Es war so ein Tag, der mit einem Schmerz über das, was noch gar nicht war, begann. Solche Tage gibt es ja schon mal im Leben aller Menschen. Das tröstet mich immer. Obwohl man in diesem Fall ja eigentlich gar nicht von Trost sprechen kann. Denn, wer will schon, dass Menschen Schmerz erleiden. Dennoch ein Leben ohne Schmerz gibt es nun mal nicht. Daher stimmte mich das Wissen darum, dass jeder Mensch Schmerz erleidet, tröstlich. Ich bin da nicht allein. Auch wenn durch den Schmerz jeder allein durch muß. Da kann Niemand helfen. Gefühle aushalten, das kann einem Niemand abnehmen.
Und so ist es wohl im Leben, dass einerseits bei allem Zufriedensein mit dem Verlauf des eigenen Lebens auch ein Schatten des Schmerzes der Ereignisse liegt, die einem gerade zu schaffen machen. Es gibt immer zwei Gesichter, die durch die Welt getragen werden. Und vom Schmerz will eh Niemand etwas hören und wissen. Daher ist es besser, ihn nicht nach aussen zu tragen. Ich jedenfalls bin son Typ, meistens. Nur ganz ganz vertraulichen Menschen erzähle ich ihn ab und zu. Aber das ist selten, weil auch ein wenig Sorge mitschwingt, kann der Andere auch gut damit umgehen und ihn nicht nur mit bewahren, mich dadurch ein Stückchen besser kennen lernt oder nutzt er das Wissen aus oder gar nimmt ihn nicht ernst. Ach, es ist ja alles so kompliziert, manchmal, wenn sich zu viele Gedanken gemacht werden.
Jedenfalls an diesem Tag, an diesem Morgen wühlte dieser Schmerz arg in meiner Seele, als ich mich auf den Weg zu meiner Arbeit, auf die ich mich immer so freue, machte. Ich war faul an diesem Morgen, ich fuhr nicht mit dem Rad. Manchmal siegt einfach der Schweinehund in mir. Daher benutzte ich die öffentlichen Verkehrsmittel. Um die frühe Zeit am Morgen sind die Strassenbahnen immer übervölkert. Eigentlich hab ich eine Abneigung gegen das Strassenbahnfahren. Mir rücken die Menschen da zu sehr auf die Pelle. Ich kann mich gar nicht wehren. Mit einem Rundumblick versuche ich oft gleich zu erspähen, wo ich mir einen Platz, sei es stehend oder sitzend, ergatten kann, an dem ich mich mit meinem Buch zurückziehen und versinken kann. Meistens verfahre ich so. Manchmal halte ich aber auch die Augen ganz wach auf und schaue so um mich, was so passiert. Auch in die Gesichter der Menschen, die zumeist am frühen Morgen alle so trostlos erscheinen, übermüdet, resigniert, jedenfalls wenig freudvoll. Selten begegne ich blitzenden Augen oder einem lachenden Mund. Wenn ich mich selber nicht in meine Bücherwelt zurückziehe, ja, das kann ich behaupten, schau ich zumeist freundlich in die Welt, obwohl dieses Gefühl ob der zu dicht an mir heranrückenden Menschen auch da ist. Ich bin einfach son Typ. Denke mir immer, die anderen können ja nix dafür, dass gerade ein Schmerz oder gar eine Abneigung in mir wohnen. Daher...bin ich so und tue so.
Ich finde also an diesem Morgen einen gerade noch frei gewordenen Sitzplatz, besetzte ihn und hole mein Buch heraus, beginne zu lesen. An der nächsten Haltestelle steigt in die Strassenbahn eine ganze Horde lachender, schnatternder und aufgeregter Kinder ein. Eine Schulklasse. So um die 9 Jahre alt sind die Pänz wohl. Ich merke auf für einen Moment und denke, oha, die wollen wohl in den Zoo, denn der liegt genau auf diesem von der Strassenbahn befahrenen Weg. Die haben sich auf was zu freuen. Schön ist das und schmunzele vor mich hin, während ich dennoch ob des Krachs weiterlese.