Ich schreibe einfach gern:)
Es regnet mal wieder, wie jeden Tag, zwei Drittel des Tages. Monsumregen halt! Seitdem wir hier angekommen sind, hatten wir vielleicht mal insgesamt acht Sonnenstunden.
Mit ist es sowieso egal, denn ich bin seit drei Tagen sowieso auf mein Zimmer verbannt! Warum? Na eben die typische indische Krankheit, ihr wisst schon Magen/Darm, heftig mit Fieberschueben! Die Naechte sind auch prima, aber was solls, niemals den Humor verlieren, es muss ja auch mal wieder aufwaerts gehen!
Toechterchen ist mit Fleur aus den Niederlanden und Terry aus Kalifornien, die wir hier in unserem Backpacker/Hotel kennengelernt haben, zum Protestmarsch der Tibeter, der sich die 10 km lange Strasse nach Dharamsala entlangzieht, unterwegs. Die Protestmaersche finden jetzt vor den olympischen Spielen jeden Tag statt. Presse, Kameras, Journalisten sind anwesend. Die Tibeter wissen eigentlich, dass es wenig Erfolg hat, aber sie moechten trotz allem auf die Tibet/Politik Chinas aufmerksam machen.Die rigorose Ausmerzung der tibetischen Kultur und die Unterdrueckung des Volkes kennt immer noch keine Grenzen. Es ist unfassbar! Tibetische Eltern muessen hohes Schulgeld zahlen, damit ihre Kinder in China eine Ausbildung geniessen koennen. Die Chinesen moechten das tibetische Volk dumm halten.
Daher fluechten immer noch jaehrlich ca. 1000 Tibeter aus China ueber den Himalaja. Dies erfahren wir bei unserem Besuch in der "Tibetan Childrens Villages". Allein im Monat der starken Proteste in China waren es 500 Tibeter.
Das Childrens Villages ist eine wunderschoene Oase inmitten der lauten und voellig verdreckten Umgebung McLeodGanj, obwohl man hier hinreichend versucht, Projekte zum Umweltschutz in die Wege zu leiten, wie z.B. das Abkochen und Filtern von Trinkwasser, um es dann in mitgebrachte Behaelter zu verkaufen, um die Plastikflaschenflut einzudaemmen. Auch kommen jedes Jahr ehrenamtliche Helfer aus allen Nationen um den Schmutz zu beseitigen. Aber es ist ein Kampf gegen Windmuehlen. Es gibt halt kein vernuenftiges System zur Muellbeseritigung, wie es vieles andere auch nicht gibt.
In Childrens Villages versorgen rd. 250 Mitarbeiter ca. 1000 tibetische Fluechtlingskinder, die in altersunterschiedlichen Gruppen aufgteilt werden, und von jeweils einer Pflegemutter betreut werden. Hier geniessen sie eine adaequate Ausbildung, um dann nach deren Abschluss entweder weiter studieren zu koennen oder eben eine Ausbildung zu machen. Viele hier aufgewachsene junge Menschen kommen immer wieder gerne an diesen Ort zurueck, es ist ihre Familie geworden, denn ihre Eltern sehen sie vermuitlich nie wieder. Wir haben das grosse Glueck, einige dieser Tibeter persoenlich kennenzulernen, schon allein, weil Toechterchen vor drei Jahren schon einmal hier war.
Das Childrens Village wird von Spenden und der Unterstuetzung verschiedener Nationen getragen, gegruendet wurde es von der Schwester des Dalai Lamas. Viele Hilfsorganisationen beteiligen sich, u.a. auch der Deutsche Hermann-Gemeiner/Fonds.
Auf dem Rueckweg von Tibnet Childrens Village hab ich mal eben ein kleines Schockerlebnis, wie man sieht, ich gewoehne mich nicht so schnell an das Elend, werde ich wohl auch nicht, ehrlich gesagt, lastet es mir etwas auf der Seele.
