann für eine gewisse Zeit. Ich bot ihr auch an, dass sie nach vorne, vor mir den Platz einnehmen solle. Das lehnte sie jedoch ab mit dem Hiwneis, sie wolle schließlich bei ihren Leuten bleiben. Bisserl Unmut hatte ich da schon und sagte ihr das dann auch, nun ja, alles kann man eben nicht haben wollen und gut ist.
Dann endlich ging es los, eine gewaltige Inszenierung da vorne auf der Bühne mit Lichtshowelementen, die nicht zu stark ins Gewicht fielen, aber dennoch dem ganzen ein gewisses Etwas verliehen. Der Käptn, übrigens mit richtigem Namen Robert Gwisdek und Sohn von Schauspielereltern, Peter Gwisdek und Corinna Harfouch oder wie die heißt, sorry, die kann ich gar nicht ab, aber da kann der Sohn ja nix dafür. Wie ich dann im Vorfeld schon gelesen hatte, war er publikumsmäßig nicht unbekannt. Hatte schon nach der Schauspielschule in einigen Filmen im Fernsehen mitgewirkt und war auch wohl bei Hörspielen gut unterwegs. Seine Filmographie ist schon recht beachtlich. Nun ja, ich bin zumeist ein wenig weltfremd, mir war er bis dato nicht bekannt. Er erinnerte mich auch an meinen Sohnemann, die junge Generation halt, die wach und aufmerksam die Welt betrachtet und wenn sie einmal loslegt mit dem Reden unglaublich viel Reflektiertes herauskommt, dem ich gerne zuhöre. Ich bin froh, dass es solche Menschen gibt, die da in die Zukunft weiter hineinwachsen und anderes hoffentlich mitgeben können.
Endlich begann aber das Szenario. Ja Szenario, Vorstellung, Projekt, Kunst, Musik, alles zusammengefügt, war das Bild, das sich vor meinen Augen bot. Die Menge hinter mir tobte. Ich spürte noch immer diese negativen Energien hinter mir. Ich bin son Typ. Ich konnte das auch nicht ganz ausschalten. Dennoch war ich in Bann gezogen. Während ich noch bei Pavlidis mit tanzte und hüpfte, obwohl auch ihre Texte sehr nachdenklich waren und mir alle gefielen, war ich beim Käptn und dem Tentakel von Delphi eher hypnotisiert. Das teilweise Rezitieren von Texten verschlang mich regelrecht und ich musste auch aufpassen, alles zu verstehen, die Musik und die Lautstärke verschluckte einiges. Aber ich höre es nach, während ich diesen kleinen Blog schreibe, ganz still hier an meinem PC.
Alle Songs sind mit Texten ausgestattet, die intelligent und gesellschaftskritisch waren. Auch fehlte die eigene Beleuchtung des Seins nicht. Ich mag so etwas einfach. Ich fragte mich, während ich mich hin.- und wieder umschaute und der Menge zusah, ob da etwas rüberkommt. Denn, viele, die da so mithüpften und begeistert waren, erschienen mir vom äußeren Bild her eher wie Gefangene ihres Lebens, obwohl sie noch so jung waren. Ob sie eigentlich damit etwas anfangen konnten, mit dem Inhalt der Songs. Mitsingen ist ja einfach, denn textsicher schienen fast alle zu sein. Aber ob da etwas bei ihnen ankam, was ihrem Leben vielleicht einen Schubs geben könnte oder so was wie Hoffnung. Ich bin jedenfalls schon davon ausgegangen, dass die Band um den Käptn herum diese Intention hatten. Sie wollten nicht einfach nur ihr Ding machen, sie haben eine Botschaft an ihre Zuhörer. Ich empfand teilweise die Zuhörer gegenüber des starken Ausdrucks der Performance mit ihren Texten als Widerspruch. Meine Freundin erzählte mir auch nach dem Konzert, dass dieses Konzert das größte bisher war, dass sie von der Band gesehen hatte. Bisher waren die Location doch wesentlich kleiner und die Zahl der Zuhörer somit auch kleiner. Vielleicht war die Band ja selber überwältigt von dem Zustrom ihrer Besucher. Vorab sollte das Konzert ja auch in einer kleineren Halle stattfinden, jedoch ging der Vorverkauf so rasant von statten, dass in eine größere Halle gewechselt werden musste. Was für ein Lebensgefühl hatten diese jungen Leute da wohl? Ich versuchte mich in sie hineinzuversetzen. Wie wäre es, wenn ich in diesem Alter wäre und in und mit dieser Zeit leben müßte, noch alles vor mir.
