Draußen laufen bunt gekleidete Menschen über die Straßen, Lachen dringt in meine Ohren, doch ich zerbreche innerlich. Schmerz macht einsam. Ich wußte es doch und wollte es dann am Ende nicht wahrhaben. Sie ist gegangen.
Am Mittwochabend um 19.55 Uhr lag sie in meinen Armen und hauchte ihr Leben aus mit einem langen tiefen Seufzer. Sie hatte ein Lächeln auf dem Gesicht.
An diesem Morgen fühlte ich mich schwer. Ich machte mich auf den Weg zu ihr ins Hospiz, wo sie die letzten vierzehn TAge verbracht hatte, nachdem die Ärzte es ihr angeraten hatten. Schon wieder muß ich Abschied nehmen, sagte sie mir, als sie vom Krankenhaus zu mir nach Hause gebracht wurde. Sie wußte, jetzt geht es zu Ende. Sylvesternachmittag saß ich bei ihr und wir hörten ihre Lieblinksmusik von Andre Rieu, er spielte die Meldodie vom Soldaten am Wolgastrand. "Das ist das Lied vom Ende des Lebens" sagte sie ganz ruhig. Ich weinte! Nicht weinen Kind, sagte sie. Alles ist gut. JA, alles war gut, und ich versuchte stark zu sein.
Ich ging an diesem Mittwochmorgen ins Blumengeschäft, wollte ihr noch einen frischen Strauß Frühlingsblumen kaufen, da klingelte das Telefon. "Kommen sie schnell", sagte die Pflegerin. Ich raste mit meinem Rad ins Hospiz. Sie war nicht mehr ansprechbar. Ich stellte ihr die Blumen, die mich an Auferstehung erinnerten, setzte mich zu ihr und hielt ihre Hand. Nach zwei Stunden kam die restliche Familie. Sie hatte es schwer, blieb aber ruhig. Ich nahm sie immer wiede in den Arm, wenn ich sah, wie Tränen über ihr Gesicht liefen. Der Abschied war schwer und kam dann letztendlich so plötzlich. Zweimal hatte sie geprobt, das Sterben, so sagten es die Pfleger im Nachhinein. Immer war die Tür noch verschlossen, so sagte sie mir. Immer wieder, sei ich dazwischen gekommen. Wie klar und präzise sie sich in diesen letzten Tagen mitteilen konnte, wie nie zuvor.
Alles hat sie durchlebt in diesen Tagen, ihren eigenen Schmerz, die Traumatas aus der Kindheit, den Krieg und die damit verbundenen furchtbaren Geschehnisse. Angst hatte sie manchmal. Komm ich in den Himmel oder in die Hölle, fragte sie mich. Mama, sagte ich, ganz bestimmt in den Himmel, aber ganz bestimmt, denn die Hölle hast du schon hinter dir, in all deinem Schmerz, den du erlitten hast, in all dem, was geschehen und versäumt war. Letztendlich hat sie ihren Frieden gefunden, mit sich, mit mir und allen anderen.
Alle sind noch einmal gekommen, überall fand Versöhnung statt. Dann war sie ruhig. Sie war tapfer, unglaublich tapfer. "Unsere Prinzessin", sagten die Pfleger immer. Kein Wehklagen, kein Jammern, immer hat sie mit letzter Kraft noch mitgeholfen. Gelacht hat sie in diesen letzten Tagen, immer ein verschmitztes Griemeln im Gesicht getragen. Und immer wieder:" Wein nicht, alles nicht schlimm!" Alles nicht wichtig!
Noch einen Tag zuvor, sagte sie morgens, die wollten mich duschen, aber ich wollte nicht, es war doch so kalt, da hätte ich mir den Tod geholt. Wir mußten beide über ihre Worte lachen. Oder, Du, Kind, der nebenan, der Mann, der da liegt, der ist viel kränker als ich. Unfaßbar, dass sie im Angesichts ihres eigenen körperlichen Verfalls immer sagte:" Mir geht es doch super, wenn der Bauch nicht wäre!".
Dankbar war sie, nie hab ich eine solche Dankbarkeit in einem Menschen gesehen, für jede kleine Geste, jedes erfüllten Wunsch. Ja, sie hatte noch einmal viele kleinen Wünsche, ein weichgekochtes EI, ein gemeinsames Frühstück an einem Sonntag mit mir. Und am Abend dann , als ich ging, sagte sie:" Das war mein schönster Tag!" AM Dienstag noch Pralinen!
