Früher war es ja so...Ärzte wurden als Halbgötter in weiß betrachtet. Wenn einer redete, dann waren sie es. Wenn man Glück hatte, kam man auch mal zu Wort und durfte Fragen stellen. Worauf als Antwort sogleich ein medizinischer Vortrag kam. Da verstand man dann gar nix mehr und war so schlau wie vorher. Man saß da, schaut den Halbgott an, nickte, nahm sein Rezept und die Diagnose demütig entgegen, um in die nächste Apotheke zu eilen, damit die empfohlene Medikation schnellst möglich zur Hand war. Das wars dann. Interessiert haben sich Ärzte zumeist nicht, welcher Mensch da vor ihm saß. Keine Zeit. Kein Interesse. Oder einfach so in ihrem medizinischen Denken und Praxisabläufen involviert, dass darüberhinaus gar kein Platz für den Menschen war. Diagnose! Diagnose zählte und das wars dann auch. Naja, immerhin. Ist ja nun auch wichtig. Wenn ich zum Arzt gehe, will ich schließlich wissen, was mir fehlt. Und das mit den Diagnosen ist ja auch nicht immer so einfach.
Jedenfalls...mir ist es beim Arztbesuch auch wichtig, dass ich, wenn ich schon mal da bin, auch angesehen werde. Also angesehen werden im Sinne von...welcher Mensch sitzt da vor mir, was führt ihn zu mir, welche Beschwerden hat er und wie kann ich ihm helfen. Ich kann mich auch nicht groß beklagen eigentlich. Der Arzt, mein Hausarzt, der mir der Wichtigste ist, ist perfekt. Er hat Zeit, er hat mich in all den Jahren kennen lernen dürfen, er weiß Bescheid über alle Diagnosen gewesener Krankheitsabläufe und was mich sonst auch so beschwert. Denn, das kann ja nun nicht geleugnet werden, Psyche, Seele, wie auch immer stehen im Zusammenhang mit den körperlichen Gebrechen. Oft muss der Körper sprechen, weil der Mensch nicht hinguckt, was ihm sonst außer dem Schmerz, der ihm zu schaffen macht, noch so in seiner Lebenssituation zu schaffen macht. Ist es doch so, dass der Mensch in seinem Hamsterrad kreist und nicht sieht, was dieses mit ihm macht.
Also, es ist schon gut, wenn der Hausarzt wirklich der Arzt des Vertrauens ist, da kann man bei den Fachärzten für bestimmte Bereiche schon mal ein Auge zu drücken, wenn man nicht angesehen wird und es schnell husch husch gehen soll oder muss.
So einen Facharztbesuch hatte ich vor ein paar Tagen. War schon lange angemeldet, genauer gesagt, seit einem halben Jahr vorgemerkt.
Ein Augenarzt. Vor einem halben Jahr stellte er die Drohung in den Raum wegen eines festgestellten Grauen Stars, scheint häufig vorzukommen beim älter werden, stehe möglicherweise eine OP ins Haus. Oha! Das hat mich schon tüchtig erschreckt. Augenlicht. Ohweia...Da kriecht schon mal die Angst in einem hoch. Ich weiß da ja bescheid aus meinen Betreuungen blinder Menschen. Um das, was es mit dem Menschen macht. Ehrlich...eine kleine Angst webte da schon in mir. Jetzt gibts ja Leuts, die sagen einem immer, wenn du vor was Angst hast, brauchste doch nicht. Angst haben. Ich find das blöd. Ehrlich. Schon als Kind wurde mir immer gesagt, wenn ein Alp mich nachts hoch schreckte oder irgendwas im Raum stand, wovor kleine Ängste hoch stiegen, dann kam immer von den Erwachsenen...du brauchst oder musst keine Angst haben. Hatte ich aber. Ist so. Was soll denn auch der Kwatsch. Ein Mensch, der vor nichts Angst hat, ist mir jedenfalls nicht geheuer. Neulich, ich weiß es nicht mehr, in einem Film oder einem Buch, hörte ich den Satz: Nur, wer auf alles verzichten kann, hat vor nichts mehr Angst. Und das wissen wir doch, Verzicht muss geübt werden, am Ende eben auch auf das eigene Leben. Aber dahin muss man erst mal kommen.
Egal, ich schweife ab. Wie so oft. Der Augenarzt. Ich hatte Termin. Wie immer gab es dennoch eine Wartezeit. Ist nicht schlimm für mich. Notfälle kann es schließlich geben. Zudem musste wegen der Untersuchung der Netzhaut ja auch ein drei maliges Träufeln einer Flüssigkeit in die Augen vorgenommen werden. Das dauert halt. Schließlich war es dann aber soweit.
Ich wurde ins Sprechzimmer gerufen. Da saß er, der Halbgott in weiß für das Augenlicht. Vor seinem Computer und studierte. Was weiß ich. Die Daten des Patienten, der vor mir war oder meine. Keine Ahnung. Er studierte jedenfalls. Er hat nicht mal Morgen gesagt. Jedenfalls ich hab nix gehört. Ich hab ihn angeschaut, bin an ihm vorbei zum Untersuchungsstuhl und habe beiläufig *hallo* gesagt. Kam immer noch keine Antwort. Er blieb weiter vertieft in seinen Studien vor seinem PC.
