Es ist 1o.oo Uhr morgens und ich sitze bei unserem Nepalesen in Delhi, wo wir nach 16stuendiger Fahrt mit dem Local-Bus aus Manali angekommen sind.
Eine Fahrt mit dem Local-Bus der Region ist noch mal etwas anderes als mit einem Touri-Bus. Eingepfercht zwischen ca. 3o nicht wirklich wohlriechenden, staendig spuckenden, hustenden und ruelpsenden indischen Maennern, deren starrende Augen einen fast zu verschlingen drohen und man aus Gruenden von Missverstaendnissen das Laecheln lieber bleiben laesst, fuehlt man sich schon ein bisschen ausgeliefert.
Als ich meinem Sohne die Situation schilderte, meinte er, vielleicht tun das die indischen Maenner, weil sie damit eine uebergrosse Freude ausdruecken moechten. Wer weiss! Aber warum packen sie sich eigentlich, wie ebenfalls alle italienischen Maenner auch haufig, immer zwischen die Beine? Wollen si kontrollieren, ob noch alles da ist? Ich finde keine Erklaerung!
Der Bus ist also knallevoll und draussen stehen noch weitere ca. 2o Inder mit Rucksaecken, Taschen, Kartons und anderen Utensilien, ich glaube, es war auch Gefluegel dabei, ob die das wohl ueberleben? WO sollen die denn noch alle hin? Aber irgendwie geht alles. Die Haelfte verschwindet samt Gepaeck auf dem Dach, die andere Haelfte wird, egal wie, einfach in den Bus gedrueckt. Eine der Inder sitzt uns fast auf dem Schoss, der Anblick seines Hinterteils ist nicht gerade erfreulich! Ueberhaupt, die Kleisung von einigen ist so verschmutzt, zuhause wuerden wir sagen:" Den fasse ich nicht mit der Kneifzange an!" Aber so ist das nunmal in Indien, es geht ums Ueberleben und nicht um Hygenie, bei vielen zumindest.
Vor mir kriegt wieder einer einen Hustenanfall und rotzt aus dem Fenster, so dass ich geschwind mein eigenes schliesse, man kann ja nie wissen! Der Busbegleiter sucht sich seinen weg durchs Gewuehl, fuer mich ein Raetsel, wie er das schafft, um alle anderen Zusteiger zu kontrollieren. Gott sei Dank, bekommen wir mit, fahren nicht alle Anwesenden bis nach Delhi. Grosse Erleichterung macht sich breit.
Der Bus faehrt los, der indische Fahrer ist ein Unikum, er quaselt ununterbrochen und seine Stimme hoert sich wie die Reibeisenstimme von Adriano Celentano an. Wahrscheinlich die Stimmbaender, ruiniert vom dauernden Reden, einfach ueberstrapaziert! Reden um nicht einzuschlafen, oder? sage ich zu meiner Tochter. Na ja, wenn es hilft!
Hinter mir klingelt ununterbrochen das Handy. Ich hoere ca. 15 Minuten lang folgende Worte: "Haha, atscha, haha, ha, ha, atscha, haha!" Ohjeh, dass muss die eigene Frau sein oder die Schwiegermutter, denn wie meine Tochter mir erklaert, bedeuten die Worte nichts anderes, wie o.k., ja,ja!" Der Arme, er tut mir aufrichtig leid!
Ploetzlicher Aufruhr, der Bus schlingert etwas, bleibt aber in der Spur und ehe ich mich versehe stehen wir an einer Busstation, um einen Reifen zu wechseln. Nochmal gut gegangen. Die Haelfte der Inder steigt bei dieser Gelegenheit aus, um, was wohl? Na in Reih und Glied ihr Geschaeft zu verrichten, sieht knaller aus! Frag mich gerade, wo Frauen hinsollten, aber die sind ja nicht da, ausser un s beiden, aber wir trinken nix, schon aus Vorsorge.
