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Nähe und Distanz!

Vor einiger Zeit musste ich in eine Glaserei. Unsere Butzenscheiben an der Wohnzimmertür waren zerbrochen. Ich nahm mir das Branchenfernsprechbuch und suchte nach einer entsprechenden Glaserei in der Nähe und fand auch eine.
 
Ich nahm ein kleines Stück der Scherbe mit. Auf dem Weg spielte ich mit der Scherbe in meiner Hand und schaute sie mir immer wieder an. Überlegte, wie es dazu gekommen ist. Ein kleiner Unfall. Einen Augenblick nicht aufgepasst und schon war sie entzwei. Eine kleine Scherbe in meiner Hand machte mich darauf aufmerksam, wie zerbrechlich auch das Leben ist. Ich habe schon so viele Scherbenhaufen in meinem Leben gesehen, die mir viel Kraft geraubt haben, um sie wieder zusammenzusetzen. Manche Lebenssituationen zeigten mir in der Erinnerung, dass sie nur halten, weil ein starker Kitt sie zusammengeschweißt hat.
 
Endlich, genug des Nachsinnens und Meditierens kam ich in der Glaserei an. Ich machte die Tür auf und betrat sogleich den Werkstattraum. Es war niemand da. Ich stand eine ganze Weile und wartete, schaute mich verlegen um, etwas unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Plötzlich ging eine Tür auf und ein Mann, mittleren Alters betat den Raum. Er kam sogleich auf mich zu. Was mich sehr verunsicherte war, dass er so nah an mich herantrat, dass kaum eine Handbreit Distanz zwischen uns war. Ich merkte, wie mir der Atem stockte, ein merkwürdiges Gefühl aus meinem Bauch aufstieg und eine negative Haltung sich in mir breit machte. Ich ging einen Schritt zurück und erklärte ihm mein Anliegen. Während ich sprach, kam er wieder einen Schritt auf mich zu, die von mir gewahrte Distanz überschreitend. Wieder merkte ich, dass mich diese Annäherung blockierte, ja, sie machte mir auf eine gewisse Weise Angst. Warum weiß ich nicht. Mir war es unangenehm, dass ein fremder Mensch sich mir so näherte. Ich spürte genau, dass es mir lieber gewesen wäre, er würde es respektieren, dass ich diesen Schritt zurückgegangen war.
 
Ich zeigte ihm die Scherbe und erzählte ihm, was möglicherweise zu tun sei. Endlich hatte er es wohl verstanden. Aber es waren nochmals mehrere Schritte nötig, um mich immer wieder von ihm zu distanzieren, damit ich in neutraler Weise, ohne ein mulmiges Gefühl in meinem Bauch, auf der sachlichen Ebene sprechen konnte.
 
Letztendlich nahm er den Auftrag an und ich zog ab. Ich verließ den Raum und war froh. Eine ganze Weile war ich noch befangen, und überlegte wieso Menschen sich einem anderen, völlig fremden Menschen gegenüber so verhalten. Was ist der Grund, dass es zu so einer Nähe kommen muss, um m.E. eine völlig normale Angelegenheit zu besprechen. Dabei fiel ich ins Grübeln und dachte an all die Situationen, in denen Menschen anderen gegenüber die Distanz gebrochen haben. Ich überlegte weiter, warum sie das wohl tun. Wollen sie damit zeigen, hier bin ich, ich bin Dir überlegen?
 
Die Situation erzeugte in mir ziemlich viele Bilder.Die größte Nähe, die ein Mensch haben kann, ist wohl die, wenn er sich im Mutterbauch befindet. Und die Erfahrung, aus dieser Nähe befreit zu werden, beginnt mit einem Schrei, wenn man das Licht der Welt erblickt. Wieso will man sich festhalten. Auch kam mir kam vor Augen, dass es im Leben nicht immer nur um eine räumliche Distanz geht, sondern auch um eine innere. Im Grunde lernen wir doch schon als Kind, wie wichtig es ist, einen Raum für sich allein zu haben, der nicht überschritten wird. Was aber passiert in einem Kind, wenn dieser Raum ständig überschritten wird? Wenn man sich nicht wehren kann, wenn man ausgeliefert ist? Welche Möglichkeiten hat dieses Kind als Erwachsener zu lernen, seine eigene psychische und physische Grenze zu wahren und wie oft kommt es vor, dass andere sie immer wieder überschreiten. Ich überlegte, wo ich der Mensch bin, der die Grenzen anderer überschreitet, nicht merkt, dass sie sich eigentlich zurückziehen wollen, in ihrer Welt, in ihrem Gedankengebäude, sich nicht mitteilen wollen und warum das so ist. Bin ich in dem Moment derjenige, der ohne Nähe nicht leben kann? Oder ob sie ähnlich schlechte Erfahrungen gemacht haben mit Nähe und Distanz.
 
Nähe zu Jemandem anderen zu haben, bedeutet ja in erster Linie auch Vertrauen zu haben. Wenn dieses nicht gegeben ist, schafft man sich einen Raum, in den man Niemanden an sich heranlässt. Aber nimmt man sich damit nicht auch einen Großteil an menschlicher Wärme, an positiver Erfahrung? Und wenn etwas in der Beziehung Nähe und Distanz zu den Menschen zerbrochen ist, wie diese kleine Scheibe an meiner Tür, wie kann ich sie wieder kitten, erneuern. Wie kann ich lernen, wieder Vertrauen an das Gegenüber zu haben, so dass ich annehmen kann, das körperliche, wie auch geistig-seelische Nähe etwas Bereicherndes haben, ohne negative Projektionen zu haben! Mit all diesen Gedanken beschäftige ich mich immer noch, nur wegen dieser kleinen Scherbe, die ich zur Glaserei getragen habe und die mir einiges über mich selber und den Beziehungen zum Menschen an sich verraten haben.
 
Es heißt, dass die Deutschen statistisch gesehen im höchsten Fall drei bis viermal am Tag körperliche Nähe zu einem anderen zu lassen. Es heißt weiter, das in lateinamerikanischen Ländern die Nähe und die körperliche Berührung zum anderen um ein Vielfaches größer ist. Sind es diese Menschen nur einfach aus ihrer Tradition heraus gewohnt, übergehen sie ihre eigenen Grenzen. Oder haben sie einfach mehr Vertrauen in das Gegenüber? Und wie wirkt sich dieses Vertrauen auf ihr tägliches Leben aus? Machen sie intensivere, bereichernde Erfahrungen. Nehmen wir uns etwas, wenn wir ständig auf Distanz zum anderen sind. Warum haben wir Angst vor dem anderen. Warum wollen wir uns nicht öffnen? Ist die Wahrung der Distanz nur ein Schutz unserer selbst? Haben wir Angst davor, dass das Gegenüber unsere Offenheit schändlich ausnutzt und sie für sich benutzt? Diese und noch andere Gedanken schwirren mir seitdem im Kopf herum und ich beobachte täglich in jeder Situation wie ich mich Anderen gegenüber in Beziehung Nähe und Distanz verhalte. Eine kleine Scherbe, ein kleines Missgeschick im häuslichen Bereich hat mir sehr viel zu sagen, wenn ich das, was passiert als ein Bild für mein Leben sehe.

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