Ich schreibe einfach gern:)
Ich liege unter meinem Moskitonetz auf meinem Bett. Wenn Hitze sinnlich sein kann, dann ist es die stille, sanfte Tropenhitze, warmer lauer Wind, der den Koerper beruehrt. Ich traeume gedankenverloren vor mich hin. Noch kurze Zeit vorher war ich voller starker, emotionsgeladener Gefuehle. Haette tanzen, huepfen koennen, wie ein Kind, dass nicht weiss, wohin mit all seiner Freude. Wann fuehlt man sich jemals im Alltag noch wie ein Kind, kann alles 1oo% auskosten?
Nun denn, ich bin wieder ruhig geworden, die Freude ist still und ruhig in mir und hat ein Laecheln auf mein Gesicht gezaubert. Warum?
Also ich gehe vier Jahre zurueck. Ich habe gerade meine Krebserkrankung besiegt und befinde mich in einer Kunsttherapiestunde. Meine Augen sind mit einem Tuch verschlossen und der Therapeut hat mir ein Stueck Ton in die Haende gelegt. Eine halbe Stunde habe ich Zeit aus diesem Klumpen etwas zu formen. Nach 3o Minuten oeffne ich meine Augen und was steht vor mir? Ein kleiner Elefant! Welch Ueberraschung!
Ich liebe Elefanten. Schon immer. Diese riesigen Dickhaeuter, die ueber eine unglaubliche Sensibilitaet verfuegen, haben mich schon immer in den Bann gezogen. Niemals jedoch bin ich nur in die unmittelbare Naehe dieser Dickhaeuter gekommen, geschweige denn, haette sie beruehren koennen.
Der Therapeut bittet mich fuer weitere 1o Muniten die Augen zu schliessen, um zu imaginieren. Gesagt, getan! Ich schliesse die Augen und sehe mich unmittelbar danach auf einer Wiese liegen, die Augen in den Himmel gerichtet und da kommt er! Der Elefant! Kniet sich neben mir, ich sitze auf und wir reiten davon! Wohin?, fragte mich der Therapeut damals. Und es kommt ganz spontan:" Nach Indien!" So was! Nicht wirklich hatte ich vorher im Traum daran gedacht, einmal nach Indien zu reisen. Es war eine momentane Sehnsucht, die sich ihren Weg suchte.
Na ja, nun nun hab ich Indien bereist und ich frage mich, was macht das Unterbewusstsein mit uns, wenn wir solche Traeume offenbaeren, wie arbeiten wir unbewusst auf dieses Ziel hin? Egal!
Jedenfalls jetzt in diesem Moment unter meinem Moskitonetz sehe ich, dass sich mein Traum erfuellt hat. Ich hab es getan! Ich bin nicht nur auf einem Elefanten geritten, sondern ich bin auch mit ihm im Rapti-River in Chtiwan schwimmen gegangen! Ich kleiner Angsthase!
Ja, ich befinde mich im Chitwan-Nationalpark, der im Sueden Nepals liegt, ca. 2oo km von Kathmandu entfernt.Es ist der aelteste Nationalparks Nepals und wurde in den 8oer Jahren zum Unesco-Welterbe erklaert. Wir haben drei Tage Aufenthalt geplant und ehrlich, ich sah diesen drei Tagen mit einem etwas mumlmigen Gefuehl entgegen, schon allein wegen der Malaria-Gefahr, die gerade in der Monsumzeit aktuell ist. Wir hatten keine Prophylaxe, schon wegen der Nebenwirkungen, die diese auftreten lassen koennen und fuer drei Tage wollten wir uns das nicht antun.
Schon am ersten Tag machten wir mit unserem Guide Ketuh einen Spaziergang durch das Dschungeldorf. Chitwan wird u.a. von er Voelkergruppe der Tharus bewohnt. Sie leben heute noch in einfach Lehmhuetten, das Leben spielt sich hauptsaechlich im Freien ab. Die Tharus kommen urspruenglich aus Indien, aus dem Gebiet um Rajasthan. In den 6oer Jahren befanden sich dort Muslime und Hindus in einem zerstoererischen Krieg, der zur Folge hatte, dass viele Hindus flohen und hier im Gebiet um Chitwan eine neue Heimat fanden. Das Land ist unglaublich fruchtbar und so leben die Tharus und der Rest der Bevoelkerung hauptsaechlich vom Acker- und Gemueseanbau. Dazu kommen Fruechte, wie Mangas, Papaya und Bananen. Ach! Diese Bananen! An jeder Ecke bekommst du sie hier angeboten. "Yes, please Madam, take Bananas, makes happy!" Da ist was dran, denn nie hab ich solche gluecklichen Menschen wie hier gesehen, die noch ganz in ihren alten Traditionen leben. Selbst der Jugend sieht man den Stolz auf ihre Wurzeln noch an. Nie hab ich ein so zärtliches Miteinander in den Familien wahrgenommen wie hier. Ein wirkliches Paradies und ich bin dankbar es gesehen zu haben.
