Herr Müller spricht mit seinem Nachbarn seit langem kein Wort mehr: Nicht mal ein Gruß ist möglich. Sie gehen sich aus dem Wege, wann immer sie sich sehen. Die Vorgeschichte:“ Der Nachbar hatte in Unkenntnis die Blume von Herrn Müller, die im Hof stand, mit Pflanzenschutzmittel besprüht. Daraufhin ist sie eingegangen. Der Nachbar konnte ihm nicht verzeihen. Auch eine Entschuldigung hat er nicht angenommen. Man lebt seither als Feinde nebeneinander. Eine relativ harmlose Variante menschlicher Unfähigkeit Frieden zu schließen wegen eines m.E. nichtigen Vorfalls.
In meiner Familie gab es häufig beleidigende Verletzungen dem Anderen gegenüber! Das Resultat: Auch hier spricht man nicht mehr miteinander!
Vor einigen Jahren las ich die Geschichte einer Mutter, deren Sohn von einem Mann in der Nacht überfallen wurde und der ihn dabei getötet hat. Es kam zum Prozess! Der Mann zeigte keinerlei Reue! Trotz allem hatte die Mutter, obwohl sie noch immer unter dem Verlust heftigste litt, dem Mörder vergeben! Ich weiß noch, dass mich das damals sehr bewegte! Der Täter wiederum wurde einige Zeit später von Reue überwältigt und konnte sich bei der Mutter entschuldigen. Man konnte später sogar Bilder in den Medien sehen, wo sich beide umarmten.
In einer Beilage der Zeit las ich vor einige Zeit eine Geschichte über den Völkermord der Tutsi und Hutus. Nachbarn beider Völkergruppen, die friedlich nebeneinander lebten, ermordeten sich gegenseitig. Als der Frieden geschlossen wurden, lebten die Menschen wieder als Nachbarn zusammen, zwar noch zögerlich aber der Alltag kehrte wieder ein. Ein Hutu wiederum hat dann später der Frau seines ehemaligen Nachbars, ein Tutsi, unter Reue gestanden, dass in diesem schrecklichen Völkermord, er es gewesen sei, der ihren Mann ermordet hatte. Unfassbar! Trotz allem hatte die Frau ihm eines Tages vergeben können. Und das weitere Unglaubliche an dieser Geschichte war, dass sie ihn später sogar geheiratet hat.
Ich habe mir über beide Geschichten sehr viel Gedanken gemacht. Hat dieses Gebaren etwas in dieser Welt verändert?
Sehr schnell erkannte ich, Ja! Etwas Unglaubliches ist möglich! Es hat mir gezeigt, dass es eine Art der Freiheit gibt, die anders ist, als dass, was man normalerweise unter Freiheit versteht.
Luise Rinser, hat das das einmal in einem ihrer Bücher mit „den Wolf umarmen“ beschrieben. Sie schrieb von ihren Auseinandersetzungen mit dem Vater und den erlittenen Verletzungen, die sie erlitten hat. Dieses Buch hatte mich sehr berührt, denn auch ich kann von solchen Verletzungen erzählen.
Unsere Welt und unser Miteinander ist geprägt von gegenseitigem Verletzen und verletzt werden. Meistens ist es so, dass der, der verletzt wurde, dem anderen nicht verzeihen kann, nicht mit ihm ins Gespräch kommen kann, weil er sich selber in der Position sieht, dass er das nie tun könne und würde.Zu stark ist er von seinen Gefühlen beherrscht. Der Haß, kann nicht überwunden werden.
Aber das ist ein Irrtum. Mit ist klar geworden, dass wir alle die gleichen Menschen sind. Mit den gleichen Neigungen zu guten und bösen Handlungen. Sehr schnell wurde mir dann auch klar, dass letztendlich die bösen Taten aus dieser Welt nicht verschwinden werden, sondern dass sich etwas anderes ändern muss im Miteinander der Menschen.
Aber was? Wieder und wieder dachte ich über die Motivation der beiden Menschen nach, in den oben genannten Beispielen! Zuerst einmal musste in ihnen wohl der Prozess entstanden sein, dass die Wunde, aus der Verletzung resultierend, aufgehört hatte, zu bluten. Dann wiederum mussten sie erkennen, dass sie ebenfalls an anderen Stellen andere Menschen verletzt haben. Dann weiter musste ihnen klar geworden sein, dass auch in ihnen ein Aggressionspotential solcher Art wohnte, die sie genau so handeln lässt, wie sie es selber erfahren haben. Dass sie in eine Situation kommen könnten, wo sie sich nicht mehr unter Kontrolle haben. Denn, abgesehen von wirklich anderen psychischen Störungen und Verwahrlosungen, kann jeder Mensch in die Lage kommen, etwas zu tun, was er niemals für möglich gehalten hätte.
Der Mensch kann fremdbestimmt und fremdgesteuert zu Handlungen fähig sein, wie es die Geschichte immer wieder gezeigt hat, die uns immer wieder erschrecken. Aber wir machen einen großen Fehler, zu denken, dass das woanders passiert, weit weg, außerhalb von uns. Nichts mit uns zu tun hat.
Das ist der Irrtum! Der Mensch an sich ist gut und böse, kann Leben retten und kann Leben nehmen. Er kann im ganz normalen Alltagsleben andere verletzen und verletzt werden. SO einfach ist das!
In Anbetracht dieser Erkenntnis ist es dann wohl eher möglich, dem anderen zu vergeben! Sich darum zu bemühen, mit dem Feind ins Gespräch zu kommen, sogar einen Frieden zu schließen. Sogar wieder miteinander einen respektvollen Umgang zu pflegen. Fr mich hat in diesem Zusammenhang ein Wort eine große Bedeutung bekommen: das Wort „DEMUT“!
Mut zu haben, dem anderen zu sagen, wie weh seine Verletzung getan hat und wie sehr sie ihn leiden lässt. Aber auch Mut zu haben, ihm zu vergeben, einen neuen Anfang zu machen. Mut zu haben, auch mit der Perspektive, dass es immer wieder zu neuen Verletzungen kommen kann, ihm trotzdem nicht aus dem Wege zu gehen, sondern sich immer wieder neu vertrauensvoll auf ihn zu zubewegen. In der Hoffnung, dass diese nicht enttäuscht wird.
Nur so, ist mir klar geworden, verändert sich etwas in dieser Welt. Vielleicht nicht im Großen und Ganzen, aber in der kleinen Welt in der ich mich bewege. Auch wenn ich dafür dumm und naiv gehänselt werde.
Ein Wolf flößt uns in der Regel Angst ein! Er wird mit Aggression und Angriff in Verbindung gebracht. Daher ist er ein gutes Bild für den Menschen. Auch wir haben Aggressionen in uns und unsere Beziehungen sind davon geprägt. Aber wir ändern etwas, wenn wir in der Lage sind, den Wolf zu umarmen!
Und vor allen Dingen ernten wir eines: Inneren Frieden!