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Ich schreibe einfach gern:)

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Sind wir alle beschädigt?

Komische Frage, denken sich vielleicht einige meiner geneigten Leser. Ich wußte auch nicht an diesem Morgen, dass ich mich mit der Frage wieder einmal beschäftigen würde. Ist doch so. Der Mensch weiß nie, welches Wort, das ihn im Laufe des Tages erreichen wird, einen nachhaltig beschäftigen wird. Es werden so viele Worte gesagt und geschrieben und man kann sie wegwischen wie Staub von der Seele. Larifari. Also, damit das klar ist, ich sag es immer wieder gern, auch ich albere gern einmal herum oder mach ein Witzchen. Ich kann das aber nicht ständig. Ehrlich. Ist so! Die Lage ist nämlich ernst, wenn auch nicht hoffnungslos.
 
Jedenfalls, ich wußte von noch nix, als ich mich heute etwas schwerfällig aus meinem Bett herausschälte. Ja ich muss echt sagen, ich schälte mich aus meinem Bett wie eine Erbse aus ihrer Schote. Mein Bett ist nämlich nicht nur mein Schlafgemach sondern auch meine Hülle, in die ich mich ganz gern mit einem guten Buch schon einmal zurückziehe, gemütlich, immer dann, wenn der Tag keine Pflichten hat und ich am Morgen noch da herumlungern kann. Ohne Frühstück. Frühstücken im Bett geht gar nicht. Nicht nur wegen der Krümel, ich finds einfach ungemütlich. So, das hab ich jetzt auch mal gesagt.
 
Ich zog mir meine Wollsocken an und lugte erst mal aus dem Fenster. Dunkel wars noch. Ich zündete mir meine Kerze an. Ich kann es gar nicht leiden die schöne Stimmung der heraufziehenden Morgendämmerung mit elektrischem Licht zu verunreinigen. Ich bin einfach son Typ. Still war es. Wunderbar still. Wie ich das liebe. Ich kann dann ganz langsam zu mir kommen und mich eingewöhnen an das neue Leben in einem neuen Tag hinein.
 
Ich hatte Pflichten heute, nachdem der vorherige Tag frei war und ich ihn mit meinen Leidenschaften mal wieder so richtig zelebriert hatte. Ich sags ganz ehrlich. So richtig hatte ich heute keine Lust. Das lag nicht nur am schönen gestrigen zelebrierten Freiheitstag, sondern auch an ein mir noch nicht so genau differenziertes Unbehagen. Manchmal ist das so. Da fordert mir die Welt, wenn ich an sie denke, ein gewisses Unbehagen ab. Ich kann da gut mit umgehen, finde das total in Ordnung. Wer ist nicht auch schon einmal davon befallen. Denk ich jedenfalls. Die Vorstellung, dass immer alles rosarot bei anderen ist, will mir einfach nicht gefallen. Dazu weiß ich zuviel von den Verdrängungsmechanismen und ihren Auswirkungen, die dann irgendwann ans Licht kommen. Aber egal, das soll jetzt nicht mein Thema sein.
 
Ich hatte also immer noch keine Lust, aber ich musste ja. Was muß, das muß, so sagt der Volksmund und so ich eben auch mir, dann, wenn die Unlust in mir hochsteigen will. Ich schlurfte in meine kleine Küche, machte mir ein Brot, einen Kaffee, stellte den PC an, der während der Kaffee kochte, langsam seine Tätigkeit aufnahm. Ich ließ ihn da mal erst in Ruhe, den PC. Setzte mich an meinen Tisch, der Schein des flackernden Kerzenlichts hüllte mich ein, ich kaute zufrieden mein Brot, trank meinen Kaffee und schaute aus meinem großen Fenster hinaus ins Dunkle. Es regnete auch. Die Zweige der Bäume, deren Silhouetten ich wahrnahm, wiegten sich unter leichten Böen und die Blätter fielen wie Schnee vom Himmel, denn es sind viel Birkenblätter, die kleinen, feinen, die da herunterwirbelten.
 
Als ich fertig war, zog ich mir meine Strickjacke an, ging raus auf den Balkon und zündete mir ein Zigarettchen an. Das ist ein kleines Morgenritual. Ich rauche zumeist nicht viel. Aber ein Morgenzigarettchen laß ich mir ganz gern gefallen. Mir gefällt es, da einfach zu stehen, auf meinem Balkon, zu rauchen, den kleinen Qualmwölkchen hinterherzuschauen und gleichzeitig Kontakt mit der Welt da draußen aufzunehmen, ganz vorsichtig und behutsam. Eigentlich ist Wetter für mich Wetter. Es kommt, wie es kommt. Doch manchmal, so wie heute Morgen, fühlte ich zu der schon vorherrschenden Unlust an meine Pflicht zu gehen, auch eine kleine Unlust mich auf mein Rad in den Regen zu begeben. Es braucht dann ja viel mehr. Regenhose, Regenjacke und der Gedanke ans nasse Fahrrad war mir nicht genehm.
 
