Das Leben ist eine Baustelle, jedenfalls empfinde ich das manchmal so. Da kommst du abends nach getaner Arbeit in dein heißersehntes Heim, freust dich, endlich auf ein wenig Ruhe und Muße und genau in diesem Moment passiert das, was du eigentlich nicht brauchen kannst.
Denn deine eigene in die Welt gesetzte Brut motzt dich an, wieso du dies und das noch nicht erledigt hast. Der angetraute Ehemann hält sich raus und somit bleibst du mal wieder allein mit dieser dir eben angetanenen Ungerechtigkeit. Das sind so die Momente, wo man sich denkt, wieso hast du dir das eigentlich angetan.
Du knallst voller Verdruss die Tür, rennst den Flur hinunter, die Tür unten öffnet sich und überraschender Weise tritt der Nachbar heraus. Ach, wie merkwürdig, immer wenn du nach draußen willst, geht dessen Tür auf. Der grüßt nur kurz und hält dir sofort ne Standpauke, wieso der ganze Dreck schon wieder im Flur liegt.
Langsam merkst du, wie dir der Hals anschwillt, aber du bist ja ein Gutmensch, drückst den Ärger weg, schaust ihm lächelnd ins Gesicht und sagst.“ Ja, das werden wohl die Heinzelmännchen gewesen sein“, hebst die am Boden verstreuten Zeitungen und Reklameblätter auf und rast an ihm vorbei auf den Hof und entsorgst sie in die doch immer übervollen Papiertonnen.
In diesen Momenten glaubst du einfach, dass die ganze Welt sich gegen dich verschworen hat. Genau hier denkst du, du bist es leid, immer gegen alle Ungerechtigkeiten, Unfreundlichkeiten, Missgunst, Ärger, Neid und andere Lieblosigkeiten anzugehen. Du fühlst dich leer und ausgepumpt.
Das sind so Tage, wo ich mir auf jeden Fall so schnell wie möglich eine Auszeit beschere, sozusagen einen Tag Urlaub aus der Baustelle „Leben“!
Es gibt viele Orte, zu denen man schnell gelangt und wo einen das seltsame Gefühl bemächtigt, man wäre nicht einen Tag sondern Tage dort gewesen. Einer dieser Orte ist für mich die Museumsinsel Hombroich. So vier bis fünf Mal im Jahr fahre ich dort hin.
Es gibt wenige Orte, wo man so mit sich allein ein kann, hier und dort verweilen, innehalten, betrachten und einfach nur sein kann. Es fällt mir schwer, die Insel zu beschreiben, denn man muss sie einfach erleben.
Die Stiftung Insel Hombroich umfasst das Museum Insel Hombroich, das Kirkeby-Feld und die Raketenstation, alles zusammen gesehen ein Raum der vielfältige künstlerische Aktivitäten umfasst und unter anderem alle zwei Jahre ein Musikfestival veranstaltet, aber auch Einzelkonzerte und Lesungen, die in dieser besonderen Landschaft ihren ganz eigenen Reiz haben.
Wenn man also durch diese hervorragend angelegte Landschaft, die trotz allem auf den Betrachter, wie zufällig entstanden wirkt, spaziert, erkennt man sehr schnell, dass hier Menschen, Künstler am Werk waren, die um eine gemeinschaftliche Arbeit bemüht waren und sind. Es gilt nicht einen einzelnen hervorzuheben, sondern das ganze an sich ist das Kunstwerk und jeder hat seinen Anteil dazu gegeben. Schon dies lässt einen innerlich darüber nachdenken, wie schön es wäre, wenn dies auch im Alltag im Miteinander mit anderen Menschen möglich wäre. Jeder erkenne das Charisma des anderen, respektiert es und lernt vom anderen. Natürlich ist es nur normal, wenn in menschenlichem Zusammenleben Gefühle, wie Eifersucht und Neid aufkommen, aber die Kunst ist es doch, diese hinten anzustellen, sie zu überwinden, daraus Erkenntnisse zu ziehen und dann wieder das gemeinsame Schaffen im Blick zu behalten.
