Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen auch so geht. Ich komme immer mal wieder in Situationen, da denke ich, mensch Roeschen, du bist so doof wie nen Ofen. Echt. Ich finde das nicht schlimm, wenn ich mich selber doof finde. Immerhin nehme ich dann die Beschimpfung eines anderen vorweg. Der weiß dann bescheid. Braucht der gar nicht mehr mit zu kommen, Roeschen, du bist einfach doof wie nen Ofen und so. Weiß ich doch.
Heute Morgen war es mal wieder so weit. Roeschen, du bist so doof wie nen Ofen. Warum? Also es verhielt sich so:
Vor ein paar Tagen bin ich nun ja von meiner Radreise aus Schleswig-Holstein zurückgekehrt. Ich bin son Typ. Wenn ich eine Zeit lang aus dem Alltagsgeschehen heraus bin, weiß ich einfach nicht mehr was die Uhr geschlagen hat, geschweige den in welchem Wochentag ich mich gerade befinde. Vor allen Dingen dann nicht, wenn ich, wie ich es nach meiner Rückkehr praktizierte, mehr oder weniger alles stehen und liegen ließ, um mich meinen, für mich selber wichtigten, Reiseaufzeichnungen zu widmen. Ich brauche das. Und ausserdem, es ist ja so, wenn ich die dann in meinen Blog stelle, dann stehen die da für alle Ewigkeiten. Und wenn ich mal ablebe, dann können meine Kinder meinen Enkeln sagen, guck mal da rein, das war eure Omma, was die so erlebt, getan und gedacht hat. Ich finde diesen Gedanken schön. Meine Kinder übrigens auch.
So war ich die letzten 5 Tage total versunken, habe nur das Nötigste in meiner kleinen Höhle verrichtet, Mittagessen kochen, spülen und was halt so anfällt. Ansonsten war ich weg, sozusagen gedanklich noch auf der Reise.
Nun komm ich zum eigentlichen Teil des Geschehens, dass mich mal wieder zum Ausruf: Man, du bist doof wie nen Ofen Roeschen, veranlaßte.
Es verhielt sich nämlich so, dass der Zug, mit dem ich aus Hamburg nach Hause zurückkehrte, über 2 Stunden verspätet in Köln ankam. Immerhin ist die Bahn ja so gütig und erstattet dem Fahrgast die Hälfte des Fahrpreises. So auch mir. Ich bekam einen Gutschein, den ich entweder per post auszufüllen hatte oder direkt beim Reisezentrum einlösen konnte. Am Abend meiner Rückkehr war mir das aber alles viel zu mühsam. Ich wollte einfach nur noch nach Hause. Kann ich ja später, sagte ich mir.
Zuhause angekommen, das Wichtigste ausgepackt, den Rest erst mal da in so ne Ecke gestellt. Kommt später dran. Heute Morgen war es dann soweit, dass ich mich nun endlich auch mal wieder gewissen Verpflichtungen widmen wollte. Da ich sowieso unterwegs sein musste, dachte ich, nimmst den Gutschein nun mit und radelst rüber zum Reisezentrum am Hauptbahnhof.
Während ich meine Sachen zusammen packte, die ich benötigte, fehlte mir am Ende nur noch dieser verflixte Gutschein. Wo war der? Wo hattest du den hingetan Roeschen. Meine Tasche rauf und runter abgesucht, ausgepackt, eingepackt, alle Heftchen durchgeblättert, nix da. Kein Gutschein. Hm...noch mal in die Packtaschen geschaut, aber ne, da konnte der ja nicht sein, denn die befanden sich zur Zeit der Annahme des Gutscheins im Zwischenabteil an meinem Fahrrad. Ich konnt das irgendwie nicht glauben. Ich war mir 100% sicher den irgendwo hin getan zu haben. Nur wohin?
Ratlos lief ich durch die Wohnung. Keine Idee. Na gut, dachte ich, dann ist es ebenso, dann isser fott, das Geld auch, wirst jetzt auch überleben. Während ich nun also den anderen Dingen nachging, fiel es mir plötzlich ein. Ach herjeh, jetzt weiß ich wo der ist. Der Gutschein. Ganz genau. Ich hatte den nämlich direkt in mein Büchlein vom ollen Montaigne, das ich während der Rückfahrt las, gelegt. Da sollte er sicher sein. Wär ja auch voll in Ordnung gewesen. Daher suchte ich jetzt nicht mehr nach dem Gutschein, sondern nach dem ollen Montaigne. Allen möglichen Papierkram beiseite geschoben, Zeitschriften und Zeitungen mal hochgehoben, unterm Tisch nach geschaut, vielleicht irgendwo achtlos auf nen Stuhl gelegt. Nix da. Kein Montaigne da. Wieder eine Zeitlang nachdenkend etwas ratlos durch die Gegend gucke, war mir klar, ok Roeschen, du hast den Montaigne samt Gutschrift in der Eile des Aufbruchs, ich hätte nämlich fast die Ankunft in Köln verpeilt, mal wieder versunken und so, einfach auf dem Sitz neben mir liegen gelassen.
