Jeder hat beim Anblick einer Kirche ein anderes Empfinden. Für den einen ist es ein sakraler, spiritueller Raum der Einkehr, der Stille, ein Heraustreten aus der Hektik unseres Alltages, ein Ort des Betens und der inneren Einkehr. Für den anderen wiederum löst der Anblick einer Kirche ungute Erinnerungen aus, an die Kindheit, an negative Erfahrungen, und niemals würde er einen Fuß wieder über die Schwelle setzen. Wiederum für andere ist eine Kirche eher ein Ort, wo er Kunst begegnen kann, die mit Fotoapparaten festgehalten werden will.
In der Zeit, in der Menschen noch eher im Glauben fest verwurzelt waren, entstanden viele kirchliche Bauten, Kathedralen und Dome! Heute stehen Kirchen teilweise leer, es finden sich zu Gottesdienstzeiten nur noch eine Handvoll Menschen in ihnen. Die Diözesen müssen sich damit beschäftigen, wohin mit dem Kirchenraum, wie ihn finanzieren! In Leverkusen hörte ich von einem Pfarrer, dass dort nun eine Kirche verkauft worden ist. Wussten sie, dass eine Kirche bei Übergabe in den Privatbesitz sozusagen entheiligt werden muss? Kirchenträger beider Konfessionen sind als damit beschäftigt, was machen wir mit unseren Kirchen!
So entstand hier in Nippes in der evangelischen Luther-Gemeinde die Idee, die Kirche nicht mehr nur noch für Gottesdienste zu nutzen, sondern sie für Kulturangebote jeder Art zu öffnen. Seitdem gibt es in Nippes die „Kulturkirche“!
Seit Jahren finden hier Veranstaltungen musikalischer Art statt und werden Lesungen abgehalten. AM vergangenen Samstag durfte ich mal wieder an einer dieser Veranstaltungen teilnehmen. Lydie Auvray, Akkoredonspielerin, gab dort ein Jubiläumskonzert mit geladenen Gästen, moderiert und eingeleitet von Elke Heidenreich und mit zwei Musikern, die sie auf ihrem musikalischen Weg begleitet haben, Hannes Wader und Stoppok! Da ich selber ein ganz klein wenig Akkordeon spiele, aber mich sehr lange nicht mehr damit beschäftigt hatte, war ich äußert gespannt, was da kommen würde. Ich muss gestehen, ich hatte von Lydie Auvray bisher nie etwas gehört, umso größer war meine Neugier!
Und was soll ich sagen, es war einer der schönsten Abende, die ich seit längerem erlebt habe. Elke Heidenreich, die wohl schon seit Jahren mit Lydie befreundet war und aus dem Nähkästchen der Erinnerungen plauderte, sehr sympathisch und überzeugend von ihrer Freundschaft sprach und die musikalischen Qualitäten derselben auf eine uneitle Art rüberbrachte und die mich sofort überzeugte.
Und dann begann das Konzert und vom ersten Augenblick an, war ich von der Musik und von dem Charisma Lydie Auvrays gebannt. Ihre wunderbare, melancholische, leise und zärtliche Tangomusik erzählte von einem Leben, das irgendwie an eine andere Welt erinnerte. An Menschen, die zusammen kamen, um miteinander zu tanzen, zu erzählen, mitzusingen. Jedes ihrer Lieder erzählte eine Geschichte. Lydie leitete jedes Lied mit einer ungewöhnlich überzeugenden, mitreißenden Erzählung ein. So hieß ein musikalisches Stück „Lavendel“ und in dem Moment, wo die Musiker es anstimmten, schloss ich die Augen, roch den Duft des Lavendel, fühlte ich das zarte Streicheln des Windes über ein ganzes Lavendelfeld, ich wurde schlicht in eine andere Welt versetzt. Wenn Lydie in einem äußerst temperamentvollen Stück, in dem sie mit ihrem Akkordeon förmlich in der Luft schwebte, konnte man einfach nicht sitzen bleiben, man musste sich den Rhythmen hingeben und eine beschwingte Fröhlichkeit ergriff einen im Innersten. Jedenfalls bei mir und einigen anderen war das so. Diese wunderschöne Frau zog die Menschen mit ihrer Musik und ihrer Ausstrahlung in den Bann, wie man es nur noch selten erfährt.
Musiker wie Hannes Wader und Stoppok, mit denen sie jahrelange musikalische Verbundenheit geteilt hat, bereicherten den Abend auf ihre Weise. Wem kamen da nicht Erinnerungen hoch, wenn Wader alte Weisen anstimmte, wie „Heute hier, morgen dort…“?
Das Publikum, Altersdurchschnitt ca. 45 bis 6o Jahre, honorierte es mit tosendem Applaus.
Irgendwann schaute ích auf die Uhr und sie sagte mir, 24.oo Uhr! Lange hatte ich nicht mehr einen so wunderschönen Abend verbracht. Alle Alltagssorgen waren vergessen, untergetaucht in eine Welt voller Poesie, Träumen und Fröhlichkeiten vergingen die Stunden wie im Flug. Ich kann nur sagen, es lohnt sich einmal in die Musik von Lydie Auvray hineinzuhören und sich in eine andere Welt mit hineinnehmen zu lassen!
Und am Ende dachte ich, schön, dass es diese Kulturkirche gibt, dessen Pfarrer es sich zur Aufgabe gemacht hat, und nicht nur aus finanziellen Nöten heraus, die Menschen auf eine ganz andere Art in die Kirche zu locken. Und aus den Gesprächsfetzen und kleinen Unterhaltungen während der Pause bei einem Bier, erfuhr ich, dass wiederum viele das erste Mal seit langem wieder einen Kirchenraum betreten hatten.
Wenn das nicht auch eine Art der Verkündigung ist, dann weiß ich es nicht. Gehören doch Musik und Kunst zu einem der schönsten Dinge, die die Schöpfung Mensch hervorbrachte.
So kann man es auch machen! Bevor man Kirchen leer stehen lässt, lädt man Menschen ein in ihnen Stunden der Entspannung, des Losgelöstsein vom Alltag zu ermöglichen, ohne dass es der Heiligkeit einen Abbruch tut, im Gegenteil. Leider versperren sich gerade die katholischen Kirchen vor dieser Art der Nutzung ihrer Kirchen. Lieber lassen sie sie leer stehen und die Kosten gehen zu Lasten der Kirchenzahler!