Na ja, war mir jetzt auch wurscht. Ich wusste eh, was kam und setzte mich bequem auf den Stuhl. Plötzlich aber sagte er was. Oha. Er sagte was, aber ohne mich anzuschauen. Hätt ich nun gar nicht mit gerechnet. Er fragte: Alles gut? Ich war völlig geschockt von dieser plötzlichen Frage. Gefasst und munter zugleich, wie es so meine Art ist, hatte ich die Antwort aber direkt parat: Ich sagte: Es ist nicht immer alles gut! Tja, ist doch so. Mehr wollte ich auch gar nicht zum Ausdruck bringen. Also jetzt nicht jammern oder heulen, was bei mir gerade nicht gut lief. Das war hier bei ihm ja nun nicht der richtige Ort. Ich weiß schon, wo was hingehört. Aber immerhin, immerhin hatte ich mit meiner Antwort etwas erreicht. Er drehte sich spontan von seinem PC weg und schaute mich an. Und...er lächelte. Kam sicher nicht so oft vor, dass er solche Antworten bekam. Ich freute mich. Wir verstanden uns, merkte ich,
Als er zur Untersuchung herüber zu mir kam sagte er dann, ja sie müssen eigentlich immer eine Brille tragen. Och, erwiderte ich, mach ich nur wenns nötig ist. Ich kann schon noch ganz gut über die Strasse gehen. Beim Autofahren zieh ich sie ja auf, beim Radeln auch, wenns nötig ist. Ich sage das vorweg, ich weigere mich nicht, sie immer zu tragen wegen der Eitelkeit. Es verhält sich eher so, dass ich sie nicht gut vertragen kann auf der Nase. Wie Handschuhe, wenn es kalt ist oder einen Schirm, wenn es regnet. Ja so ist das. Und es ist ja so, sagte ich ihm: Ich muss ja nicht alle sehen. Hihi , ich hatte ihn schon wieder aus der Reserve gelockt mit dieser Antwort. Er schmunzelte. Sagte aber nix. Wir verstanden uns eben.
Die Untersuchung folgte und ich konnte Aufatmen. Ne, eine OP sah er jedenfalls jetzt nach einer halbjährigen Überprüfung doch nicht für nötig an. Dem Himmel sei Dank. Sagte ich ihm auch. Da bin ich aber froh. Verstehe er, eine OP, wie auch immer, birgt immer Risiken und was nicht muss, das muss ja auch nicht. Herrlich, so eine erlösende Nachricht.
Wir prüfen das weiter. In einem halben Jahr, sagte er. Ob mir der so und so vielste Januar 2020 recht wäre. Klar, sagte ich, ich komme, falls ich dann noch lebe. Und wie schon zuvor bei meinen vorherigen unverhofften beiden Antworten schnellte sein Kopf wieder zu mir herüber, weg vom PC und schaute mich an und...was denkt man...sein Lächeln sagte mir wieder...recht hat sie ja. Wir verstanden uns eben auch ohne viel Erklärungen ob des Gesagten. Es kann doch so viel passieren in einem halben Jahr, ach was rede ich, selbst an einem einzigen Tag. Das will ich jetzt hier aber nicht weiter philosophieren.
Ich wollte einfach nur erzählen, wie es gelingen kann, einen Halbgott in weiß auch mal aus der Reserve zu locken und am Ende zum Fazit zu kommen, der ist eigentlich ganz sympathisch und ich fühl mich hier gut aufgehoben. Und was wichtig ist, kommuniziert er ja auch und dann, wenn ich nachfrage, bekomme ich auch Antworten, die ich verstehe.
Zu Hause musste ich noch lange nachsinnen ob meiner Begegnung mit ihm und vor mich hinschmunzeln. Mein Hausarzt des Vertrauens sagte einmal zu mir, Roeschen, Roeschen, manchmal haben die Menschen Angst vor Dir. Vor Dir und Deinen unerwarteten Sätzen, die so plötzlich aus dir herausschießen und mit denen Niemand gerechnet hat und über die man schon auch nachdenken könnte, wenn man wöllte:)
Übrigens, ich hab dann auch mal zu Halbgöttern in weiß gegoogelt und nachgeforscht. Es ist schon lange nicht mehr so, dass sie so angesehen werden. Bei einer statistischen Umfrage ist herausgekommen, dass nur noch 7 von 10 Menschen, sie als solche betrachten. Es ist auch nicht mehr in Stein gemeißelt, was ein Arzt dem Menschen sagt. Überwiegend holen sich Patienten heute eine zweite Meinung. Sie sind selbstbewusster geworden und lt. Studienergebnis sehen sich 60% der Befragten auf Augenhöhe mit ihren Ärzten. Es herrscht kein blindes Vertrauen mehr in *eine* Meinung. Patienten können heute ihre Daten, Laborberichte, Befunde und Diagnosen, sammeln und Zugriff auf sie haben. Das Internet ermöglicht auch, sich weitergehend zu informieren. Das ist besonders wichtig dann, wenn Diagnosen nicht so ohne weiteres gefunden werden. Wie ich las, gibt es in Deutschland rund 4. Mio. Menschen die unter 8000 seltenen Erkrankungen leiden. Diese Menschen machen oft eine lange Tortur durch, bis sie endlich die richtige Diagnose bekommen. Das bedeutet aber nicht, dass die Ärzte inkompetent sind, sondern das sie unzureichend informiert sind.
Nein, die Zeit der Halbgötter in weiß ist abgelaufen. Eine andere Zeit hat sie abgelöst. Eine Zeit, in der Arzt und Patient sich selbstbewusst gegenübertreten und wenn es gelingt, ein Vertrauensverhältnis aufbauen, der für Beide wichtig ist, um dem Übel, von dem der Patienten befallen ist, auf die Spur zu kommen und es richtig behandeln zu können.
Ich wünsche allen meinen geneigten Lesern gute Ärzte, wenn sie sie denn mal brauchen. Ärzte, denen sie vertrauen können.