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Klostertage!

Einige Blogger haben mich intern angefragt, wie geht das denn so in einem Kloster? Was macht man da? Nun, so will ich ein bisschen darüber erzählen.
 
Ich fahre schon seit vielen Jahren immer mal wieder, um der Welt den Rücken zu kehren, für ein paar Tage ins Kloster. Am liebsten nach Mariendonk in der Nähe von b. Viersen. Dieses Mal hatte ich aber dort keinen Platz bekommen und bin auf der Suche nach einer Ausweichmöglichkeit auf das Kloster „Maria Heimsuchung“ in Kall/Steinfeld gekommen. Das Kloster Steinfeld, von Salvatorianern geleitet, ist wohl einigen bekannt, schon allein deswegen, weil dort ein recht gutes Internat unterhalten wird. Aber die kleine Benedektinnerinnen-Abtei steht ein wenig im Schatten des Klosters Steinfeld.
 
Warum fährt man in ein Kloster, ich meine nicht nur zur Besichtigung und zum Fotografieren? Nun, wie ich schon sagte, es tut gut, einmal dem ganz normalen Wahnsinn der Welt zu entfliehen. Kein Fernseher, keine Nachrichten, keine Musik, keine Erwartungen, die an einen gerichtet sind, einfach nur Stille.
 
Ich machte mich also am Samstagmorgen in der Früh auf den Weg und erreichte mein Ziel nach knapp 1 Stunde Autofahrt durch die von mir so geliebte Eifellandschaft. Steinfeld liegt ca. 52o m.ü.M. im deutsch-belgischen Nationalpark. Ein Ort der Heiligkeit wird er genant, weil es dort auf dem Berg schon seit ca. 1ooo Jahren klösterliches Leben gibt. 1954 kamen die Benediktinerinnen nach Steinfeld. Seitdem leben sie dort ihr monastisches Leben. Dieses ist bestimmt durch Arbeit, beten, Feier der Eucharistie und ihrer Suche Gott immer und überall und in allem zu finden. Die Regeln des klösterlichen Zusammenlebens sind gegründet auf den Regeln des heiligen Benedikts, Schweigen, arbeiten und beten. Einer der wichtigsten Aufnahmekriterien ist die absolute Sehnsucht nach Gott, die sich im Feiern des Gottesdienstes zeigen soll.
 
Dort also angelangt, stellte ich mein Auto ab, nahm meinen Rucksack und genau in dem Moment, wo sich die Klosterpforte hinter mir schloss, ich die liebevolle Begrüßung der Schwester entgegennahm, kämpfte ich mit meinen Tränen. Das geht mir jedes Mal so, wenn ich die Klosterschwelle überschreite. Warum? Nun, da gibt es viele Gründe, aber vor allen Dingen ist es wohl der Augenblick, der Moment, dieses Gefühl, einen anderen, bis zum Rande voll gepackten Rucksack draußen stehen lassen zu können. Die Leichtigkeit, die ich in diesem Moment empfinde, diese Entkrampfung, Entspannung lassen mich einfach weinen. Von der Schwester, die einfach versteht, wurde ich dann auf mein Zimmer geführt. Das erste Gebot der Schwestern ist übrigens, jeden Gast so aufzunehmen, als wenn er Christus selber wäre.
 
Als ich die Tür zu meinem mir zugewiesenen Zimmer öffnete, mein Blick in den kleinen Raum fiel, die Schwester mich erwartungsvoll anschaute, um zu sehen, welche Reaktion er hervorrief, waren meine Worte nur:“Sehr schön, das reicht vollkommen!“ Es standen ein Bett, ein Stuhl und ein kleiner Tisch, auf dem liebevoll in einer Vase zwei kleine Alpenveilchen standen. Dann schloss sie die Tür und tiefe Stille umfing mich. Nun war ich allein mit mir, mir selber ausgeliefert, allen meinen Gedanken, Gefühlen und meinem Schweigen. Genau das war es, was ich mir in den letzten Wochen so sehnlichst gewünscht hatte, einmal nicht agieren, keine Verantwortung übernehmen zu müssen.
 
