Es gibt ja immer wieder Wendepunkte im Leben, wo man sich entscheiden muss, welchen Weg man gehen will. Das ist im eigenen kleinen Leben nicht anders, wie in der großen Weltpolitik. Hier wie da sieht man immer an den Ergebnissen, ob die Entscheidungen, die getroffen wurden, richtig waren. Falsch getroffene Entscheidungen kann man meistens nicht mehr rückgängig machen und man zahlt Lehrgeld. Nun gut, da gibt es ja dann die These, gerade daraus lernt man für die Zukunft.
In der Kindheit- und Jugend ist das ja alles leicht. Da werden einem die Entscheidungen von den Eltern abgenommen. Man kann sich nicht selber entscheiden, in welchen Kindergarten oder in welche Schule man gehen wird.Und wie diese Entscheidungen Kinder und Jugendliche prägen kann, weißt man ja. Selbst die Eltern, die heute versuchen, ihren Kindern diesbezüglich etwas abzuverlangen, manipulieren sie meistens in ihre Richtung. Ich denke, so ziemlich die erste Entscheidung, die man im Leben für sich selber trifft, ist die, was mache ich nach der Schule, studiere ich oder mache ich eine Ausbildung. Sie allein ist schon so schwer, weil davon das ganze weitere Leben abhängig ist. Dann lernt man einen Mann kennen, und schon wieder muss man sich entscheiden, den oder keinen, oder vielleicht doch einen anderen. Heiraten oder nicht! Hat man die Entscheidung in Richtung Zusammenleben getroffen, geht es weiter. Wie will man das gemeinsame Leben gestalten. Familie gründen, oder nicht! Auch hier, hat man sich für Familie entschieden, muss man auch die Verantwortung tragen.
Selbst die Freizeit erfordert immer wieder Entscheidungen von uns. Geh ich ins Kino, oder in ein Konzert, treffe ich mich mit Freunden oder nicht, oder leg ich mich einfach früh ins Bett. Wie oft erlebt man auch hier, ach wäre ich doch zuhause geblieben, ach hätte ich doch lieber das andere gemacht.
Neben Familie, Arbeit und Freizeit überlegt man, will ich auch was am sozialen Leben verändern, mich einbringen und mitwirken. Wozu soll ich mich entscheiden, welche Form soll ich wählen, um mitzugestalten.
Wird ich krank, ernsthaft krank, bin ich auch schon wieder gefragt, welche Behandlung soll ich wählen. Viele Möglichkeiten werden aufgetan, woher soll ich wissen, welche die richtige ist. Aber entscheiden muss ich mich auch hier.
Selbst zu den letzten Dingen muß ich mich entscheiden. Will ich ins Grab geleget werden, oder besser verbrannt werden, oder sogar eine Seebestattung?
Ach, ich weiß es manchmal einfach nicht. Ich hätte oft so gerne jemanden , der mir die Entscheidungen abnimmt. Aber warum eigentlich? Hat das was mit der Verantwortung zu tun, die ich übernehmen muß und nicht will. Will ich es nicht aushalten, falsche Wege beschritten zu haben?
Ich wünsche mir so oft, das das Leben ein langsam fließender Fluss ist, der einfach ruhig und beschaulich dahinfließt, bis er irgendwann an das große Meer kommt.
Gerade jetzt bin ich ja in einem Alter, die Kinder erwachsen, nicht mehr fürsorgepflichtig, wo ich schon wieder eine Entscheidung treffen muss. Wie will ich das möglicherweise letzte Drittel meines Lebens führen! Will ich mich vielleicht noch selbständig machen, will ich arbeiten bis zur Rente oder will ich aussteigen! Manchesmal ist das ja auch tagesformabhängig. Aber eine Tagesform sollte von einer so wichtigen Entscheidung wohl nicht abhängen.
Und nun hab ich heute schon wieder eine Sache aufs Auge gedrückt bekommen, in der ich mich entscheiden muss. Ne halbe Stelle hatte ich bisher, Zusätzlich hab ich freiberuflich gearbeitet, konnte also selber bestimmen, wie viele Stunden ich arbeiten will. Grundsätzlich war ich eigentlich damit zufrieden. Doch hin und wieder hatte ich auch Sehnsucht nach einem geregelten Alltag, zu wissen, wann ich gehe und wann ich heimkomme. Und jetzt wird mir doch heute ein Arbeitsangebot gemacht in einer anderen Buchhandlung. Verlockend, wirklich. Feste Stundenzahl, gutes Sortiment, neue Aufgaben, denn ich könnte selbstständig, Reiseliteratur, Sach- und Kochbuch sowie Kölnliteratur führen. Was ich habe, weiß ich, aber was ich bekomme, weiß ich nur bedingt! Denn ich habe ein gut funktionierendes Team, eine nette Atmosphäre, nette Kunden, die sich an mich gewöhnt haben und ich mich an sie. Ich würde sie vermissen. Wir lachen viel, wo gibt es das denn noch im Arbeitsleben, kleine Fehlerchen werden nicht übel genommen, jeder vertritt den Standpunkt, wir machen alle Fehler. Das einzige was eben fehlt, ist mehr Stunden und ein bisschen mehr Geld, was wiederum wichtig für die Familie ist.
Das nun hab ich in der anderen Buchhandlung zugesagt bekommen. Und jetzt steh ich da, hab bis Montag Zeit, mich zu entscheiden. Die jetzige Chefin ist gerade gestern in Urlaub gefahren. Sie wird aus allen Wolken fallen, wenn sie nach Haus kommt und ich ihr sage, es tut mir so leid, aber ich werde wechseln. Ach Mensch, mir zieht sich jetzt schon das Herz zusammen bei dem Gedanken. Und was ist, wenn Gehalt und Stunden stimmen, aber die Stimmung unter den Mitarbeitern stimmt dort nicht. Bis jetzt hab ich ja immer fast nur mit einer Mitarbeiterin zusammengearbeitet. Gut, das hat gepasst, aber wie wird sich die neue Chefin dann im Alltag darstellen?
Und wenn ich mich dafür entscheide und es stellt sich heraus, dass ich mich dort nicht wohlfühle, zurück kann ich dann auch nicht mehr! Ach Mensch, ist dass alles schwer. Mein Sohn sagte heute zu mir, Mutter, denk doch nicht immer an die anderen, du musst jetzt wirklich wissen, was du willst, was für dich gut ist. Weise ist er, wirklich. Wenn ich doch bloß immer wüsste, was für mich gut ist.
Ach verdammt, ich hasse Entscheidungen treffen zu müssen, aber sie sind nun mal unumgänglich. Und sie sind nun mal so entscheidend für Weh und Ach, für Freud und Leid. Was tun, sprach Zeus, wie wahr, wie wahr! Das tröstet mich, dass auch er in diesem Zwiespalt stand!