Im Grunde bin ich doch eher ein Mensch, der nicht all zu gern in großer Gesellschaft ist. Natürlich war und ist dies in meinem Leben nicht immer unumgänglich. Und selbstverständlich bin ich dann auch kein Stockfisch,-) Aber...
im Grunde meines Herzens und meiner Seele ist mir doch meist das Alleinsein oder wenn, das Zusammensein mit einem Mensch am liebsten, mit dem ich ernsthaft reden kann und ja, natürlich auch ernsten Humor erleben kann;-) Ich bin ja kein trauriger Gesell:-)
Aber was ich liebe, das sind ganz unvorhergesehene Begegnungen mit wildfremden Menschen. Egal wo und zu welcher Gelegenheit ich auf sie treffe.
So, wie heute Morgen. Da war ein anstehender Friseurbesuch endlich mal wieder fällig. So was zögere ich auch am liebsten hinaus. Es gibt ja Menschen, die machen das in rhythmischen Abständen. Und ganz besonderes gibt es Frauen, die das wirklich genießen. Dieses Herumsitzen beim Figaro. Warum? Ich kann mir das nicht erklären, ehrlich. Vielleicht liegt es daran, dass der Friseur auch für manch eine so eine Art Seelendoktor ist, dem sie mal ihr Herz ausschütten können. Jedenfalls, wenn ich dem einen oder anderen Gespräch lausche, kommt mir das so vor. Also, jedenfalls muß das an den Haaren liegen. Ich meine an der Beschäftigung mit ihren Haaren. Denn...also, wenn ich gut überlege, hab ich solche Seelenoffenbarungen niemals beim Fußpfleger erleben können,-) Obwohl es doch eigentlich genau andersherum sein müßte. Denn da wird doch eher mal schnell was herausgekitzelt,-)oder?
Nun..ich schwenke wie immer ab. Das ist mein Stil,-) Ich kenne das gut, mein geneigter Leser auch, daher liebt er es oder er lehnt es ab. Ist kein Problem für mich:-)
Jedenfalls, von der zufälligen, unvorhergesehen Begegnung wollte ich schreibe.
Ich kam also gegen 8.30 Uhr voller Vorfreude bei meinem Friseur meines Vertrauens an. Innerlich guter Hoffnung, dass ich dann, wenn die um 09.00 Uhr öffnen, auch die Erste bin. Aber schon als ich um die Ecke bog, sah ich sie stehen. Die ältere Dame, mit rotem Rollkoffer und Handgepäck´, stand sie da vor der Eingangstür. Ein leicht mißmutiges Gefühl überfiel mich. Aber zumeist bleiben solche negativen Gefühle nicht sehr lange. Ich empfinde das immer wie ein kleines Gottesgeschenk, ist so. Wer sich lange ärgert, der verpaßt zuviel Freude im Leben. Ist einfach mein Lebensmotto. Jedenfalls eines.
Also, ich stand dann also vor der Dame, die, wie sich dann später im Gespräch herausstellte, im nächsten Märzen 80 Lenze zählen wird und dachte so vor mich hin: Roeslein, Roeslein, wie kannste jetzt dein Mißbehagen verstecken oder besser gesagt, nicht zum Ausdruck kommen lassen, dass diese wirklich liebenswerte, charmante und lebensfrohe Dame, wie sich später ebenfalls zeigte, dir deinen Terminplan durcheinander bringt:-)
Charmant, wie ich ebenfalls manchmal bin,-), sagte ich geradeheraus:" ALso wissen Sie, ich versteh net (dazu sei eingefügt....die Dame hat einen Kurzhaarschnitt oder besser gesagt...einen Igelschnitt),-), was Leuts wie Sie beim Friseur machen:-) Ich merke an, dass ich sie dies mit meinem charmantesten Lächeln fragte.
Und das war gut so, denn es war ja auch wirklich so. Das Mißbehagen hatte sich verzogen und Neugier auf einen mir unbekannten Menschen und Lust auf ein Gespräch mit demselben hatte mich ergriffen. So bin ich halt:-)
Und das ein Lächeln Tor und Türe öffnen kann, hab ich nicht das erste Mal in meinem Leben erfahren. So eben auch heute mal wieder.
Denn diese alte Dame fing sofort an, mir entrüstet zu erklären, wieso ich nicht sähe, dass die Friseur keine Fasson mehr hatte. Auweia...ich hab´s einfach net gesehen.
