
Da ist ein Loch in Deinem Pulli, sagte mir neulich Jemand. Ich weiß, antwortete ich, heute Morgen, als ich ihn anzog, bemerkte ich es, heimtückisch, ganz klein, zuerst gar nicht sichtbar, erst beim Ziehen in den richtigen Sitz des selben.
Ich hab ihn dennoch nicht ausgezogen. Den Pulli. Mir war das ganz egal. Na und? Dachte ich!
So ein kleines Löchlein, wen stört das schon. Fast erwuchs in mir ein ganz klein wenig Liebe für dieses kleine Löchlein in meinem Pulli.
Ein Gefühl wie Zärtlichkeit und Wärme machte sich im ganzen Körper breit. Merkwürdig. Für so ein kleines Löchlein. So große Gefühle.
Da war dann noch etwas. An Gefühl. So ein ganz klein bißchen. Eine kleine Scham. Aber nur eine kleine. So ein wenig. Vielleicht...
Vielleicht dachte der Jemand jetzt komisch über mich. Dass ich eine Schludertante bin. Oder gar eine Unmöglichkeit für diese Welt. Es kann doch nicht durch die Strassen des Konsums mit einem Loch im Pulli daherspaziert werden. Wo es doch überall das Neue gibt. Wenn du das Neue nicht willst, dann nimm wenigstens Nadel und Faden.
Stopf es, das Loch, was eigentlich nur ein Löchlein ist. Es ist dann wenigstens in Ordnung.
Adrett, sauber und in Ordnung. Wie das Leben so mancher Menschen. Wenn du von außen schaust. Auf das Leben so mancher Menschen.
Die haben das gut gestopft das sichtbare Leben. Es gibt ja so Vieles, mit denen die Löcher ihres Lebens gefüllt werden können.
Schwamm drüber, Loch zu, weiter gehts.
Ich kann das nicht. Es würde mir fehlen, das Gefühl in mir für das kleine Loch da im Pulli. Und von den vielen Löchern in meinem Leben mal ganz zu schweigen. Dieses schöne warme zärtliche Empfinden für die Wunden. So ist es doch. Selbst der Pulli zeigt mit seinem kleinen Löchlein eine Wunde auf im Material. Was macht das schon. So was passiert. Es hält nichts auf ewig. Es bleibt nicht alles in Ordnung für alle Zeiten.
Unachtsamkeit der Anderen, dein eigener Fehler, nicht aufgepaßt und schon ist es da. Das Loch, die Wunde.
Und wenn ich beizeiten jetzt doch stopfe, das kleine Loch, die Wunde im Pulli, dann bleibt es ja trotzdem. Solang ich ihn trage, den Pulli, wird die reparierte Stelle mich immer erinnern.
Ich hab dann einfach gelacht. Damals. Als der Jemand sagte, du hast da ein Loch. Im Pulli. Drehte mich um und sagte, ich weiß. Heute Morgen sah ich es. Macht doch nix, oder?
Ich bin froh, dass die Löcher, die Wunden, die das Leben mir zugefügt hat, zu sehen sind.
Manchmal jedenfalls. Von Menschen, die noch genauer hinschauen. Die bleiben bei mir so wie ich bei ihnen. Sehe doch auch ihre Löcher und Wunden. Und bleibe bei ihnen.
Die kleine Scham ist dann weg. Sofort. Es bleibt nur die Wärme und die Zärtlichkeit. Für meinen Pulli, den ich so gern trage. Das werd ich, bis er auseinanderfällt. Und auch mein Leben werd ich tragen, bis es auseinanderfällt. Die Zeit des Wegschmeissens ist Gott sei Dank vorbei. Schon vor Ewigkeiten gab es sie. Ich hatte verstanden. Irgendwann. Es läßt sich auch mit Rissen und Löchern durchs Leben gehen.