Also da steht am Strassenrand zwischen den typischen Verkaufsstaenden so ein dreiraediger Kastenwagen, Tueren geoffnet, mein Blick faellt auf zwei riesengrosse Fleischstuecke, die an einem Fleischerhacken befestigt, im Innenraum haengen. Soweit so gut, waere ja nicht so verwunderlich, ist alles normal hier. Aber dann schaue ich nochmal hin und traue meinen Augen nicht, dahinter liegt auf einer Bank einer voellig zerlumpter und verdreckter Inder und haelt seinen Mittagsschlaf oder was auch immer, vielleicht erliegt er auch gerade sienem Opium/Rausch. Je aermer der Mensch hier, um so mehr gibt er sich dem Opium/Rauchen hin. Man sieht es immer wieder, wie Maenner dezent an den Strassenraendern ihrer Sucht nachgehen. Man kann es verstehen, ein Moment des Vergessens des eigenen Elendes, Flucht in eine Traumwelt.
Ich frage mich natuerlich immer wieder, was zieht die Menschen, vor allen die jungen Leute an, nach Indien zu reisen? Zur Zeit sind die Backpacker-Hotels bis zum Rande voll, schon wegen des anhaltenden Regens. Es ist ja das erste Mal in meinem Leben, dass ich Backpacker/Hotel/Luft schnappe und mit einigen Ausnahmen zaehle ich da mit zu den Aeltesten. Wer will schon in meinem Alter sich auf eine solch unkonventionelle und doch recht abenteuerliche Art und Weise auf Reisen begeben. Denn sie mutet einem schon viel zu. Aber es ist die einzige Moeglichkeit mit wenig Geld die Welt zu bereisen und sie mit eigenen Augen kennenzulernen, um sich selber ein Bild machen zu koennen. Beeindruickend welchen Mut junge Menschen aufbringen, mit gerade mal 19, 20 Jahren sich auf eine solche Tour zu begeben, aber was sage ich, hab ja selbst ein Toechterchen, die es mir vorgemacht hat. Mein Eindruck ist, dass die jungen Menschen alle mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen, keine Traeumer, sondern allemal Realisten. Sie wissen, jetzt koennen sie sich solche Reisen noch erlauben, spaeter wollen sie Verantwortung und Beruf und Familie uebernehmen. Na also!
Dazwischen gibt es natuerlich auch andere Reisende, bisschen Abgedrehte, die hier in Indien irgendwie ihr Seelenheil suchen, aber irgendwo haengen bleiben oder nicht mehr aus ihren Traeumen erwachen, Oder einfach nur Kiffer, die sich hier zukiffen, bis der Arzt kommt, ja auch das gibt es. Lustig sind die so ab 40jaehrigen, die hier auf spiritueller Suche sind. Da staunst du nur noch, wenn die blonde Matry aus Kalifornien morgens zum Fruehstueck ploetzlich im Sari erscheint und ein Leuchten ueber ihrem Haupte schwebt, als haette sie soeben die hoeheren Weihen erfahren, dann muss ich wirklich so vor mich hin laecheln. Und die Dreadys, ich hab noch nie so viele Dreadlocks auf einen Haufen gesehen, wahrscheinlich machen die auch irgendwie spiritueller.
Und zum guten Schluss nicht zu vergessen sind nicht die barfuss und in orange gekleideten Sannyasins, die ebenso entrueckt und in einer Traumwelt zu leben scheinen. Was wird wohl nach dem Aufwachen passieren.
Und dann kommen noch die vielen, vielen indischen Touristen, die aus Punjab kommen, um die vielen Sehenswuerdigkeiten, Tempel, den Sitz des Dalai/Lamas, Naturwunder usw.usw. zu besichtigen. Die sind fuer mich am schwersten zu ertragen, denn wir koennen uns nicht retten vor Fragen, woher wir kommen, ob sie mal ein Foto, ob sie mal mit uns zusammen ein Foto usw., das nervt schon manchesmal. Blond und hellhautig, da bist du fast ein Gott fuer die Inder. Dieses staendige Angestarrtwerden kann aggressiv machen.
Nun denn, das waren ein bisschen meine Gedanken hier aus meiner krankheitsbedingten Quarantaene, die ich hoffentlich bald ueberstanden habe. Nichts desto trotz Morgen geht es weiter nach Manali, vielleicht hilft ja der Klimawechsel. Apropo, gerade lauft eine Kakerlake ueber den Tisch, auf dem mein PC steht, das zum Thema Backpacker/Leben. Man darf halt nicht fimschich sein, wie man so schoen in Koelle sagt.
In diesem Sinne namaste!