In all den Jahren, die ich nun dort hinfahre, um einen kleinen Rückzug aus meinem Alltag zu starten, durfte ich erleben, wie die Insel Jahr für Jahr sich weiterentwickelt hat. Hier ist ein Raum geschaffen worden, wo Mensch, Natur und Architektur zu einer Einheit ohne Widersprüche geformt wurde. Nichts stößt auf, nichts ist eckig, obwohl es eckig ist, die Disharmonie ist eingebettet in Harmonie. Alles gehört zusammen. Alles ist und wird und entwickelt sich.
Schon allein der Anblick, wenn man die Insel betritt, versetzt mich jedes Mal wieder in Staunen über die Weite, die sich auftut, Himmel und Erde scheinbar so nah beieinander. Man betritt den Museumseingang, geht ein paar Stufen hinunter und steht gerade im Sommer inmitten duftender Gräser und Sträucher, deren Geruch die abgaseinatmende Nase des Städters betören kann. Ein paar Schritte weiter schon betritt man dann im Gegensatz zu diesem Erlebnis einen schlichten Turm, der seine Türen an allen Seiten geöffnet hat. Es ist jedes Mal ein Wunder für mich in diesem Raum zu stehen und die Möglichkeit zu erfahren, an allen Seiten dieses Raumes entschwinden zu können und verschiedene Ausblicke zu haben. Wenn unser Denken doch so offen wäre im Alltag und wir alle Gelegenheiten nutzen würden, die Perspektiven zu wechseln, um zu anderen Sichtweisen, auch auf unsere eigene Situation zu gelangen.
Und so geht man weiter, hält hier und da auf einer Bank inne, geht leise durch kleine, verwinkelte, grasüberwachsene Wege, ohne jemandem zu begegnen. Es ist mir wirklich ein Rätsel, wieso an diesem wunderschönen Ort so wenig Menschen zu sehen sind. Aber mir soll es recht sein.
Die Stunden vergehen, ohne dass man es merkt beim Entdecken immer wieder neuer Schönheiten, jedes Mal gibt es irgendwas, was ich trotz der vielen Besuche noch nicht gesehen habe. Die Kunst weist viele Stilrichtungen auf. Man sieht in verschiedenen Gebäuden Arbeiten vieler Künstler, sei es auf Holz, Öl auf Leinwand, Skulpturen aus Holz und Stein, wunderschöne Architektur, Steingebilde, kleine Pavillons zum Verweilen, kleine Brücken die in wieder anders angelegte Landschaftsgebilde führen.
Und wenn sich dann irgendwann der Hunger meldet, dann sucht man sich den Weg zu der 1986 vom Architekten Erwin Heerich gebauten „Cafeteria“, die ohne einen besonderen Obolus zu erwarten, denn die Beköstigung ist im Preise inbegriffen, was nicht heiß, dass man trotz allem eine kleine Spende für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Museums geben darf, mit wunderbaren Speisen aufwartet, selbstgebackenem Brot, Schmalz und Butter, frischen Äpfeln und in der Mittagszeit mit einer kleinen warmen Mahlzeit. Erlaubt das Wetter es, kann man sich in dem paradiesischen Garten vor dem Haus unter Weiden einen lauschigen Platz suchen, wo man wiederum inmitten von Menschen zurückgezogen sein kann. Hier kommt man zur Ruhe.
Schaue ich dann doch irgendwann einmal auf die Uhr und sehe, dass es schon 17.oo Uhr ist, bin ich jedes Mal wieder erstaunt und Wehmut befällt mich diesen wunderschönen Ort zu verlassen. Aber nur für dieses Mal, denn ich kehre ja immer wieder zurück!
Da ich erstaunt bin, wenn ich anderen Menschen davon erzähle und jedes Mal feststelle, wie wenige diesen schönen Ort kennen, habe ich mir erlaubt in diesem Beitrag ein bisschen die Neugier zu erwecken. Fahren Sie einfach einmal hin und mache einen Tag Urlaub aus der Baustelle des Lebens!