Ich schreibe einfach gern:)
Neulich hab ich in einem alten Buch, ein kleiner Schatz wie es mir jetzt wieder aufgefallen ist, von einem gewissen Herrn Bodamer gelesen, einfach nur mal so ein bisserl querbeet. Vor vielen, vielen Jahren hat mich dieses Büchlein sehr angesprochen. Es müssen bestimmt 30 Jahre her sein. Geschrieben hat Herr Bodamer das Büchlein in den fünfziger Jahren. Unter anderem hat er sich damals schon gegen die immer größer werdende Geschwindigkeit, mit der sich der Mensch durch das Leben bewegt, beschwert. Auch die Medien hatte er damals schon auf´s Korn genommen und den Verzicht von Fernsehen, Radio und Kino propagiert. Nun denn, so ganz stehe ich nicht dahinter. Wer bewusst lebt und bewusst entscheidet, kann auch einmal ein paar Perlen in besagten Medien finden, die ihm den eigenen Horizont erweitern, zum Nachdenken anregen. Sicher ist auch nichts gegen hin- und wieder einmal ein bisserl abspannen einzuwenden. Aber wenn man einer Dauerberieselung ausgesetzt ist, dann frag ich mich immer wieder, was soll denn dann noch von sich selber im Innenleben passieren, was herauskommen, was wahrnehmen, was fühlen und denken, wenn der Mensch ständig auf irgendwas schaut oder irgendwo hinhört, nur nicht auf sich selber. Naja, das ist ein anderes Thema.
Ich frage mich heute, was würde ein Herr Bodamer zu der Welt sagen, in der wir heute leben. Wahrscheinlich würde er die Hände über den Kopf zusammenschlagen und den Untergang voraussagen. Zivilisationskritiker machen das ja auch. Ich denke da auch an das Buch von Herrn Welzer "Selber denken" Nur mal so am Rande.
Der heutige Mensch ist in der Schnelllebigkeit gefangen. Schon am Abend fertigt er eine "to-do-Liste" für den morgigen Tag an, die natürlich abgehackt werden muss, natürlich schnell. Aufstehen, schnell unter die Dusche, schnell den Kaffee durchlaufen lassen, wenn überhaupt, sonst schnell am nächsten Bäcker eine "to-go-Kaffee und ein "to-go-Croissant" und schnell in den Zug oder die Bahn gesprungen, meistens wahrscheinlich ins eigene Auto, dass er schnell ans Ziel lenken will. Staus, eigentlich nur eine Möglichkeit , die kleine Pause zu genießen, werden heftigst beschimpft, andere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer werden schimpfend beiseite gehupt, Hindernisse der eigenen Schnelligkeit, mit der er voran kommen will. Bei der Arbeit angekommen, werden und müssen die Dinge schnell in Angriff genommen werden, die Zeit sollte schnell herumgehen, damit die Mittagspause endlich da ist, wo Mensch sich schnell ein kleinen Bissen einverleibt, vielleicht schnell eine Zigarette raucht um dann schnell wieder zurück in die Arbeit, die dann schnell vorangehen muß, damit er bis zum Feierabend fertig ist.
Dann steigt er wieder ins Auto, will schnell Richtung sein gemütliches Zuhause, unterwegs noch schnell beim Supermarkt vorbeischauen, damit er dann, heimgekommen, schnell noch ein Abendbrot zwitschern kann um sich dann schnell seinen Hobbys zuwenden zu können. Erst am letzten Wochenende las ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Artikel über eine Frau die genau so gelebt hat, schnell sollte alles gehen. Schnell hatte sich sie auch ihren Lebensstandart erarbeitet. Mann, Kinder, Beruf, Karriere, Haus, Garten, alles unter einen Hut gebracht. Um die fünfzig war sie. Und genauso ist sie wie immer an einem Abend, nach Arbeitsende, schnell noch zum Gartencenter gefahren, um schnell noch Blumenerde zu kaufen, damit sie dann daheim noch schnell den Garten und die Blumen versorgen kann. Nur, in ihrer Schnelligkeit hatte sie ihn übersehen. Den alten Mann, beim Einparken ihres Autos. War wohl im toten Winkel. Sie hörte nur einen Bums und als sie ausstieg lag er da. Der Krankenwagen kam sofort. Erst mal sah alles gar nicht schlimm aus. Sie fuhren den alten Mann ins Krankenhaus. Sie mit einem leichten Schock nach Haus, blieb aber unruhig. Konnte sich nicht mehr so gut konzentrieren und es ging plötzlich nicht mehr so schnell von der Hand, was sie anpackte. Nach vierzehn Tagen kam ein Anruf, der Mann sei gestorben. Hirnblutungen, nicht voraussehbar, obwohl vorher alles nicht so schlimm aussah. Von da an war alles anders. Ihr Leben entglitt ihr. Schuldvorwürfe zermürbten sie. Therapien folgten. Und erst nach lange, langer Zeit wurde es wieder möglich, sich ins Gleichgewicht zu bringen, damit zu leben, was geschehen ist.