Waehrend der Reparatur mache ich mir mal wieder so meine Gedanken ueber die Sicherheit einer solchen Reise und muss an die Worte von Tashi, unserem Jeep/Fahrer durch den Himalaja, denken, als ich mich anschnallen wollte:" Forget it!", und muss laecheln. Ja stimmt, voelliger Unsinn, wer hier abstuerzt ist tot, ohne oder mit Gurt! Ich philosophiere mit mir selber ueber die Angewohnheit, das Leben staendig sichern zu wollen! Denn ich denke doch auch an Situationen, wo ich bei der Jeepfahrt hin und wieder meine Haende verkrampft in den Sitz gekrallt habe. Und ich erinnere mich auch in diesem Moment, dass ich genau in diesen Siatuationen innerlich gelaechelt habe: sichern, klar, wir weollen unser Leben nicht verlieren! Auch im Alltag ist das so! Wir muessen immer Recht haben, immer gut dastehen, muessen immer zeigen, was wir koennen, Eingestaendnisse, dass wir doch nicht so toll sind, wie wir uns selber gerne sehen,wuerdenuns doch ein Stueck Leben nehmen, entschuldigen! Niemals! Lieber mit dem Rudel laufen, als alleine bleiben, aber dafuer in der eigenen Wahrheit leben, lieber zu der Mehrheit halten, als dem anderen beizustehen, nein, das alles bloss nicht, wie wuerden ein Stueck unseres Lebens verlieren und das koennten wir nicht aushalten.
Aber wie ihr seht, haben wir auch die Drei/Tages?Exkursion durch den Himalaja, um zurueck nach Manali zu gelangen und nun hier in diesem Bus zu sitzen, ueberlebt, auch ohne Sicherung. Und gut, dass wir es gemacht haben, denn was waere uns sonst alles entgangen! Welch wunderbare Ausblicke, ihr seht, meine Begeisterung fuer den Himalaja ist riesengross, die vielen zotteligen Yaks, die Wildpfere, viele kleine putzige Murmeltiere und die typische Himalajakraehe, nicht zu verwechseln mit unserer kleinen europaeischen Art, sondern viel hoeher gewachsen, eher wie ein Storch. Und dazu die Uebernachtung in ein em Bergdorf, in einem Zimmer ohne Strom und Wasser mit netten kleinen vierbeinig krballenden Zimmergenossen, dafuer aber ein Essen, das jedem Gourmet das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen wuerde. Allerdings wuerde glaube ich, ein Gourmet sich nicht von diesen Jungs bedienen lassen, die uns hier das Essen kreiert haben und der Blick in die Kueche waere katasthrophal wirkend auf ihn gewesen. Aber wie gesagt, es hat wunderbar geschmeckt, wie sagten wir doch in der Kindheit:"Dreck reinigt den Magen!"
Und dann den ca. 25o km langen Tsomoriri/See, entlang der chinesischen Grenze, der mich verzaubert hat, in all seinen wechselnden schillernden Farben von tuerkis bis azurblau. Und als ich da am Ufer meditierte und mein Blick auf den ca, 4.7oo m entfernten Gipfel fiel, bekam ich Lust doch mal nachzuschauen, was da oben so los ist und wie weit man hinter den Gipfel schauen konnte. Also gedacht, getan, mit Toechterchen im Schlepptau hinauf. Oben angekommen, stellten wir fest, dass der Ausblick nur einen weiteren naechst hoeheren Gipfel gewaehrte. Wie im Leben, haste ein Problem bewaeltigt, schon komm das Naechste. Und unser Problem kam auch sofort, naemlich ein voellig unvorbereiteter Wetterwechsel. Im Nu verwandelte sich der Himmel in eine brodelnde Wolkenmasse, die Wellen des Tsomoriri/Sees schlugen hoch, wo er gerade noch still und friedlich vor uns lag. Ein Sandsturm fegte uns entgegen, dem ich mein Gesicht darbot und innerlich sagte:" Na los, dann komm schon, mich kriegste nicht klein!" Ein Fight, ein wirklicher, wie der Kampf mit den Daemonen in mir. Ich war in meinem Element!
Ach ja, das alles haette ich doch nicht erlebt, wenn ich auf Nummer Sicher gegangen waere!
