Ich schreibe einfach gern:)
So, der Morgen ist da, Abschied von Preetz. Ich sitze das letzte Mal mit Sabine am Frühstückstisch und genieße den schönen Blick in ihren Garten. Wir tauschen noch unsere Adressen aus und dann möchte ich die Unterkunft bezahlen. Und jetzt kommt eine unglaubliche Überraschung für mich, denn Sabine will nichts. Die Blümchen und das schöne Buch, dass ich ihr geschenkt habe, seien schon genug, meint sie, außerdem hat sie immer mal gerne Gäste und sie sei ja auch Radfahrerin und hat schon so manche Übernachtung für ümmesonst bekommen. Laß mal gut sein, sagt sie, nimmt mich in den Arm und drückt mich noch mal. Ich muß schon sagen, so was erlebt man nicht alle Tage, oder? Geld regiert eben doch nicht die Welt, ein letztes Mal ein Küsschen rechts und links, und dann bin ich weg.
Natürlich fahre ich auch noch mal bei meinem Fahrradhändler vorbei, der ein letztes Mal mein Rad checkt und auch wir versprechen uns, in Kontakt zu bleiben. Vielleicht kommt er ja mal nach Nippes, wer weiß! Auf jeden Fall habe ich einen neuen Fan für den KSTA-Blog gewonnen, bin gespannt, wann er sich ebenfalls auch anmeldet und den ersten Bericht aus Schleswig, Preetz, reinstellt. Wär doch klasse, oder?
Das Wetter ist mir heute nicht sehr gewogen und so beschließe ich den direkten Weg nach Kiel zu nehmen, wo ich mich mit Betrachter treffen will. Der 20 km lange Weg geht entlang der Haupt-Landstraße und ist nicht gerade verzaubernd. Der nun einsetzende Regen tut sein Bestes, mich in eine etwas melancholische Stimmung zu versetzen, denn ich lasse neue liebgewordene Menschen zurück. Der Regen läßt Fauna und Flora dampfen und der typische feuchte Waldgerucht steigt mir in die Nase. Trotzdem hole ich jetzt meinen I-Pod heraus, damit ich die Geräusche der vorbeibrausenden Lastwagen übertönen kann. Bei der Stimmung kommt mir "Seed" gerade recht und meine Laune ist trotz allem beschwingt und ich radele ein wenig zick und zack über den Radweg und so mancher Vorbeibrausender denkt wohl, ist sie betrunken, oder was!
Nach geschlagenen 2 Stunden bin ich in Kiel und fahre an den großen Pötten über die Brücke in den Innenstadtbereich. Ich hab jetzt nicht die Gänsehaut und das Brausen des Herzes in mir, als ich Kiel das erste Mal erblicke. Von den Häuserfronten her gesehen, auch nicht anders, wie jede andere Stadt. Und im Zentrum das ganze Procedere wie überall auch, überall hektische kauflustige Menschen und ich bin ein bißchen angenervt, weil ich mich durch die Massen mit meinem Rad vorbeischieben muß. Irgendwie passe ich nicht so recht hierhin.
Daher suche ich mir erst einmal ein nettes Cafe, um innerlich anzukommen und meinen Magen, der mal wieder knurrt, zu besänftigen. Das Cafe liegt übrigens in der Altstadt, wieso die in Kiel aber Altstadt heißt, vermag ich nicht so richtig zu durchblicken. Auch Betrachter findet später auf meine Frage diesbezüglich keine Antwort, und er weiß schon viel.
Jedenfalls greife ich endlich zum Handy und wähle seine Nummer. Ich bin nun doch ein wenig aufgeregt, jemanden zu treffen, den ich hier durch den Blog kennengelernt habe, auch wenn wir uns schon des öfteren geschrieben haben. Und dann noch seine Gastfreundschaft anzunehmen, also ich brauch schon ein wenig Mut. In einer Stunde ist er da, sagt er mir am Telefon und ich warte der Dinge, die da kommen. Ein Bild hatte ich ja schon einmal von ihm gesehen. Mein Sohn hatte mich zuhause ja noch gewarnt, Mutter, Mutter, ich bin nicht davon begeistert, dass du dich mit einem Blogger triffst. Wer weiß wer das ist, es laufen so viel Verrückte durchs Internet. Nachher zückt der ein Messer oder sonst was. Zur Sicherheit hat er mir ja sein Pfefferspray mitgegeben, man weiß ja nie, Mutter, steck das bloß ein.