Ketuh fuehrt uns natuerlich auch in Flora und Fauna ein, denn fuer jedes Zipperlein gibt es ein Kraeutlein, ebenso gegen Malaria. Die Nepalesen rauchen uebrigens Canabis gegen Malaria, soll helfen! Na dann! Und sobald man aus dem Reservat herauskommt, kann man den Blick ueber die Weiten des schoensten Gruens der Reisfelder schweifen lassen. Nie hab ich solches Gruen gesehen.
Nun, der naechste Tag ist festgelgt. Es sollen zuerst der Elefantenritt, obwohl die Nepalasen sagen Elefanten-Fahrt, warum auch immer! Danach Baden mit den Dickhaeutern, am Nachmittag Fuss-Safari und eine Kanufahrt auf dem Krokodilsriver. Wovor sollte ich also mehr Angst haben?
Ketuh lacht sich eins ins Faeustchen. Nein, keine Sorge Mum, sagt er, in den letzten Jahren ist nix passiert. Der Tiger schlaegt nur nachts zu, wenn ueberhaupt und die Rhinos sind meistens ungefaehrlich. Aggressive Rhinos erkennt man an ihren Verletzungen an den Ohren, dann aber muss man das Weite suchen.
Aber nun zur ersten Kroenung meines Tages! Nach dem Fruehstueck um 6.oo Uhr erledigt sich meine Sorge von allein. Denn ich ueberlege hin- und her, hoffentlich komm ich ueberhaupt rauf! Auf den Elefanten natuerlich! Aber vor uns steht ein Geruest, ueber das ich muehelos aufsteigen kann und dann sitze ich auf dem zwar ungemuetlichen Holzsitz, der meinen vier Buchstaben noch tagelange Beschwerden verursachte, dafuer bin ich die Freude selbst. Ganze drei Stunden werden wir hin- und hergeschaukelt, aber Punam, so heisst unser Dickhaeuter, stapft sehr vorsichtig durch den Dschungel. Mir geht das Herz auf. Vom ersten Augenblick an empfinde ich eine solche Zaertlichkeit fuer ihn, dass ich nicht aufhoeren kann, ihn zu beruehren. Ob er das wohl merkt? Klar, sagt unser Guide, Elefanten spueren die tiefe Gesinnung des Menschen. Ein Elefant weiss sich noch nach 1oo Jahren an einen Peiniger zu erinnern, er vergisst nichts. Hin- und wieder muessen wir im Dickicht des Dschungels unsere Koepfe einziehen, um Baumen und Straeuchern auszuweichen. Der Dschungel hat seine eigene Stille, man traut sich nicht, einen Ton von sich zu geben und trotzdem ist er voll von Stimmen, Geraeuschen und Gezirpe. Beides zugleich. Irgendwie ein bisschen wie die Ruhe vor dem Sturm. Hundert glitzernde Spinnenweben- und Netze sind zwischen den Baeumen verwebt und funkeln in der aufgehenden Sonne, unglaublich schoen, wie Perlen von Tau auf den Blaettern jahrhunderter alter Baeume, die ihre eigene Geschichte erzaehlen, umrangt von Schlingpflanzen und Efeu. Zwischendurch bleibt Punam stehen, weil er irgendeine Koesltlichkeit fuer sich entdeckt hat. Es sei ihm vergoennt. Elefanten fressen 25o kg Gruenfutter pro Tag, gemischt mit Weizen. Unvorstellbar nicht? Ploetzlich ein "Psst!" Unser Guide hat Spuren entdeckt. Rhinos, fluestert er uns zu. Wir haben Glueck, man findet sie nicht immer. Un da sehen wir sie auch schon, Mutter mit Baby in einem Tuempel sich gemuetlich tummeln. Ein Stueck weiter ein weiterer, wohl der Papa. Das ist ein besonderer Moment, denn Mutter und Kind ist eigentlich immer gefaehrlich, wenn der Papa sich in der Naehe befindet. Allerdings greifen sie niemals Elefanten an. Na dann ist ja alles gut! Spaeter erzaehlt uns Ketuh, dass er zweimal waehrend einer Fuss-Safari mit Touristen auf die Baume fluechten musste, weil sie einem aggressiven Rhino begegnet sind.