Die erste Stunde saß ich einfach ganz still auf meinem Bett, schaute aus dem Fenster und beobachtete die Gedanken, die sich wie Berge in mir auftürmten und mich bedrängten. Das Loslassen des Zurückgelassenen ist nicht so einfach. Ein ständiger Kampf. Ruhigwerden, den Kopf frei bekommen. Immer wieder innere Anfragen: „Wie es der Mutter wohl geht? Konnte ich sie alleinlassen? Wie geht es mit der Arbeit? Wie klären sich zuhause die Probleme. Man erkennt sehr schnell, wie wichtig man sich selber im Alltag nimmt.
 
Wie sieht also der Klosteralltag nun aus. Der Morgen beginnt mit den Laudes, dem Morgengebet der Kirche, um 06.4o Uhr. Um o7.3o Uhr dann die tägliche Eucharistie, danach gibt es Frühstück. Um 12.15 Uhr findet die Mittagshore statt, danach Mittagessen, Schweigen, gegen 15.3o Uhr Kaffeetrinken, wenn man will. 17. oo Uhr wird die Vesper gebetet, 18.3o Uhr Abendessen, 19.4o Uhr Komplet und um 2o.oo Uhr die Matutin. Die Gebetszeiten sind ein Geschenk der Schwestern an die Gäste, man muss nicht teilnehmen. Jeder kann so wie er will. Manche meinen, sie müssten, aber ich habe mir die Freiheit genommen, nur wenn mir wirklich danach war. Ich liebe diese Stundengebete normalerweise, denn in den Versen der Psalmen finde ich mein eigenes Leben wieder. Hier jedoch störte mich, dass die Schwestern in Latein beteten. Ich fühlte mich ein wenig ausgegrenzt, außen vor. Es dauerte ein wenig, bis ich es akzeptieren konnte. Das hatte halt mit meiner Erwartung zu tun, weil ich es von Mariendonk her anders kannte. Aber hier wurde mir mal wieder bewusst, wie Erwartungen auch im Alltag blockieren konnten, wenn nicht alles so läuft, wie ich es mir vorstelle. Erwartungen sind sehr oft ein Hindernis, sie erzeugen Unmut, Ärger und Unwillen und man verliert die Offenheit für das ganz andere, Neue.
 
Die Mahlzeiten sind schlicht und einfach, aber es reicht absolut. Währenddessen ist man nicht alleine, denn man sitzt mit anderen Gästen zusammen. Nun gut, die kann man sich nicht aussuchen. Mal hat man Glück und lernt interessante, offene Menschen kennen. Mal hat man Pech, so wie ich dieses mal und sitzt in einem Kreis von gut-katholischen, grau-schwarz gekleideten Frauen, Haare zum grauen Zopf gewunden, demütig-gehorsam-gläubig der Kirche gegenüber. Ja Mensch, wie konnte ich auch so blöde Anmerkungen von mir geben, was bedeutet der Volkstrauertag, den wir ja am Wochenende hatten, hier in der Eifel dadurch auffällig, weil nach der Messe, die freiwillige Feuerwehr mit ihrer Blaskapelle zum Friedhof zogen um den im Krieg gefallen Helden die Ehre zu erweisen. Wie konnte ich nur einwerfen, dass meine Helden die waren, die sich verweigert hatten. Und wie konnte ich einfach sagen, dass ich das erzwungene Zölibat in der kath. Kirche nicht akzeptieren kann. Und wie ich bloß auf die Idee kommen konnte, lateinische Messen für elitär zu halten, die nicht unbedingt dazu angetan sind, junge Menschen für die Kirche zu gewinnen. Man kennt das ja, schnell ist man im Abseits und die anderen schließen sich zu einem Verbund zusammen und mit kleinen Gesten, Lächeln untereinander, Blicke austauschend, fühlt man, dass man allein ist. Na gut, dachte ich mir, bist du halt ein „Alleiner“, sowieso. Gut, dass es auch „Schweige-Mahlzeiten“ gab.
 