Nach einer Weile kommt Herr Betrachter links von mir die Straße heraufgeradelt. Ich erkenne ihn sofort und lache über das ganze Gesicht. Auch er kommt freundlich und lächelnd auf mich zu, wir umarmen uns, freuen uns aneinander, der erste Bann ist gebrochen. Komm, lass uns noch einen Kaffee zusammen trinken, sage ich. Ja und dann macht er eine kleine Rundreise per Fahrrad mit mir durch Kiel, um mir das Wichtigste von Kiel zu zeigen. Ich muß sagen, viel ist es nicht. Es ist auch nicht viel, meint er, was es hier zu bestaunen gibt. Ich muß lächeln. Dafür ist es aber im Umland um so schöner, sagt er, aber dazu kommen wir dann noch.
Dann fahren wir in Richtung Ruesse, denn dort lebt seine Lebensgefährtin, bei der ich wohnen werde. Die gleiche Beklommenheit und etwas Unsicherheit befällt mich auch hier wieder. Wie wird es sein, wenn ich ihr gegenüberstehe. Zuerst einmal bin ich angenehm überrascht von der wirklich schönen Wohngegend, alles sehr nette kleine Häuschen mit Vorgarten, aber keineswegs spießig. Als ich vor ihrem Haus halt mache, habe ich sofort die Assoziation eines kleinen Hexenhäuschen, so wirkt es auf mich. Wir gehen durch den liebevoll angelegten Garten, in dem kleine Figuren und Skulpturen stehen und in dem noch manch anders zu entdecken ist. Und dann steht sie im Türrahmen, die liebe Frau, um mich zu empfangen. Ob sie wohl genau so aufgeregt war, wie ich? Ich spüre sofort eine Welle der Sympathie, die mir entgegenkommt und so können wir uns zur Begrüßung auch umarmen. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Das Eis ist gebrochen und das bestätigt sich in den nächsten Stunden. Ich bin gegen 14.3o Uhr angekommen und von da an sitzen wir zu Dritt bis in die Nacht hinein und erzählen und erzählen, vom Leben, von unseren Weltanschauungen und von allem, was uns berührt. Ich bin mal wieder begeistert, wie es möglich ist, dass ich das Gefühl habe, Menschen, die ich eben erst kennengelernt habe, schon ewig zu kennen. Es gibt keine Mauern, die uns umfangen und keine Reserven und dass ist zu schön. So bin ich aus tiefster Seele erfüllt und der Tag war mal wieder wunderschön, der von einem noch schöneren Tag abgelöst wird. Gibt es eigentliche noch Steigerungen?
Am nächsten Tag fahren wir nämlich alle nach Lübeck, der Stadt, in die ich mich sofort verliebt habe, da können auch die immer wieder aufkommenden Schauer, die Betrachter gar nicht schön findet, mir nichts anhaben. Betrachter kennt sich super gut aus und hatte schon im Vorfeld ein kleines Dossier für mich ausgearbeitet, damit ich Vorinformationen über Lübeck habe. Leider hab ich die nun doch bei ihm vergessen. Die Stadt ist so was von liebevoll gepflegt und die Häuser gut erhalten und restauriert. Wir gehen durch kleine verwinkelte Gassen, in denen sich manchmal rechts und links kleine Gassen auftun, die in noch kleinere, schmale Innenhöfe führen, die einen gemütlichen Charakter zeigen und davon sprechen, dass hier Menschen wohnen, die gerne beieinander sind. Also, ich werde auf meiner Rückreise auf jeden Fall hier nochmal zurückkehren, denn ich hab noch längst nicht alles gesehen, war weder im Thomas-Mann-Haus, noch im Günther-Grass-Haus. Dafür haben wir eine Führung im Holstentor gemacht, was absolut interessant war, weil ich hier in die Stadtgeschichte Lübecks eingeführt wurde. Es ist klasse gestaltet, so dass man auch mit Kindern dort gut hingehen kann, denn es gibt viel zu entdecken.