Wenn ich mich so durch verschiedene Hip-Hop Interpreten hindurch suche und mir es anhöre, dann fällt mir auf, dass die Musik die gemacht wird, also ihr Ausdruck, wie eine Litanei daherkommt, also nicht nur der Rap, der Sprechgesang, fast schon eine Unterhaltung mit sich selbst oder einem der Bandmitglieder. Das Geschmäckle des Beats, des Rhythmusses ist eher wie eine desillusionierte Wolke, die mir entgegenschwebt. Aber vielleicht auch ein wenig wie ein Klagen, so hab ich es jedenfalls empfunden.
Wenn das eine Weile so ging, sah ich mit tiefem Ernst zu, niemals hätte ich da mit hüpfen oder mich gar zu großen Tanzbewegungen einfinden können. Alles klang doch auch wie ein heiliger Ernst. Ich war froh, wenn dann mal zwischendurch ganz plötzlich, wie ein Gewitter, eine Explosion, ein Unterbrechen dieser Lethargie des Beats und des Textes hervorbrach und der Käptn wie ein Dilldopp über die Bühne lief, sprang, tanzte. Auch in mir wollte es dann, wie eine Befreiiung herausbrechen. Ich kenne das ja auch im Leben. Du gehst durch die Tage, nimmst auf, viel zu viel Reize oft und dann plötzlich gibt es eine Situation wo all das, was in dir aufgefangen wird, sich einen Weg herausbannen will und ich drücke es dann auf verschiedene Weise aus. Manchmal muss ich mir einfach Luft machen und dann muss ich laufen oder radeln oder einfach nur springen und mich bewegen, manchmal kann es passieren, dass ich an einer bestimmten Aussage eines andern Menschen, die vielleicht besonders lustig war, einfach mit meinem Lachen herausplatze, weil sich so Vieles in mir gesammelt hat. Mir ist bewußt, dass da manchmal ein Mensch nicht mit klarkommt und denkt, huch, was ist denn mit dem Roeschen los, so doll war der Witz oder das Gesagte ja nun auch nicht. Aber sie wissen ja nicht, was in mir ist. Wie wir alle nicht wissen, warum, wieso ein Mensch plötzlich so handelt wie er handelt oder warum er sagt, was er sagt. Wenn keine große Nähe zum Anderen besteht und er nicht ein wenig begriffen hat vom Wesen dieses Menschen, ist das eben auch schwer. Daher denk ich immer, wir Menschen müssen alle vorsichtig sein mit unseren Urteilen, Vorurteilen und Verurteilungen. Besser ist es, wenn es einem wichtig ist, zu versuchen, den anderen zu verstehen. Und was ist schon schlimm an einer kleinen Explosion. Im Gegenteil sie zeugt ja auch von einem immensen Potential an Lebenskraft und Energie. Das ist ja schön.
Ca. nach einem Drittel des begonnen Konzertes schaute ich mich mal wieder nach hinten um, weil es immer noch dieses Geplänkel zwischen den hinter mir Stehenden gab, wenn auch nicht mehr mit großen Worten, um so mehr aber mit giftigen und unfreundlichen Blicken. Ich faßte mir ein Herz und sprach den Freund des agressiven Mädchens an und sagte ihm, er solle doch mit ihr zusammen zu mir nach vorne kommen, sich vor mich stellen, dann hätten sie direkt einen freien Blick auf die Bühne. Dieses mal hat es geholfen. Ohne Worte zog er seine Freundin an der Hand nach vorne und endlich war Ruhe und ich hatte nun auch nicht mehr diese ungute Strömung von hinten im Rücken. Ich fühlte mich direkt befreiter, denn immer noch schwelte da eine Sorge, da könne etwas eskalieren.