Jösses. Diese Erkenntnis war so etwas wie ein Riß in meinem Herzen. Nein, nicht wegen des Gutscheins, überhaupt nicht. Das Geld hatte ich längst abgehakt. Ne, mir ging es natürlich um *meinen* Montaigne. Das ist nämlich noch so eine schöne alte Ausgabe, ich häng einfach dran. Montaigne und ich, wir sind eins. So ist es. Es ist einfach mein Lieblingsphilosoph aus alten Zeiten, auch, weil ich wie er über etwas verfüge, dass wir gemeinsam haben. Das schlechte Gedächtnis nämlich. Und es ist immer wieder ein Trost, wenn ich das meine bemerke, das schlechte Gedächtnis, zu wissen, ach Roeschen mach dir nix draus, es gibt Große unter den Großen, die kannten das auch, das mit dem schlechten Gedächtnis. Das heißt ja nun wieder nicht, dass du doof wie nen Ofen bist. Genau, so sage ich mir dann immer, wenn mich mein Gedächtnis mal wieder trübt oder ich mich überhaupt nicht mehr an etwas, was ich mal als wichtig zu merken mir vorgenommen hatte, einfach weg ist und ich entweder meine Notizen hervorkramen muß oder in eines der Bücher, in dem ich vermutete, da stand das drin, woran ich mich gerade erinnern will und da weiß ich ja bescheid, da streich ich mir die wichtigsten Dinge einfach an. Ich bin son Typ. Daher könnte ich ja auch niemals diese blöden E-bums-Dinger in die Hand nehmen. Kommt für mich persönlich nicht in Frage.
Jedenfalls tiefe Betrübnis über des Verlustes meines geliebten Montaignes. Auch der Gedanke, naja Roeschen, kannst du dir ja neu bestellen, tröstete mich nicht, denn, wie ich schrieb, es war so eine schöne alte Ausgabe. Nun denn etwas anders haben zu wollen, was nun mal nicht zu ändern ist, darüber will ich mich dann zumeist auch nicht mehr lange ärgern, betrüben oder sonst was. Vorbei, Ende aus die Maus.
Packe also meine Tasche, es regnete, auch das mal wieder und ich muß mit dem Rad ja nun los und machte mich auf den Weg. Draussen, vor meiner Haustür, da steht mein Rad. Die Wiese ist nass, ich zögere einen Moment, besser zu Fuß gehen, ach nö. Bist ja in Schleswig auch tagelang durch den Regen gefahren, wird dir das heute für die kurzen Wege auch nix aus machen. Aber was denkt ihr, was nun passierte.
Ich, gedankenverloren, an meinem Schlüsselbund zupfend nach dem Schlüssel greifend um mein Rad aufzusperren, gucke, ich gucke und ich denke, ich sehe nicht recht. Das gibt es doch wohl nicht. Hallelujah Roeschen. Da liegt auf meinem Sattel meines Fahrrades der olle Montaigne. Der muss mir am Abend, als ich heim kam, wohl aus meiner Tasche gerutscht sein. Klitschenaß war der. Gepriesen sei der Herr, mein Gedanke in diesem Moment. Hallelujah noch einmal, ich glaub, ich werd nicht mehr. Das gibts doch nicht und wille es gar nicht glauben. Nimm ihn zur Hand, drück ihn an meine Brust, Hallelujah, mein Montaigne, zwar nass, aber da. Hurrah. Und gleichzeitig denke ich, Roeschen du bist spitze, gut, dass du die Buchhülle, die du eigentlich vor paar Tagen beim Lesen abstreifen wolltest, nicht abgenommen hast, weil, sie störte mich durch Verrutschen immer beim Lesen. So war der gute olle Montaigne nur auf der glattglänzenden Hülle nass geworden und alle Buchseiten waren trocken geblieben. Ich sags ja, es gibt Glück im Leben, dass ich nicht fassen kann. Auf der letzten Seite lugte der Gutschein der Deutschen Bahn heraus. Hurrah, der war nun etwas durchfeuchtet, da sich die Nässe in ihn hineingesogen hatte, aber das war mir ja egal. Ich hab den jetzt auf meine Heizung gelegt, da kann er trocknen, wollen wir doch mal sehen, ob ich das nicht auch noch hinkriege.
Ich geh noch mal zum Haus zurück, will nicht bis oben in die Wohnung, sondern schließe meinen Montaigne sorgsam in mein Postfach. Da kann er warten, bis nachher, wenn ich heim komme und sich ein wenig erholen von der nasskalten durchwachten Nacht. Glücklich wie ich bin schau ich noch einmal um mich herum, immer noch nicht glaubend wollen, was da geschehen ist und denke, herrlich: Den Montaigne wollte keiner, die haben den verschmäht. Vielleicht hätte Fifty Shade of Greys oder son Kwatsch da liegen müssen, der wäre sicher weg gewesen.