Aber von der Friseur ging es dann auch gleich weiter ins Leben. In ihres nämlich. Und dazu muß ich sagen, ich liebe solche Lebensoffenbarungen, Einblicke in unbekannte Geschichten sehr, denn, jedenfalls bisher, hab ich da immer etwas mitgenommen für mich. Eine Anregung, ein Gedanke, ein Bedenken, wie Leben auch gehen kann.
Und diese ältere Dame also erzählte mir von ihrem Leben, und zwar auf dem Lande. Oha...dachte ich...da steht doch eigentlich im Raum, ein Leben auf dem Lande ist heutzutage kaum noch möglich. Und schon recht nicht für ältere Menschen. Keine Infrastruktur, nix zum Einkaufen, shoppen, Vergnügungen jedweder Art. Es gab nicht mal ne Kneipe in dem Dorp, in dem sie im Taunus lebte. Und...das Wichtigste für Menschen im Alter, keine Ärzte. Wo doch die Wartezinmmer bei den Ärzten in den Städten voll sind von Menschen, insbesondere von älteren Menschen. Also, ich will jetzt nix gegen Gesundheitsfürsorge sagen. Bestimmt nicht. Aber ich weiß ja auch aus Erfahrung von der Arbeit in einer Arztpraxis, dass ältere Menschen oft etwas ganz anderes bei Ärzten suchen. Zuhörer nämlich. Für dieses und jenes. Aber egal.
Jedenfalls die ältere Dame versicherte mir treu und redlich, das sie keine Ärzte bräuchte. Sie meinte, wenn sie wegen jedes Zipperlein zum Arzt rennen würde, käme sie aus der Praxis gar net mehr raus,-) Sie jedenfalls ginge nur zum Arzt, wenn mal wieder Impfungen anstehen würden. So wie neulich. Da hatte ihr Arzt ihr natürlich auch den Blutdruck gemessen. Und der sei, so erzählte sie stolz, wie der eines jungen Mädchens:-) Ich hab gestaunt. Natürlich auch, weil ich gerade selber mal wieder ein wenig Probleme damit habe. Warum auch immer.
Die Impfungen, so erzählte sie mir, benötigte sie, weil...und jetzt kommt´s...Sie in den Wintermonaten von November bis März darauffolgenden Jahres in der Weltgeschichte herumreisen würde und sich an einen Ort zurückziehen würde, der warm und gemütlich ist. Jetzt denkt ihr wahrscheinlich Kanarische Inseln, Mallorca, Fuerteventura, Tenneriffa oder ähnliches. Nö...die Dame reist weit. Bolivien, Chile, China, Kuba, Indien, Nepal, Venezuela, und...und..und...Wow...ich staunte nicht schlecht, wo sie schon überall war. Und ganz allein. Ob sie keine Angst hätte, so allein auf ihren Reisen, meine Frage an sie. Nö, meinte sie, was ihr dort passieren könnte, kann ihr Zuhaus auch passieren. Und so genießt sie diese lange Zeit in fernen Ländern und Kulturen nicht nur vorübergehend in Kurzurlauben, sondern lebt eine Zeitlang dort mit den Menschen. In den deutschen Wintermonaten eben.
Gut, sie kann es sich auch erlauben. Gute Rente, ihre eigene und auch die ihres verstorbenen Mannes. Ein großes Haus, abgezahlt, im Taunus, keine sonstigen Verpflichtungen mehr, da geht das eben. Als sie von ihrem verstorbenen Mann erzählt, huscht ein trauriger Schatten über ihr Gesicht.
Ich staune...mehr und mehr. Also, ist das ga rnicht so, wie die Leuts immer sagen, dass man auf dem Land nicht leben kann, frage ich sie. Natürlich nicht, im Gegenteil sagt sie. Man kann...und zwar erholsamer, gemütlicher und froher, als in der Stadt. Dort hatte sie bis zu ihrer Rente mir ihrem Mann gelebt. In Frankfurt. Aber dann war ihr das Stadtleben zuviel geworden, der Lärm, die Menschenansammlungen, die Hektik mit all den Nebenerscheinungen, von denen Mensch dann betroffen ist. Raus wollte sie. Auch ihr Mann hatte diese Einwendungen, wie oben beschrieben. Nix da, was Mensch meint, eigentlich immer vor der Haustür haben zu müssen.
