Ich schreibe einfach gern:)
Es gibt Momente im Leben, die dich so niederschmettern, dass du das Gefühl hast, nicht mehr aufstehen zu können. Ich kenne sie auf jeden Fall zu genüge. Und in diesem Moment war ich an diesem Punkt angelangt!
Keine Vorstellung mehr, was jetzt zu tun ist.
Das einzige, was jetzt hilft, ist trotzdem aufstehen zu können, weiterzugehen und dann zu sehen, dass möglicherweise das passiert, womit man nicht gerechnet hat. Ein Ausweg öffnet sich. Ich kenne so viele Menschen, die es oft nicht schaffen, aufzustehen und sich weiter zu bewegen.
In meinem Jakobsführer stand nichts von einer zweiten Herberge. Also hatte ich auch keine erwartet. D.h. hieß also für mich, weiter zu gehen, bis nach Auritz oder Aurizberri.
Ich riß mich also zusammen und maschierte los, die beiden Jungs im Schlepptau, denn auch sie waren trotz ihres jüngeren Alters fertig. Heißt es nicht so schön oft im Leben:" reiß dich mal zusammen!" Und siehe da, schon ein paar Meter weiter, direkt hinter dem Kloster tat sich eine weitere Herberge auf. Ich fragte mich natürlich sofort, wieso ich das nicht sofort ausgekundschaftet hatte, anstatt zu resignieren.
Mit erneuter Hoffnung kroch ich bildlich gesehen auf "allen Vieren" durch die Tür auf die Anmeldung zu. Das einzige, was ich noch wahrnahm, waren die gregorianischen Gesänge, von denen ich dann auch am anderen Morgen geweckt wurde und die mir sofort das Gefühl gaben, geborgen zu sein. Mein kurzer Blick durch den Saal sagte mir, dass hier ca. 80 Leute übernachteten, Bett an Bett. Mehr konnte ich nicht denken, ich war leer.
Ich reichte stumm und erschlagen dem niederländischen Hosteliere meinen Pilgerpaß, um meinen ersten Stempel zu empfangen! Er schaute mich an, sah meine Erschöpfung, die trotz meines Lächelns ihm nicht verborgen blieb und wies einen weiteren Mitarbeiter an, mir eine Tasse Tee zu bringen.
Könnt Ihr Euch vorstellen, wie eine so kleine Geste ein unbeschreibliches Glück bescheren kann? Wann jemals erleben wir im Alltag, im täglichen Trott, dass uns eine Kleinigkeit mit solch tiefer Dankbarkeit erfüllt? Alles scheint selbstverständlich zu sein! Große Gefühle entstehen wohl nur noch im Spektakulärem! Jedenfalls, als ich den ersten Schluck des warmen Tees schmeckte, wußte ich, was "Pilgern" bedeutete!
Eine Grenzerfahrung mit dem eigenen Körper, das Über-sich-hinaus-gehen, dass sich-einlassen und Annehmen sämtlicher Unwägbarkeiten und das Angewiesensein auf die Barmherzigkeit eines Gastgebers, Mitpilgers oder einfach anderen Menschen, auf deren Hilfsbereitschaft man in diesem Moment angewiesen ist und denen man sich irgendwie auslieferte. Wann will Mensch eigentlich noch "ausgeliefert" sein?
Pilgern heißt nicht planen, sondern einfach gehen, weitergehen und annehmen, was ist. Schönes Bild für den Alltag und eigentlich ganz einfach zu transportieren auf jedwede Lebenssituation!
Nachdem ich also mein Anmeldeformular ausgefüllt hatte, was übrigens nicht in allen Herbergen von nöten war, bekam ich vom Hosteliere noch ein ganz besonderes Kissen, das er extra für mich holte und es mehrmals betonte, legte mich in mein Bett und schlief ohne Abendessen sofort ein. Ich kam mir ein bißchen vor wie Max in dem bekannten Bilderbuch:" Heute gehst Du ohne Abendessen ins Bett!" Aber ich war doch brav und hatte meine Hausaufgaben erledigt!
Alle Vorprojektionen, wie wird es sein in der Nacht mit all den Menschen in einem Raum, erfüllten sich nicht, denn ich schlief wie ein Stein. Erst am Morgen wurde mir wieder bewußt, wo ich mich befand und dachte:" oh Röschen, du bist auf dem Weg nach Santiago, 27 km hast du schon geschafft!" In diesem Bewußtsein lächelte ich noch schlaftrunken vor mich hin, trat meinen Weg in die Dusche an, die hier übrigens außerordentlich luxeriös war, da sauber, mit Türen versehen und auch reichhaltig, gemessen an der Zahl der zu beherbergenden Pilger. Es gibt nämlich auch Herbergen solcher Art, die nur eine Dusche je Geschlecht für ca. 80 - 100 Personen aufweisen konnten. Aber das wußte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht.