Unsere Stadttour wird immer wieder unterbrochen von kleinen Ruhepausen in Cafes und auch ein gutes Mittagessen lassen wir uns nicht nehmen. Nach siebenstündiger Tour erlahmen unsere Kräfte und wir treten die Heimfahrt an. Wir sind seelig, aber auch erfüllt. Es ist schön zu sehen, dass auch die Beiden von Lübeck immer noch begeistert sind. So sitzen und liegen wir nun relaxed im kleinen Hexenhäuschen herum und hatten Lust, uns einen schönen Filmabend zu machen, ohne Anspruch. Wir schauen alle vorhandenen Filme durch und entscheiden uns für einen alten Schwarz-Weiß-Film mit Hans Albers, mit dem Titel "Vor Sonnenuntergang", der mich noch am anderen Tag beschäftigt und immer wieder zum Gespräch animiert. Danach darf ich sogar noch ein bißchen bloggen am Compi der Tochter und dann gings ab in die Heia.
Da die Beiden mich überredet haben, obwohl dazu nicht viel nötig war, bleibe ich auch noch den folgenden Sonntag, an dem wir gemeinsam noch eine schöne Radtour um den Westensee machen. Das ist das schöne an Kiel, man ist auch hier nach einigen Minuten in freier Natur. Wenn ich mir vorstelle, wenn man in Köln ein bißchen raus will, muß man schon einiges fahren, um den hektischen Straßen zu entkommen und hier begegnet einem nach zehn Minuten schon kein Mensch mehr. Sehr schön. Unser Weg führt uns auch auf den "Tüttenberg" das Naherholungsgebiet von Kiel, der zum einen einen wunderschönen Ausblick auf die unter uns liegende Umgebung bietet mit dem See, aber es ist auch ein magischer Ort und es geht mir hier so, wie den Jüngern, als sie mit Jesus auf den Berg steigen. Laß uns Hütten bauen, denke ich. Ich will hier nicht mehr weg. Ich liege noch ein wenig im Gras und schaue in den sonnenklaren, wolkenlosen Himmel und träume von allem was ist und was noch unerfüllt ist. Dann geht es doch wieder weiter, übrigens natürlich mit kleinen Zwischenstops für Kaffee und Sahnetorte. Der Tag endet Zuhause im Hexenhäuschen mit einem guten Essen, dass die liebe Frau des Betrachters für uns gekocht hat.Danach liegen wir satt und zufrieden herum.
Nur ein erster Schatten in diesem Urlaub fällt über mich, als ich mit meiner Mutter telefoniere, denn es geht ihr sehr, sehr schlecht und Angst beschleicht mich, dass sie vielleicht nicht mehr wartet, bis ich nach Hause komme. Da kann ich kaum an mich halten und der ganze Schmerz bricht wieder aus mir heraus und ich weine und weine. Die liebe Frau hat so viel tröstende Worte für mich und hält mich im Arm, bringt mir eine Decke, damit es mir warm bleibt und ich fange mich wieder. Danach erzählt sie mir noch ein Märchen, nur für mich, von einer Maus die Fledermaus werden möchte. Das ist so zart und berührend, dass ich sehr glücklich bin und mich gehalten fühle bei Menschen, die ich so kurz kenne. Auch klopft sie meinen Körper aus, das kann sie prima, damit alle Anspannungen herauskommen. Ich muß es jetzt einfach mal so sagen:"Ich liebe sie, die Beiden"! Dann gehe ich auf mein Zimmer, packe meine Sachen zusammen, denn Morgen heißt es mal wieder Abschied nehmen. Loslassen.
Aber es heißt nur Auf Wiedersehen, ganz bestimmt!