Nun gut, nach meiner Traeumerei waehrend der Reifenreparatur, die sich ca, eine halbe Stunde hinzog, ging es endlich weiter durch das Himalaja-Vorgebirge, durch das Kullu/Tal entlang dem Beas-Fluss mit ebenfalls wechselnder Vegetation. Nach einiger Zeit schien der ganze Bus zu schlafen, ausser dem Fahrer natuerlich, so hoffte ich doch und meiner Wenigkeit. Mein Toechterchen hatte ihren Kopf gegen meine Schulter gelehnt und schlief ebenfalls seelig und ich genoss die Naehe, irgendwie wie nach der Geburt, als sie friedlich auf meinem Bauch lag und wir gemeinsam die suesse Ruhe genossen. Schoen diese Naehe nochmal zu erfahren auf dieser Reise.
Unsere Ankunft in Manali, der Stadt am Fusse des Himalajas, touristisches Ziel fuer alle Inder, vor allen Dingen fuer Hochzeitspaare. Lauter lachende, junge Menschen, die es wagten und die mit uns abgelicjhtet werden wollten. Wir konnten nicht nein sagen, wer will dem andern nicht schon Glueck bringen, denn so sei es, sagten sie immer wieder.
Hektischer Trubel inManali wegen der Apfelmesse oder besser gesagt dem Apfelfestival, denn die Gegend ist ueberreicht an der Apfelernte verschiedener Sorten. Das hat sogar den Premierminister der Region hier hergebracht und er wurde stuermich mit Musik und Begeisterung von der Bevoelkerung begruesst. Personenverehrung wird in Indien gross geschrieben! Noch etwas gibt es in Manali wie jeck, Hanf, ueberall, soweit das Auge reicht, selbst in staedtischen Park. Das zieht natuerlich Abgedrehte aller Art an. Sie kommen zum Kiffen hierher, besonders die Israelis, haben wir uns sagen lassen. Daher hat die indische Regierung auch die Visa-Genehmigung fuer Isrealis auf ein halbes Jahr beschraenkt. Es muss zuviele Durchgeknallte gegeben haben.
Den groessten Hippi/Flair findet man in Old/Manali, der Altstadt und im ca. 3 km entfernten Vashisht. Aber Vashisht bietet u.a. auch wunderschoen am Huegel gelegene kleine tibetische Wohnsiedlungen mit ihren Bauerngaerten, heissen Schwefelquellen, die wir auch unterwegs im Himalaja immer wieder entdecken konnten und in denen man direkt neben dem Vashista-Tempel baden konnte, um sich innerlich und aeusserlich zu reinigen. Ich wollte der EInladung des Sadhus nicht folgen, mir genuegte schon sein wilder, nackter Anblick!
Das war also ein wenig Seigtseeing von Manali und am Abend belohnten wir uns mit einem wunderbaren Abendessen bei unserm Tibeter, an dem wir am Ende noch zwei Flaschen Wein geschenkt bekamen! Warum?
In Indien darf man nicht schuechtern sein. Man muss seine Interessen verteidigen, auch schon mal in gespielt aggressiver Weise! Es verhielt sich so, dass wir eine Flasche Erbeerwein bestellten, die aber nach erstmaligemKosten, nicht nach Erdbeerwein schmeckte und uns zudem ein etweas merkwuerdiger chemischer Geruch entgegenkam. Wir waren zuerst etwas ratlos, riefen aber dann den Service, der kostete, schuettelte den Kopf, holte seinen Chef, der kostete, schuettelte ebenfalls den Kopft und meinte, ja, wir haetten Recht. Er haette sich schon gewundert, dass viele Gaeste den Wein bestellt haetten, oihn dann aber nicht getrunken haetten. Darauf rief er der Vertreiber an, der auch nach 1oMinuten an unserem Tisch stand, kostete und mit dem Kopf schuettelte. Was wiederum zur Folge hatte, dass er den Hersteller anrief, der dann ebenfalls nach weitern zehn Minuten an unserem Tisch stand, kostete und? Uns Recht gab. Irgendwas stimmte nicht.! Das End von der Geschicht. Die Beiden,Vertreiber und Hersteller zogen ab, der Chefe kam erneut an unseren Tisch, grinste ueber beide Ohren und verriet uns, der Hersteller habe ihm zugesagt, saemtliches Geld der gelieferten und bezahlten Weine zurueckzuerstatten, auch die, der guten und er sei uns unglaublich dankbar, dass wir etwas gesagt haetten. Dafuer duerften wir uns jetzt zwei Flaschen Wein aussuchen. Das haben wir natuerlich gerne in Anspruch genommen.
