Heute Morgen beim Einkaufen erwischt sie mich wieder, die alte Bettlerin, die schon seit Jahren hier durch Nippes läuft. Ich weiß gar nicht, welche Nationalität sie hat, sie spricht gebrochen, ist überall zu finden, ob Sonntags an der Kirchentür, oder eben durch die Straßen streifend. Manchmal sehe ich sie, wie sie das liegen gebliebene Obst oder Gemüse vom Marktplatz aufhebt, wenn die Marktbestücker abgebaut haben. Auch habe ich sie schon mal gesehen, wie sie in den Abfalleimern wühlt. Ich kann nicht an ihr vorbeigehen, und wenn ich es doch mal tue, dann brüllt sie mir hinterher:“Gutes Frau, schöne Kinder, viel Schmerz, nix Essen, kein Geld, Du geben“! Das ist mir dann immer ganz peinlich!
Vor unserem Bäcker steht sei langer Zeit ein älterer Mann, so um die mitte 50! Er hat immer ein Schild vor sich stehen, worauf er auf seine Situation hinweist, obdachlos, keine Arbeit, und dann ganz unten ein kleines Danke! Ich komme dann immer aus der Bäckerei heraus und gebe ihm das Rückgeld. Ich kann nicht an ihm vorbeigehen! Letztes Jahr am Neujahrsmorgen hatte er sein Schild ausgewechselt. Jetzt stand darauf:“Ich danke allen, die mich im letzten Jahr mit ihrer kleinen Spende unterstützt haben und dazu beigetragen haben, mich am Leben zu halten! Ich bin beschämt!
Vor dem Rewemarkt steht immer ein noch relativ junger Mann, augenscheinlich total alkohol- oder drogenabhängig. Mir zieht sich das Herz zusammen, wenn ich ihn sehe, wie er da so elend steht, völlig in sich versunken, die Hand mit dem Becher ausgestreckt, kriegt er manchmal noch nicht mal mit, ob was reingeworfen wurde. Ein älterer Herr kommt vorbei und macht ihn auf kölsch an:“Jank doch arbigge!“ So was, denk ich, das kann der doch gar nicht mehr. Wer nimmt den denn noch? Ich sag?s dem Mann! „Ist er doch selbst in Schuld“, entgegnet der mir! Wirklich? Frag ich ihn!
Ich bin betroffen, ist man es wirklich immer selber schuld, in eine solche Situation hineinzugeraten, die sich dann verselbständigt. Liegt alles an der eigenen Willenskraft, ein erlittenes Leid oder einen finanziellen Abstieg zu erfahren.
In unserer Gemeinde gab es einmal eine große Geld-Sammelaktion von einer bestimmten Glaubensgruppe. Es war ein Betrag in fünfstelliger Höhe. Nun wurde überlegt, wem das Geld gegeben werden sollte, wer am meisten Hilfe gebrauchen konnte. Da war zum einen die junge Frau mit vier Kindern, deren Mann an Krebs verstorben war und die nun, da selber ohne Arbeit, völlig verschuldet war. Sie bekam einen kleinen Teil des Geldes, konnte sich dadurch ihre kleine Töpferei aufbauen und lebt heute davon. Was wäre, wenn die Sammelaktion nicht gewesen wäre.
Oder ein Ehepaar, beide Rechtsanwälte! Sie kamen in schwere wirtschaftliche Schwierigkeiten. Dann bekam sie Krebs und konnte nicht mehr arbeiten. Das bisschen, was an Erspartem da war, floss in Medizin und Behandlungen. Zwei Jahre später erlitt er einen Schlaganfall und saß ab da im Rollstuhl, konnte nicht mehr sprechen. Auszug aus der Wohnung, Sozialfall, allein gelassen, Freunde gab es nicht mehr. Der kleine Betrag, der ihnen gegeben wurde, konnte die größte Not erst mal stoppen.
Im letzten Winter stand fast erfroren ein Mann vor unserem Bioladen. Als ich raus kam und ihm ein paar Euro in die Hand drückte, lächelte er und meinte, jetzt könne er sich endlich etwas Warmes zu essen besorgen!
Natürlich, ich denke auch immer, es gibt ja auch immer viele Betrüger unter den Bettlern. Die, die aus dem Betteln ein Geschäft machen. Gerade in der Weihnachtszeit kann man das ja in der Innenstadt immer sehen! Aber ist das nicht auch Armut!
Ich frage mich oft, welche Gefühle, ob da schon Abgestumpftheit gesiegt hat, in diesen Menschen vor sich gehen, wenn sie da mit der aufgehaltenen Hand auf der Straße stehen. Ich denke , haben wir das Recht zu urteilen, warum und wieso sie in diese Situation gekommen sind. Fakt ist doch, sie stehen da, und wir können vielleicht mit ein paar Euro helfen. Einen Tag länger überleben, egal wie. Ändern tun wir sowieso nichts mehr an ihrem Schicksal. Der Drogensüchtige, der schon so weit heruntergekommen ist, wird nicht mehr clean werden. Die meisten haben sich selbst aufgegeben, glaub ich zumindest, so dass auch keine soziale Einrichtung sie mehr erreicht. Daher denke ich, dass die Armut auch noch eine ganz andere ist, als die finanzielle! Armut an Willen, Armut an geistiger Stärke, sich aus dem Sumpf herauszuziehen.
Deswegen denke ich immer, wenn es ihnen hilft, der kleine Betrag! Ich merke dann auch oft, dass es manchmal eigentlich um mich geht. Mein Verhältnis zum Geld. Mein Geiz! Denn die paar Euro machen mich schließlich auch nicht reicher.
Und wer weiß, vielleicht kommt man selber mal in eine Situation?
Aber vielleicht bin ich ja auch zu naiv. Ein St.Martins-Verehrer!
Auf jeden Fall erinnert mich die aufgehaltene Hand des Bettlers immer daran, was ich nicht habe und das ist komplett was anderes als Geld.