Das Buch von Iris Wolff - Die Unschärfe der Welt - möchte ich gern ans Herz legen. Es ist schon etwas älter, jedoch bin ich erst jetzt dazu gekommen, es aus meinem Regal ungelesener Bücher herauszuholen.
Es ist ein feinfühliges, ruhiges Buch mit großer poetischer Kraft und einer Sprache, die den Leser wie schwebend daherkommend anrührt.
Die Welt und das Leben der Menschen in dieser, die Iris Wolff in ihrem Buch über den Ort, an dem das Buch beginnt, dem Banat und Siebenbürgen, einer Region in Südosteuropa, das heute in Rumänien, Serbien und Ungarn liegt, beschreibt sie so leise und mit starken Bildern, dass sich gefühlsmässig in diese Landschaft hineinversetzt werden kann. Ein Ort zum Träumen, wenn da nicht die politischen Umstände wären, in denen die Menschen dort leben.
Es sind sieben Menschen, von denen wir erfahren, einerseits Familie, zum anderen Wahlverwandschaften, die jedoch alle miteinander zu tun haben. Mit allen diesen Personen wandern wir durch eine Zeit des 20.ten Jahrhundert, eine Zeit zwischen der Herrschaft des rumänischen Königs Michael und dem Sturz des Ceausescu-Regimes. Es schildert in Momentaufaufnahmen das Leben dieser Menschen, erzählt aus verschiedenen Perspektiven.
Es beginnt mit Hannes, dem Pfarrer der Gemeinde, in der sie leben und Florentine, die ihr erstes Kind erwartet und aufgrund gesundheitlicher Probleme in ihrer Schwangerschaft allein mit einer Kutsche in die nahegelegene Stadt reisen muss, um sich untersuchen zu lassen. Sie will das Kind auf jeden Fall behalten, was schließlich auch gelingt.
Samuel wird er heißen. Ein stilles, ruhiges Kind, dass er auch als Erwachsener bleiben wird, der erst mit fast drei Jahren das Sprechen erlernt. Er wird ein Zuhörer und geliebter Gesprächspartner.
Sie führen ein ruhiges, beschauliches Leben, dass aber auch unter dem Regime leiden muss. Der Vater, Hannes, wird festgenommen. Man vermutet Untreue dem Staat gegenüber. Aber er wird entlassen und steht fortan unter Beobachtung.
Der introvertierte Samuel wird erwachsen, er lernt die Liebe kennen zu Stana, der Tochter der Nachbarn, mit der er schon zu Kinderzeiten befreundet war. Samuel ist der rote Faden, der sich durch die Lebensgeschichten aller Protagonisten zieht.
Samuel wird flüchten. Er wird Stana zurücklassen müssen, aber sie nie vergessen. Mit seinem Freund OZ, der sich von der Diktatur wie vor einem fürchterlichen Drachen als Symbol der Bedrohung fürchtet. Samuel hilft ihm die Flucht zu organisieren. Mit einem Kleinflugzeug gelingt ihnen eines Tages in den Westen zu gelangen. Sie haben ein Abenteuer bestanden, es ist ihnen geglückt.
Samuel sucht im Westen seinen Weg, übt viele Berufe aus, zu einer Ausbildung hat er es nicht gebracht, das Leben war einfach zu vielschichtig. Dort im Westen, in einem kleinen Ort an der See begegnet er dem Buchhändler Bene. Bene war vor vielen jahren, als Samuel noch klein war, mit einem Freund schon mal auf der Durchreise in seinem Dorf und hatte bei der Familie von Samuels Eltern Herberge gefunden.
Bene ist leidenschaftlicher Buchhändler. Er liest, was er zischen die Finger bekommen kann. Niemals verleiht er ein Buch. Bücher gehören für ihn zum eigenen Leben, die man nicht herausgibt, weil sie das eigene Leben prägen. Er leiht daher auch niemals Bücher, denn geliehene Bücher zu lesen, sei wie Sex mit Klamotten. Bei diesem Satz musste ich schmunzeln.
Wir erfahren vom Leben seiner Großeltern, seine Großmutter hatte noch König Michael kennenlernen dürfen, ein Erlebnis, dass sie nie vergessen wird. Und wir erfahren von Liv, Samuels Tochter, die er, wieder nach Hause zurückgekehrt, mit Stana hat heiraten wird. Seine große Liebe hatte ein Kind geboren, von dem Samuel erst erfuhr, als er wieder daheim war. Man wollte es ihm nicht sagen, weil befürchtet wurde, dass er das Wagnis der Flucht dann nicht eingehen wird. Samuel wird später mit seiner Familie in den Westen gehen, nach Baden-Württemberg, wo er sich niederläßt.
Zurückgekehrt in den Banat denkt sein Freun Bene, der ihn begleitet hat, alles sieht so aus wie immer nach dem Sturz des Diktators. Aber es war nicht wie immer.
Es sind auch die Sätze, die einen berühren, die wir in diesem Buch begegnen, es sind nicht nur die Geschichten und das Leben der Figuren. Sätze wie:
Die größe Einsamkeit war die des Vergessen
oder
Für Anfänge muss man sich entscheiden, Enden kamen von allein, wenn man sich nicht entschieden hatte.
So erzählt dieser Roman von Verlust und Neuanfang, von Freundschaft und Zusammenhalt der Familie über alle Grenzen hinweg. Familie ist der Halt, den wir haben, wenn die Umstände um einen herum bedrohlich, schmerzhaft und angsterfüllt sind. Und er führt uns durch ein großes Stück Zeitgeschichte, des Sturzes des Ceausescu-Regimes und den Neuanfang in Orten und Gegenden die einem nicht vertraut sind und ein Stück Sehnsucht nach der alten Heimat immer bestehen bleiben wird.
Denn es gab sie, die Sehnsucht nach etwas, das verloren war, Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erfüllt hatte, Sehnsucht danach, etwas zu finden, und manchmal auch danach, etwas zu verlieren!
Viel Vergnügen beim Lesen dieses wunderschönen Romans mit dem Iris Wolff auch ihre eigenen Erinnerungen verbindet, denn sie ist dort, im Banat geboren und erst 1985 mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandeert, wo sie später Deutsche Sprache und Literatur, Religionswissenschaft und und Grafik und Malerei studierte.