Sonntagmorgen. Wie immer, ist es um mich herum still und freundlich, trotz des grauen Himmels und dem Regen, der leise vom Himmel fällt.
Und wie immer, nach meinem kleinen Lauf am Rhein entlang, im frühen Morgengrauen, überall nach Wegen suchend, denn das Hochwasser hat immer noch die Macht über so manche Wege. Gegen die Natur kommt der Mensch halt nicht an. Sie macht, was sie
will.
Zuhause angekommen. Still in der Wohnung. Das ganze Haus scheint noch zu schlafen. Wie immer an einem Sonntagmorgen. So viele Menschen wohnen in meinem Haus, doch zumeist höre ich keinen. Jeder lebt wohl still, so wie ich, in seiner kleinen Höhle. Mir gefällt das.
Ich mache Musik an. Chopin. Nocturnes. Meine Sonntagsmorgenmusik. Ich spüre, wie allein ich bin, hab gar nichts dagegen. Ich spür mich ganz und gar.
Nach dem kleinen Frühstück trete ich auf meinen Balkon. Von dort hab ich auch einen Blick auf eine kleine Kirche. Nein, keine Kirche im üblichen Sinne. Die Kirchenräume sind in einem ganz normalen Mietshaus untergebracht. Es ist eine evangelische Freikirche, wie ich nach einer kleinen Inspektion bei einem Spaziergang festgestellt und das Haus umrundet habe. Mein Blick vom Balkon aus läßt mich ein riesengroßes hell erleuchtetes buntes Kirchenfenster sehen. Es war sicherlich mal ein Herrschaftshaus für die gehobene Klasse, die einen solches wohl hat bewohnen dürfen. Ich schaue gern dieses bunt erleuchtete Kirchenfenster an.
Dort findet gerade ein Gottesdienst statt. Nur dann sind die Fenster hell und bunt erleuchtet. Gottesdienst... Ich denke an die Zeit zurück, wo ich ebenfalls Sonntagmorgen für Sonntagmorgen und nicht nur an diesen, in ein Gotteshaus getreten bin, um mein Leben zu feiern. Aber die Dinge haben sich geändert. Es gab zu Vieles, das mir mißfiel. Am Ende konnte ich das viele Reden, teils mit erhobenem Zeigefinger nicht mehr hören. Zu laut, zu mahnend, zu viele *muß* und *soll*. Ich wollte meinen Weg allein gehen. Selber erspüren, was richtig oder falsch ist. Am Ende bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es weder das eine noch das andere gibt. Der Mensch geht seinen Weg und alles hat Konsequenzen. Und mit denen muss er dann leben. Im besten Falle sind die Konsequenzen das Ergebnis eines gutes Weges. Sind es problembereitende, schwierige, traurige, wie auch immer, dann müssen sie halt überwunden werden, versuchen auch aus diesen das Gute herauszufinden. Zumeist sind es die Erfahrungen, die dann bereichert haben. Du weißt jetzt bescheid. Dieser Weg nicht noch einmal.
Jetzt stehe ich hier. Das ist jetzt mein Gottesdienst. Hier zu stehen, allein, das alles um mich herum beobachtend und wahrnehmend und meinen Gedanken freien Lauf lassend.
Wenn ich meinen Blick um mich herum, nach oben in den Himmel oder einfach nur auf die Bäume und Sträucher werfe, dann sage ich oft so vor mich hin, wenn es etwas gibt, einen Gott oder wie immer man es auch benennen möchte, dann steh ich hier. Hier bin ich. Ich. In dieser Welt. Ich stehe hier, allein und gehe meinen Weg. Vielleicht, es gibt so viele *vielleichts* im Leben eines Menschen, gibt es etwas, das mit mir geht. Manchmal glaub ich es, ganz stark und fest, manchmal bin ich mir unsicher.
Unsicher bin ich mir nie, dass mir etwas geschenkt worden ist, was ich behüte wie meinen Augapfel. Und das ist ein kleiner Schatz. EIn Kleinod, oder wie immer man es auch bezeichnen mag. Dieser Schatz ist meine ganz ureigene Gabe, Schönes und Berührendes zu entdecken, mitten im Leben, im Alltagsgeschehen. Ich bin so froh darüber. Ich sag das nicht aus Eitelkeit, sondern aus Dankbarkeit, weil es nunmal so ist. Warum soll der Mensch nicht auch mal sagen, was ihm an sich selber am meisten gefällt und was er an sich schätzt. Denn ich brauche diese Wahrnehmungen wie das Brot gegen den Hunger. Diese kleinen, oft von den meisten unbemerkten und wenn doch, übergangenen kleinen Wundern von Schönheit in der Natur oder Begebenheiten im zwischenmenschlichen. Sie sind für mich ganz wichtige Botschaften. Botschaften die lebendig sind und nicht nur aus Worten bestehen.
Und wie ich da stehe und schaue und einfach nur da bin fallen meine Gedanken wieder zurück auf ein kleines Erlebnis, dass ich diese Woche bei einem Einkauf hatte. Ich stand in einem Supermarkt meines Vertrauens für Kosmetik- und Hygenieartikel, der mit den zwei Buchstaben, an der Kasse in einer kleinen Schlange. Alle hatten es scheinbar, wie immer, eilig. Immer hat der Mensch es eilig. Ich lebe in der Entschleunigung, stellte ich wieder einmal fest, in diesem Moment, wo ich in die teils gehetzten und unmutigen Gesichter des einen oder anderen schaute.