Ich schaffte es jedoch tatsächlich, mich innerlich zu befreien und so zog ich los auf die regennassen mit Herbstlaub befallenen Strassen, in denen das Licht der Laternen und der vorbeifahrenden Autos sich widerspiegelten. Und da war eigentlich alle Unlust schon dahin. Ich genoß es plötzlich an dem fast noch unberührten Tag durch die recht leeren Strassen zu fahren. Nur hie und da schlenderten ein paar Schulkinder, wieso Schule eigentlich so früh beginnen muß, werd ich einfach nie verstehen, an mir vorbei oder ich um sie herum und die Autos fuhren noch relativ sorgsam durch die Straßen.
 
Als ich bei meiner ersten Klientin klingelte, sie ist blind und sitzt zudem noch im Rollstuhl, war das leichte Unlustgefühl wieder da. Ich schäme mich nicht, das zu sagen. Muss aber hinzufügen, dass ich ansonsten ausserordentlich gern zu ihr gehe, wirklich. Ich mag sie einfach. Sie ist so taff. Lebt noch allein, trotz allem, pflegt sogar ihren Haushalt noch einigermaßen selbständig. Unfaßbar, denke ich immer, wenn ich reinkomme, wie geordnet ihr Leben doch ist, trotz ihrer Beschädigung.
 
Sie redet viel. Ich hab auch dafür Verständnis. Ich glaub, ich darf das von mir behaupten, ich kann da ganz gut zuhören. Es ist zwar nicht immer einfach, denn manchmal driftet sie ganz schön ab von Hütchen auf Stöckchen. Und ehrlich, das geb ich auch gern zu, das fällt mir ein ganz klein bisschen aber nur ganz ganz selten ein wenig schwer dann. So wie heute Morgen. Ich kam rein und sie legte gleich los. Sie freut sich ja immer, wenn ich komme. Sie hat ja sonst kaum Menschen um sich herum in ihrem Alltag. Also setzte ich mich erstmal und hörte ihr geduldig zu.
 
Dieses Mal war es jedoch ein anderes Erzählen. Sie sprach von ihrem Leben und ihren Ängsten und Sorgen. Irgendwann nicht mehr allein und selbständig leben zu können. Auf das Angewiesensein fremder Menschen. Sie hatte in den letzten Jahren schon so viele schlechte Erfahrungen gemacht und erzählte davon, wie der eine oder andere manchmal mit ihr umgegangen sei. Und dann weinte sie, ganz plötzlich. Mir hats fast das Herz gebrochen, ehrlich. Wir haben dann eine Weile ganz still da gesessen und uns nur angeschaut. Und dann sagte sie diesen Satz, der mich zutiefst berührt hat. Sie sagte: *Roeschen, es ist doch so...Menschen müssen den, der leidet und beschädigt ist, genauso behandeln, als wenn sie selber beschädigt wären*
 
Ich hab den so stehen gelassen, den Satz. Sagte nur *ja* Sie verstand, ich vertand und dann hab ich meine Arbeit gemacht. Am Ende haben wir uns mit einer Umarmung verabschiedet. Bis zum nächsten Mal und ich bin raus.
 
Aber der Satz, der saß! Ich wollte nicht direkt nach Hause. Ich fuhr einfach so herum durch die Straßen und dachte drüber nach. Über den Satz. Frag doch mal einen, dachte ich *fühlst Du dich beschädigt?*
 
Bei der Frage gibt es ganz sicher zwei Gruppen. Die eine würde sofort bestätigen, die, die leiden, an psychischen oder physischen Krankheiten und mit dieser Behinderung durchs Leben gehen müssen. Die anderen würden sofort den Kopf schütteln und sagen, nö, bei mir alles paletti. Es läuft, würden sie sagen. So heißt das doch heute. Es läuft. Arbeit gut, Beziehung wunderbar, Freundeskreis da, Selbstoptimierung klappt auch, die Welt sonst ist mir egal, ich mache mein Ding. Ich lebe jetzt, was nach mir kommt, kann mir egal sein. Sagen sie vielleicht nicht, aber handeln so. Merkwürdigerweise, jedenfalls ist das meine Beobachtung, sind es immer die, die beschädigt sind, die sich mehr Gedanken machen darüber, was ausserhalb ihres eigenen Lebens passiert und wie sie noch dazu beitragen können, etwas dagegen zu tun, dass es weiter und weiter den Bach hinab geht mit der Welt. Ist so. Natürlich gibts auch hier Ausnahmen, genauso wie bei der anderen Gruppe. Ganz sicher. Ich spreche aber von der Mehrheit.
 
Es hörte auf zu regnen und ich dachte, Kaffee wäre jetzt gut. Zwar ein zweiter, aber was solls. Ich hatte einfach Lust drauf. Irgendwo fand ich ein Cafe mit Überdach. So kühl war es ja nicht. Konnte ich draussen sitzen. War zwar an einer Hauptverkehrsverkaufsstrasse, was mir aber jetzt wurscht war. Ich setzte mich und schaute dem Treiben vor mir zu.
 