Aber er hatte sich drauf eingelassen. Und sie sind glücklich geworden dort. Die Beiden. Und auch sie, jetzt immer noch glücklich, dort allein leben zu können. Mit ihrem großen Garten, den sie mittlerweile von Fachpersonal auf Vordermann bringen lassen muß. Und in ihrem Haus, dass ebenfalls hin- und wieder von Fachleuten gepflegt werden muß. Aber dat macht ja nix, sagt sie. Sie hat Glück und kann es sich leisten. Und um den Einkauf muß sie sich auch keine Sorgen machen. Dafür gibts heutzutage ja Bringdienste. Auf die kann sie sich verlassen.
Ein Auto hat sie übrigens auch nicht. Zum einen ist sie dafür schon zu alt. Zum anderen hatte sie auch vorher nur mal vorübergehend eines. Aber, so ihre Erfahrung, selbst auf dem Land, braucht sie es nicht. Kaum zu glauben, dachte ich. Das ist doch immer das erste Argument, dass man hört, wenn man sagt, auf dem Land leben, wenn, geht nur, wenn man ein Auto hat. Sie hat keins und es geht. Bus und Bahn fahren immer. Sicher...sagt sie, man muß sich da schon einrichten, kann eben nicht mal eben spontan. Aber dass das geht, zeigt sie. Sie ist nämlich viel unterwegs. Und sie meinte, es sei im Leben sowieso besser, nicht ständig spontanen energetischen Schüben (ist jetzt meine Ausdrucksweise),-), nachzugeben, sondern dorgfältig zu überlegen, was man wirklich will:-) Recht hat sie.
Also, ich fasse zusammen...ältere Dame, an die 80 Jahre, in einem Häuschen mit großem Grundstück, noch quicklebendig und lebensfroh, lebt allein auf dem Lande und ist glücklich damit, vermißt nix und würd es auch gar nicht anders haben wollen. Und es ginge, so sagt sie, alles andere ist vorgeschoben und quatsch. Nur im Winter halt, wenn früh der Schnee im Taunus einbricht, da macht sie sich halt auf, bucht einen Flieger und ab in die Weltgeschichte. Wenn sie mal in keinen Flieger mehr steigen könne, dann könne man ihr auch gleich einen Sarg bestellen, so sagt sie,-)
Toll! Oder? Ich meine, was nehme ich mit aus dieser zufälligen Begegnung und der Lebensgeschichte dieser älteren Dame? Ein Leben auf dem Lande ist möglich! Auch im Alter! Ein Leben nach dem Tod des Partners, auch wenn das Wichtigste genommen ist, geht ebenfalls. Ein Leben im Alter mit Zuversicht, Neugier und Lebensfreude ist tatsächlich denkbar und praktizierbar. Die Neugier auf die Welt bleibt. Man muß im Alter nicht traurig und vereinsamt in seinem Sessel hocken bleiben und Trübsaal blasen. Gut, wie gesagt, sie ist auch finanziell dazu in der Lage. Aber selbst wenn die Penunsen nicht in so flüssiger Form vorhanden sind, kann man sicherlich, wenn auch anders, sein Leben froh gestalten. Das einzige was sicherlich das Wichtigste ist, ist eine relativ stabile Gesundheit. Aber das hat man nicht allumfassend in der Hand.
Jedenfalls ich war beglückt mit dieser älteren Dame ins Gespräch gekommen zu sein. Und ich bin jetzt ziemlich sicher, dass ich auch meinen Wunsch, endlich raus aus der Stadt, weiterverfolgen werde. Wo...das weiß ich nicht. Vielleicht ja auch im Tibet:-) oder in Timbuktu:-) Oder eben ganz einfach im Taunus. Möglich wäre auch der Odenwald. Weiß man´s:-) Lieber net in die Zukunft schauen.
Das tut sie übrigens auch nicht, die alte Dame. Zukunft ist für sie Gegenwart! So jedenfalls sagte sie.
Ich hoffe, es hat dem einen oder anderen ein wenig Freud gemacht, diese paar Zeilen zu lesen. Sie sind für mich eine kleine Hommage an die nette Dame. Ich werd sie wohl immer in Erinnerung behalten. Mit ihrem Igelfrisürchen, den roten Turnschuhen und der knallroten, lebensfrohen Bluse. Dazu in der Hand ihren roten Reisekoffer, mit dem sie auch heute wieder unterwegs war. Zuerst die Pflicht, dann die Kür. Haar und Füße in Ordnung gebracht und dann ab in den Flieger. In Gedanken winke ich ihr beim Schreiben hier nach. Es hat Spaß gemacht.