Stoisch stand ich da, beobachtete, wartete, dass ich an die Reihe kam. In dem Moment, wo die Kassiererin meine Waren scannen woltle, trat von hinten an sie heran eine kleine, verhutzelte alte Dame. Ich schätzte sie so mitte 80. Mit einem Rollwägelchen kam sie angeschlurft, unbeholfen, mühselig kam sie ihres Weges. Entschuldigung, sagte sie zu der Kassiererin, ich habe gerade von ihnen diese Fotos abgerechnet bekommen. Schauen sie doch bitte einmal auf den Kassenbon. Da stimmt was nicht. Sie haben mir zu wenig berechnet. Die Kassiererin im ersten Moment sehr unlust5ig. Ich sah es ihr richtig an. Sie wollte eigentlich weiter machen. Die Schlange war recht groß. Aber die alte Dame ließ nicht locker. Was soll denn da falsch sein, meinte die Kassiererin zu ihr. Merkwürdig, dachte ich, immerhin sagte die Dame ja, der Irrtum würde zu ihren Lasten fallen. Aber das schien sie wohl nicht zu interessieren. Die Dame holte ungehindert ihres für den Moment sichtbaren Unmuts, Unlust, wie auch immer, die Bilder zum Vorschein und erklärte ihr, dass die Fotos, die sie hat machen lassen, einen Preis hatten, der deutlich höher war, als der, den sie, die Kassiererin, ihr berechnet hatte.
Die Kassiererin holte nun endlich alle Fotos heraus, ihre Preisliste, klärte es auch mit der Kollegin an der gegenüberliegenden Kasse durch Zurufen ab und musste eingestehen., stimmt. Sie hatte der alten Dame genau 6,95 Euro zu wenig berechnet. Oha! Kein großes Ding, also kein großer Betrag. Dennoch, in dem Moment veränderte sich ihr Gesichtsausdruck zu einem warmen freundlichen Lächeln der alten Dame gegenüber. Das ist aber sehr nett von ihnen, sagte sie ihr, dass sie extra noch einmal zurück kommen, um das klar und richtig zu stellen. Die alte Dame erwiderte, sie will sich nicht bereichern, das sei nicht ihr Ding. Ordnung muss sein. Alte Schule halt.
Auch ich musste während der ganzen Prozedur lächeln und auch mir war es ganz warm ums Herz, wie sie da stand, diese kleine alte hutzelige Dame um dem Kaiser zu geben, was dem Kaiser ist. Ich hab mir auch gar keine Projektionen gemacht, ob die alte Dame finanziell gut gestellt oder eher das Gegenteil der Fall ist und sie es trotzdem tut. Das ist doch alles unerheblich. Was zählte, war diese unglaubliche Ehrlichkeit, die da aus ihr hervorbrach. Ich dachte, ob es wohl so angewandt werden kann: Wer im Kleinen ehrlich ist, dem kann man auch getrost in großen Dingen vertrauen. Ich weiß es nicht. Ich kenn die alte Dame ja nun nicht persönlich und somit auch nicht ihr Leben.
Die alte Dame zahlte nun den ihr zu wenig berechneten Kaufpreis und die beiden verabschiedeten sich mit netten Wünschen und einem feinen Dankeschön seitens der Kassiererin an die alte Dame, die diese bescheiden mit einem kleinen *keine Ursache* beantwortete, es ginge letzten Endes ja auch um sie in dieser Aktion. Das war schon eine kleine Überraschung für mich, diese Antwort. Denn natürlich hatte sie recht, es geht vor allen Dingen bei allem was der Mensch tut, um ihn selber. Er will sich ja am Ende des Tages noch in den Spiegel schauen können und am Ende seines Lebens ebenfalls. Nicht, dass ich ein Typ bin, der sich zermatert, wenn er tatsächlich mal was Unrechtes getan hat, das ist dann eben so gewesen. Das steckt in jedem Menschen. Wichtig ist nach der Erkenntnis, dass es in Zukunft besser gemacht wird.
Die Dame ging, ich war an der Reihe, die hinter mir verbliebene Schlange teils mit einem *endlich geht es weiter* in den Gesichtern, schauten nervös, ob ich wohl jetzt auch noch ein längeres Procedere einleitete. Jedenfalls hatte ich das Gefühl. Aber bei mir gabs ja nichts. Ich sagte der Kassiererin, das war aber eine nette Begebenheit, das erleben sie sicherlich auch nicht alle Tage. Und sicherlich wird sie dieses noch eine kleine Weile in Gedanken begleiten. Vielleicht können sie es heute Abend ihrer Familie oder den Freunden erzählen. Solche Dinge muss man einfach weiter erzählen. Das Gute muss man weitergeben als, wenn auch ein kleines, Gegengewicht gegen all den Betrug, den Verrat, den Haß, den Menschen sich aus Eigennutz und Gier gegenseitig antun. Die Welt ist voll von schlechten Nachrichten und an den guten fehlt es zumeist.
So war diese kleine Begebenheit n einer Supermarktkasse ein kleiner lebendiger Gottesdienst. Keine großen Worte, sondern eine Tat, die mehr ist, als Worte sagen können. Genau, an diese Worte aus der Schrift erinnerte ich mich tatsächlich auch jetzt in diesem Moment, als ich auf meinem Balkon stand und diese kleine Begebenheit in mir wider lebendig wurde:
An den Taten sollt ihr sie erkennen!
Nicht viel reden, sondern tun. Und so hatte ich auch ohne dass ich ein Gotteshaus betreten hatte, in diesem Moment meinen ganz persönlichen Gottesdienst. Es braucht keinen Zeigefinger, keine ständigen Litaneien von Worten, kein Gebäude. Es braucht nur ein klein wenig Achtsamkeit für das, was vor der eigenen Nase geschieht und für sich selbst.
In diesem Sinne....meinen geneigten Lesern einen stillen, geruhsamen Sonntag!