Ich dachte, ja, es stimmt. Die Menschen sind tatsächlich alle beschädigt, auch die, die meinen sie seien es nicht. Beschädigt durch den Druck der von außen auf sie zukommt, oder den sie sich gar selber machen, weil sie schuften und schuften für noch mehr. Trauriger die, die schuften und schuften und es reicht dennoch nicht. Ich dachte an alle, die anderen etwas neiden, mißgünstig sind, an feindseliges Miteinander, weil, was weiß ich, es gibt immer einen Grund, auch ganz unbekannten Menschen gegenüber feindselig eingestellt zu sein, weil man Angst hat, dass sie einem etwas nehmen könnten, oder sie etwas haben, was sie nicht haben. Beschädigt auch die, die sich nicht versöhnen, wenn was schiefgelaufen ist im Miteinander oder sich gar entschuldigen können. Oder die, die nicht mal merken, wie sie anderen auf die Füße treten, weil sie ihre Kreise stören, ihr eigenes Ziel, groß da zustehen, behindern. Geschädigt die ständig und ständig zu viel von sich selber abverlangen, bis sie irgendwann zerbrochen sind und die Beschädigung nicht mehr heilbar ist.
 
Ich könnte jetzt ja noch so viel aufzählen, was die Menschen beschädigt. Es ist ganz sicher aber offensichtlich, dass wir Menschen alle beschädigt sind, jeder auf seine Weise und  all diese Beschädigungen dazu führen, dass die Welt und das Miteinander so ist wie es ist. Dass die, die sichtbar beschädigt sind an Leib oder Seele von denen ausgeschlossen werden, die ihre Beschädigungen gut versteckt haben hinter Mauern aus Egoismus und Selbstoptimierung und die nur daran inetressiert sind, das ihr Leben *läuft*. Und wie der andere Teil klarkommt, dafür haben wir ja Institutionen und Einrichtungen, die sich kümmern, die wiederum auch beschädigt sind in ihrer Form, weil sie an Gewinnmaximierung interessiert sind und nicht am menschlichen Handeln und Fürsorge. So ist es doch. Ich wurde ganz wütend bei meinem Kaffee plöltzlich bei all den Gedanken.
 
Also machte ich mich auf. Mittlerweile hatte es wieder begonnen in Strömen zu regnen. Der Himmel schob eine breite Regenfront vor sich her und der Wind peitschte weiter das Laub von den Bäumen. Mir war es egal. Ich brauchte das jetzt. Also rauf aufs Rad. Ließ den Regen mir durchs Gesicht laufen, fand es sogar auf eine ganz eigene Art wunderschön, weil ich merkte, je länger ich fuhr, um so mehr fiel dieses aufkeimende wütende Gefühl von mir ab und ich fühlte mich wieder frei. Wie eine Taufe, ein neues Leben.
 
Zuhause angekommen zog ich mir das nasse Zeug aus, meine warmen Stubenwollsocken an, ging auf meinen Balkon, rauchte meine zweite Tageszigarette an diesem Vormittag und dachte. Das ist in Ordnung Roeschen. Du weißt, dass du beschädigt bist. Beschädigungen die andere dir zugefügt haben, aber mit denen du klar gekommen bist. Du weißt aber auch, dass du anderen Beschädigungen zugefügt hast. Und es wird wie bei dir auch bei anderen wohl so sein. Es gibt kein Leben ohne Beschädigungen. Wer das glaubt, macht sich nur was vor, belügt sich und andere. Aber irgendwann kommt eh alles ans Licht. Das Leben zeigt auf, wo die Lebenslügen waren. Aber du weißt auch, dass dieses Wissen um die eigenen Beschädigungen tatsächlich dafür sorgt, dass man anders miteinander umgehen kann und will, weil das Hineinfühlen- und denken einfacher ist. Und fast ist der Gedanke da, dass Beschädigungen wichtig sind, ohne die es sogar gar nicht geht. Oft verhelfen sie einem zu Einsichten über das eigene Leben und somit schaffen sie Veränderung. Und viele Beschädigungen können heilen, manche nicht, aber auch damit muss der Mensch leben lernen. Und das ist auch nicht tragisch, weil dadurch eine andere Sichtweise auf die Welt und das Gegenüber ermöglicht wird, wenn sich nicht davor verschlossen wird. Es wird keine Welt und keinen Menschen ohne Beschädigung geben. Aber es könnte eine Welt geben, in der wir unser eigenes Leben sorgsamer beachten und somit auch das des anderen.
 
Ja, sie hat absolut recht, meine liebe alte Dame im Rollstuhl. Genauso muß es sein. Ihre Forderung * Menschen müssen den, der leidet und beschädigt ist, genauso behandeln, als wenn sie selber beschädigt wären* kommt ja auch der alten Weisheit nahe
 
 
*Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst*
 
 
 
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