Merkwürdige Dinge wollte sie manchmal. Samstag sagte sie, "Kind, ich will mal einen Sekt trinken!". Meine Mutter hat nie ALkohol getrunken. Klar, sagte ich, heute abend trinken wir ein Gläschen. Gesagt getan! Nach drei Schlucken meinte sie, genug, ich muß mich ja nicht gleich am ersten Abend besaufen! Wieder mußten wir lachen. Du bist mein Engel, sagte sie zum Abschied.
Und dann kam der Mittwoch. Es ginge schnell, meinten die Pfleger, aber es dauerte dann noch ganze neun Stunden. Sie hat gewartet, auch noch auf meinen Sohn, der abends von der Uni kam.
Wir waren uns zwischendurch unsicher, ob sie vielleicht doch lieber allein sterben wollte.Aber manchmal spürte ich ihren Blick auf mir,oder er wanderte zu meinem Bruder, zu meinem Sohn und meinem Mann, dann auf den Frühlingsstrauß. Eine kleine Bewegung in meiner Hand von ihrer Hand, da wußte ich, dass sie wollte, das wir bei ihr waren.
Ohnmächtig, ich fühlte mich ohnmächtig. Nichts tun, nichts sagen, nur halten, nur da sein, abwarten. Der Tod ließ sich nicht beschleunigen, er hatte seine eigene Geschwindigkeit. Dann kamm er, nach langer Pein, der Atem wurde kürzer, ruhiger, immer wieder Tränen, und am Ende ein langer tiefer Seufzer. Sie seufzte ihr Leben mit einem letzten langem Atemzug aus. Sie starb in meinen Armen. Ich streichte ihr die Haare aus dem Gesicht, drückte ihre Hand, wischte ihr den letzten Blutsttropfen vom Gesicht und küßte sie zärtlich. Wir blieben so, noch für eine ganze lange Zeit. Wir saßen da, stumm.
Die anderen verabschiedeten sich. Ich bleb mit ihr allein. Ich wusch sie, cremte sie ein und zog ihr ein schönes Kleid an. Schön sah sie aus. Am Ende, gab ich ihr, wie versprochen einen Kuß mit meinem roten Lippenstift auf ihre Wange. Das wollte sie so, sie wollte den Kuß mitnehmen.
Ich deckte den Tisch mit einer weißen Decke, den Blumen, dem Kreuz, ihrem Engel und legte ihr das kleine Holzkreuz in die Hände. Sie sah friedlich aus. DAnn hielten wir stumme Zwiesprache.
Ein letzter Blick, zum Weinen ging ich raus, setzte mich aufs Rad und fuhr duch den Regen nach Haus. Und erst zuhause brach ich zusammen. Tränen reinigen die Seele. Ich mußte weinen, aber nicht nur um mich, das ich sie nun nicht mehr hatte, vor allen Dingen über sie, über ihr Leben, über ihren Schmerz, über ihren lebenslangen Rückzug in sich selber,über all das, was sie dadurch nicht erleben durfte. Alles Bilder kamen und kommen immer wieder in mir hoch, der letzte Spaziergang, der letzte EInkauf, das letzte Lächeln. Immer wieder. Nachts, lieg ich wach und dann sind sie wieder da die Bilder. Es wird wohl noch lange brauchen, bis der Schmerz überwunden ist.
Sie war tapfer, mehr als tapfer. Sie ist gegangen und wir müssen weiter gehen. Aber ich weiß, dass sie bei mir bleibt in meinem Herzen. Ich nehme Dich mit Mama, sagte ich ihr noch, auf meinem Weg nach Santiago.
Allein! wieder allein!
Einsam wie immer.
Vorüber rauscht die Jugendzeit
in langer, banger Einsamkeit.
Mein Herz ist schwer und trüb mein Sinn,
ich sitz im goldnen Käfig drin.
Wir beide, sie und ich, wir kannten diese Einsamkeit des Schmerzes. Wir kannten den Schmerz, eingesperrt zu sein. Sie ist jetzt in der Freiheit, erlöst. AUch ich werd dann, später, erlöst sein.
Ich bin dankbar, dass ich sie gehabt habe und für alles, was zwischen uns geschehen ist, auch wenn ich mich manchmal schäme, weil ich denke, es war zu wenig. Aber wichtig ist doch, dass ich es kennenlernen durfte!
Es war gut, dass wir da waren. Die Pfleger sagten uns noch am Ende, so schön war alles, so gut haben wir es gemacht. Das würden sie nicht so oft erleben. Es hat mir gut getan, mir die eigene Unsicherheit genommen. MAn nimmt sich selber so wichtig, dabei sagte sie doch immer:" Ist alles nicht so wichtig!"
Dieser Satz wird mir helfen, für mein Leben, denn es stimmt, es ist alles nicht so wichtig, von dem wir glauben, es sei wichtig!