Ich denke, solche Erlebnisse gibt es viele. Man liest ja im Grunde jeden Tag davon in den Zeitungen. Der Zugfahrer, der das Unglück in Santiago de Compostela herbeigeführt hat, wollte neben dem Führen seines Zuges nebenher auch schnell noch ein Telefongespräch führen und gleichzeitig in die vor ihm liegenden Pläne schauen. Und natürlich war er zu schnell, warum auch immer. Obwohl eine Geschwindigkeit von 90 km/h an der besagten Stelle ausgewiesen war, fuhr er mit Tempo 150 km/h. Der Busfahrer, der den Reisebus in Italien lenkte, wollte sicher auch schnell ans Ziel kommen und ich weiß es nicht, was er nebenher auf seiner Fahrt alles noch schnell tun wollte und dabei die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hat.
Früher, als mein Leben ebenso voll war mit Arbeit, Familie, Vereine, Schule, Kindergarten, da war das bei mir auch so, wenn ich ehrlich bin und zurückblicke. Sicher, ich hab damals immer gedacht, ein wenig unterscheide ich mich schon, all die weil, ich hatte lange kein Fernsehen, kein Radio. Und überhaupt, ich hatte mir immer Auszeiten genommen, bin in Klöster gefahren oder einfach mal einen Stop auf einer kleinen Insel und wenn auch nur für einen Tag. Das war sicher alles gut. Dennoch, wenn ich heute zurückschaue, hat es mich doch sehr viel Kraft gekostet. Dieses ständige schnell noch dies und das und jenes. Ist ja alles gut gegangen. Gott sei Dank. Herr Roeschen hat früher immer gesagt, wenn ich sagte, ich geh noch schnell auf den Markt, geh nicht schnell, geh langsam. Aber den Zeitdruck hab ich mir selber auferlegt.
Heute ist Gott sei Dank alles anders. Ich habe dazu gelernt, mich von Vielem verabschiedet. Schaue heute weder Fern und ins Kino gehe ich nur seltenst. Aber auch im Alltag habe ich gelernt, langsam zu machen. Es muss nicht alles sofort geschehen. Dabei erfahre ich, dass langsamer auch reicher bedeutet.
Meistens denken die Menschen wohl, je mehr sie schnell erledigen und machen, lesen, gucken, hören, das erst würde ihr Leben reich machen. Hier ein Klick, dort ein Klick, hier ein Blick, dort ein Blick. Hier mal ein bisschen sein, dort mal ein bisschen verweilen. Dabei merkt Mensch nicht, dass er ständig überfordert ist. Irgendwann spricht der Körper und die Seele. Heraus kommen Burnouts und andere Zusammenbrüche. Unsere Gesellschaft verlangt viel von uns, aber es liegt an uns, nicht allem nachzukommen, langsamer zu werden, sich lieber mit einer Sache zu beschäftigen, nicht ständig überall dabei sein zu wollen.
Das Leben ist gar nicht so kurz, wenn wir es langsam leben. Wenn alles, was wir tun mit Bedacht und Aufmerksamkeit getan wird, erlebt man am Abend stärker denn je, wie reich der Tag war, auch wenn gar nicht viel getan wurde,-) Die Schnecke kommt ja auch an ihr Ziel.
Das Büchlein von Herrn Bodamer heißt übrigens: "Der Mensch ohne Ich"...ist aber nur noch über Antiquariat zu bekommen. Es lohnt sich aber, auch schon aus dem Grunde, mal zu sehen, was haben Zivilisationskritiker eigentlich vor 50 Jahren so gedacht und geschrieben und wie hat sich die Welt und die Gesellschaft verändert.