Ach ja, zwischen zwei Tshai/Tees in Delhi bei unserem Nepalesen hat es Spass gemacht, nocheinmal alles Revue passiern zu lassen, der letzten 6 Tage. Und das Ankommen in Delhi war genauso wie beim ersten Mal! Der Busfahrer schmiss uns irgendwo raus, als er merkte, dass ausser uns niemand mehr weiterfuhr und so standen wir mitten in der Praerie. Aber das ist normal in Indien.Sie tun was sie wollen. Umkaempft von hunderten Rikschka- und Taxifahrern, voellig verschwitzt, uebermuedet, aber gluecklich, versuchten wir unser Bestes ein fairen Preis auszuhandeln, was uns dann letztendlich auch unter groessten Schwierigkeiten und gespielter Aggressivitaet gelang und kamen endlich in unserem Hotelzimmer an. Froh, der Rikschka/Mafia entronnen zu sein, fielen wir auf unser Bett, in dem wir das erste Mal mit der Spezie Kakerlake in der Nacht in Beziehung traten.
Aber nun sassen wir beim Nepalesen, bereiteten schon wieder unsere Fahrt nach Varanasi vor. Das Ticket fuer den Nachtzu hatten wir bereits geloest. Es blieb uns noch einige Zeit zur Musse und Erholung der letzten Fahrt und zum Lesen der regionalen Zeitung, in der auch, wie ueberall auf der Welt, nur Negativ- und Ungluecksbotschaften standen.In Jammu, dem Gebiet nahe Kaschmir im Himalaja gab es wieder terroristische Ausschreitungen, diesesmal Frauen und Kinder, die ihnen zum Opfer gefallen sind. Vor allen Dingen geht die Angst vor Bioterrorismus um, will sagen, die Inder fuerchten sich vor Anschlaegen mit Krankheitserregern, oder Wasserverseuchungen usw.usw. Eine Moeglichkeit des Terrorismus, die wir glaube ich noch verkennen, aber dessen Ausmasse erheblichen Schaden anrichten koennen. Der Kampf zwischen Hindus und Moslems geht weiter, die Muslime richten Strassensperren in Kaschmir ein, was zur Folge hat, dass Transporte mit Oel., Benzin und Nahrungsmittel nicht mehr weitergeleitet werden koennen. Auch bekommen wir bestaetigt, wovor uns einige Nepalesen gewarnt haben, auch der Terrorismus in Nepal ist weitverbreitet, gerade in in den Bergregionen. Muessen wir Sorge haben? Keine Ahnung! Wir werden sehen! Wir muessen so oder so hin, denn unser Rueckflug geht von Kathmandu!
Wir packen unsere vom freundlichen Nepalesen eingepackten Lunchpakete ein und amchen uns ein letztes Mal auf den Weg, durch die ueberfuellten, staubig-verdreckten Strassen durch Delhi. Nein, Delhi werd ich nicht wirklich vermissen, aber es wird einen nachhaltigen Eindruck in mit hinterlassen.
Irgendwo hab ich in den letzten Tagen einen Satz in einem Buch gelesen:" Wer nach Indien reist, darf nichts beruehren, ausser sich selber!" Ich habe selten so einen dummen Satz gelesen. Wie will man ein Land bereisen, wenn man es nicht beruehrt, wie einen Menschen kennenlernen, wenn man ihn nicht beruehrt, mit Worten, Augen und dem Herzen. In diesem Sinne, ich werde mich nicht zurueckhalten.