Zwischen all diesen Zeiten des Gebetes und der Mahlzeiten unternahm ich längere Spaziergänge durch die Felder. Es hatte geschneit am Wochenende. Die Wege waren leicht mit Schnee bedeckt und kleine gefrorene Eiskristalle knirschten unter meinen Schritten. Das heruntergewehte Herbstlaub war rutschig, und da es hier und da recht steil bergab ging, musste ich sehr auf meine Schritte achten. Hierbei fällt mir auf, wie wichtig Achtsamkeit im Alltag, für alles, was wir sagen, tun und denken, nötig ist. Der Mensch ist ein zerbrechliches Gefäß, zu schnell werden unbedacht Worte gesagt, die den anderen verletzen. Und ausgesprochene Worte haben natürlich immer einen Vater, den der Gedanken, daher ist eine Hygiene der Gedanken von Vorteil. Der Mensch ist, was er denkt. Meistens sind wir Sklaven unserer Gedanken, merken gar nicht, wie sie unser Handeln beeinflussen.
 
Die Luft macht schnell müde, aber vielleicht merke ich die Müdigkeit im Alltag auch nicht und übergehe sie in ständiger Aktion. Jedenfalls passiert es mir an diesem Wochenende zweimal, dass ich im Sessel sitzend über einem Buch einfach einnicke. Unfassbar, wann ist mir das in den letzen Wochen zuhause passiert!
 
Von den Schwestern selber bin ich immer wieder angetan. Sie strahlen eine innere Gelassenheit und eine Freude aus, die mich sehr berührt. Für jeden ein freundliches Wort. Der Geist der Welt scheint ihnen nichts anzuhaben, sie lassen sich nicht beirren. Und sie hören und sehen viel Leid. Tagein, tagaus leben sie in ihrem Rhythmus, beten, arbeiten, schweigen. Beneidenswert! Oder? Nun in jungen Jahren hatte ich oft den Wunsch, einem Orden beizutreten. Heute könnte ich mir das nicht mehr vorstellen. Einsamkeit, Rückzug ja, aber immer nur für eine gewisse Zeit, sozusagen als Kraftspender, für die Dinge, die getan werden müssen und die mir grundsätzlich ja auch Freude machen.
 
Zwischendurch bekomme ich mit, wie eine Frau an der Pforte klingelt und um Nahrungsmitteln und Almosen bettelt. Die Schwester erzählt mir, dass ca. 15 unterschiedliche Menschen über das Jahr hinweg an der Klosterpforte um Almosen bitten. Jeder geht mit einem Paket weg. Unter anderem erzählt sie mir von einer syrisch-aramäischen Familie, die von ihnen betreut wird. Die Familie mit drei Kindern verfügen über keine Aufenthaltsgenehmigung, haben keine deutschen Pässe, sind nur geduldet, das schon über Jahre und müssen von 64o,--? im Monat leben. Das muss man sich mal vorstellen.
 
Das Kloster trägt sich aus den Einnahmen der Gästebewirtschaftung. Über andere Einnahmen verfüge sie nicht.
 
Ja, das war es schon. Nichts Spektakuläres. Zwei Tage sind schnell vorüber, obwohl man nichts tut. Ein letzter Rundgang ums Kloster Steinfeld und schon muss ich wieder die Heimfahrt antreten. Ich fühle mich ein wenig gestärkt, doch habe ich auf viele Fragen immer noch keine Antworten. Ich weiß, was ich nicht will, aber immer noch nicht, was ich will. Damit muss ich wohl noch eine Weile leben, es in Geduld tragen. Türen öffnen sich wohl erst, wenn man es nicht mit Gewalt versucht. Aber es war schön, mal wieder zu sehen, was wirklich wichtig ist und was unwichtig ist. Die Spreu vom Weizen trennen, dafür braucht man einen klaren Kopf!
 
Klöster sind Orte zur Besinnung. Es tut gut, zu wissen, dass es Menschen an Orten gibt, die für die Belange der Welt beten. Manchmal hilft wenigstens das!
 
Als ich im Auto sitze, geht das Radio an und ich höre die Nachricht vom Amoklauf in einer Kölner Schule.
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