Drei Stunden sind viel zu kurz finde ich, ich haette noch Stunden mit Punam den Dschungel erkunden koennen. Aber nun kommt das absolute Highlight! Baden mit den Elefanten. O.k., sag ich zu Ketuh, ich komme mit, aber nur um meiner Tochter zuzuschauen. Gesagt getan! Wir kommen an, Toechterchen springt sogleich in die Fluten und ich laufe aufgeregt am Ufer hin- und her und vergehe fast vor innerer Aufregung! "Los!", sagt Ketuh, " rein ins Wasser , Mum!" Ich halt es nicht mehr aus, der Spass hat die Angst besiegt, also raus aus den Klamotten und rein ins kuehle Nass des Rapti-Rivers, der allerdings eine ziemlich starke Stroemung hat. Was soll schon passieren? Meine ersten Versuche, ueber den Ruessel auf den Elefanten zu kommen, scheitern klaeglich, ich rutsche jedesmall wieder ins Wasser. Ich lach mich weg und die Zuschauer haben ebenfalls ihren Spass.Ich glaub, ich hab noch nie soviel gelacht, das allein schon ist herrlich. Aber endlich gelingt es mir und da sitze ich Haut auf Haut auf dem Ruecken meines Lieblingstiers, meine Gefuehle spielen verrueckt, ich explodiere foermlich und denke, jawohl Herr Berners, mein Kunsttherapeut, sie waren ein Prophet. Aber mitten in diesen Gedanken beginnt Punam mich mit seinem Ruessel mit Wasser zu bespritzen, irre und dann heisst der Fuehrer mich aufzustehen. Oh mein Gott, ich sage Euch, ihr merkt, ich bin immer noch hin- und weg! Ich hab es geschafft, das sag ich Euch und stehe wie ein Koenig der Welt auf dem Ruecken von Punam und genau in diesem Moment faengt er an, sich zu ruetteln und zu schuetteln. Alles ist ein abgekatertes Spiel und ich falle ruecklings in die Fluten, juchhu! Ich versinke in den Fluten, verschwinde in der Stroemung, so dass mir der Guide einen Stick halten muss, damit ich wieder ins sichere Gewaesser komme, aber dann geht es weiter.
Ach, war das herrlich. Mein Leben lang, werde ich das nicht vergessen. Und wenn ich einmal sterbe, will ich auch an diesen Moment zurueckdenken, der mich so gluecklich gemacht hat. Und was kann jetzt noch passieren. Dschungel-Fluss-Safari mit Kanufahrt, das sind doch jetzt nur noch Peanuts. Aber ein klein wenig unheimlich ist es mir schon als ich in dem wirklich schmalen Boot ueber das seichte und modrige Gewaesser des Krokodilsflusses dahingleite. Ich erwarte jeden Moment ein Krokodil mit aufgerissenem Maul, dass wir wenig spaeter auch sehen, allerdings in etwas sicherer Entfernung. Allerdings brauche ich keine Angst zu haben, denn es verdaut bei geoeffnetem Maul, ist also schon satt. Krokodile sind Kaltbluetter und brauchen Waerme um zu verdauen. Ach ne, wie herrlich.
Und als der Tag hinter uns liegt und wir den Sonnenuntergang am Fusse des Rapti Rivers ueber dem Dschungel bestaunen duerfen, moechte ich, dass die Zeit stehen bleibt,fuer immer moechte ich hier verweilen. Es war ein Moment, in dem ich dachte, ich haette die Ewigkeit beruehrt, wenn ihr versteht, was ich damit sagen will. Das aendert sich auch nicht, als Ketuh uns im Laufe des Abends die Geschichte vom Tiger, der fuenf Menschen getoetet hat, erzaehlt, der nun gefangen im Ressort lebt. Denn erst nach einem weiteren getoeteten Menschen darf er erschossen werden. Oder von dem anderen Tiger, der nachts in den Ort gekommen ist und einem Mann, der wegen der Hitze draussen schlief, den Kopf angebissen hat. Noe, das aendert jetzt gar nichts.
Irgendwie bin ich eingeschlafen ob all dieser Erinnerungen unter meinem Moskitonetz. Ich glaube, das Laecheln ist die ganze Nacht auf meinem G
esicht geblieben. Am andern Morgen heisst es Abschied nehmen von einem Paradies auf Erden und von den Menschen, die ihr Leben mit uns geteilt haben.