Ich hatte jedoch nicht damit gerechnet, wie mein Körper an diesem Morgen reagierte. Nämlich gar nicht. Ich dachte an die Worte:" Der Geist ist willig, der Körper ist schwach" Und viele alte Menschen sagen mir heute, vom Geist her will ich noch viel, aber der Körper will nicht mehr!
Meiner befand sich zumindetens vom Bauchnabel an im Todeszustand, so dachte ich und wenn nicht tot, dann war er zumindetens von diesem Punkt an steif.
Aber ich schaffte es, ja ich schaffte es und fühlte mich ein wenig erfrischter. Am Aushang an der Wand stand ein Hinweis, dass es auch ein kleines Frühstück gäbe, aber de facto war nichts mehr da, als ich in den Gemeinschaftsraum kam.
Nö, wirklich geschockt war ich nicht! Das war die Realität, da konnte ich auch nichts dran ändern, das ist jetzt eben so, wenn auch nicht erfreulich. Ich bin und war schließlich ein Frühstücker vor dem Herrn, wie man so schön sagt. Ich esse Morgens Mengen und brauche erst am Nachmittag wieder was.
Also Rucksack angelegt, die beiden Jungs warteten schon, murrten etwas wegen des ausgefallenen Frühstücks und wir machten uns auf den Weg. 8 km bis Auritz, d.h. ca. 1 1/2 Stunden bis zur ersten Tasse Kaffee und etwas für den Magen. Jawohl, man denkt so. Man denkt nicht an den Ort, an den man gelangt, sondern an das Bedürfnis, das man erfüllt haben möchte.
Aber wie schnell sind die Bedürfnisse vergessen, jedenfalls bei mir war es so, wenn man durch die herrliche Natur wandert. Zum einen denkst du nicht mehr ans Essen, wenn Füße und Beine schmerzen, die verlangen dann nämlich deine ganze Aufmerksamkeit, zum anderen nimmt dein Auge die Schönheit wahr. Das ist Pilgern!
In einer Gesellschaft der sofortigen Bedürfnisbefriedigung lernst du, sie zurückzustellen und erfährst, dass es auch geht und dass du dafür etwas anderes bekommst.
Nach einem kurzen Stück Weg die Straße entlang, gelangte ich in einen prallen grünen Laubmischwald, worbei am ersten Pilgerkreuz, dass ich auf diesem Weg wahrnahm, das aus dem 14. Jhdt. stammte. In diesem Moment erahnte ich, dass mein Weg zwar ein Kreuz werden würde, aber ein herrliches Kreuz.
In Auritz dann endlich Frühstück, welche Freude nach dem unfreiwilligen Verzicht! Es war wie nach Fastenzeiten zu Ostern oder an anderen Tagen daheim, wenn die ganze Fülle vor einem ausgebreitet wird. Meine Fülle war eine Tasse "cafe con leche" und ein "Bocadillo", ein Baguettbrot mit Schinken und Käse und es schmeckte herrlich.
Auritz befand sich auf ca. 898 m, es ging also abwärts, weiter über Aurizberri/Espinal aus steinigen Geröll- und Felspfaden, durch Buchenwälder, die kaum lichtdurchflutet waren. Daher sprang mir die Farbe des Rotdorns auch so ins Auge und ins Herz.
Leider gab es auch einige Kilometer auf Betonwegen, was für meine Füße, die durch die Steine schon geschunden genug waren, nicht gerade zuträglich war.
Aber es wechselte schnell wieder in erholsame Waldwege zum "Alto de Erro" auf 801 m Höhe, wo man die sogenannte "Pasos de Roldan", große, längliche Findlinge, die angeblich die Maße des Schrittes Rolands, umfassen sollten und nach einer weiteren Stunde gelangte ich über die Brücke "Puente de la Rabia" (Brücke der Tollwut) nach Zubiri.
Dem Volksmund nach zufolge, glaubten die Menschen, von Krankheit befallene Tiere würden gesund, wenn sie diese Brücke dreimal überquerten.
Vielleicht hätte ich es auch mal probieren sollen, wer weiß, wären mir dann meine Blasen erspart geblieben? Nun denn, anscheinend hatte es damals geholfen. Es hilft scheinbar doch, zu glauben! Aber an was man alles glauben kann?
Meine Jungs wollten eigentlich weiter gehen, sie hatten nicht so viel Zeit, mußten schneller nach Santiago gelangen. Dieses Ziel wollten sie auch erreichen. Aber sie wollten mich in der Herberge abliefern und sich vergewissern, dass ich dort gut ankam, was mich außerordentlich rührte und ich es kaum annehmen konnte, immerhin hatte ich diese Menschen vor zwei Tagen noch nicht gekannt, sie waren mir doch fremd und doch schon nicht mehr fremd. Wie schnell man sich nah ist in solchen Situationen, das sollte ich noch oft erfahren auf diesem Wege.
Also ging einer der Beiden mir mir in die Herberge, einer blieb zurück an der Brücke. Aber mein Begleiter war von dieser Herberge und ihrem wirklich schönen Gelände und der guten Athmosphäre im Saal und dem Miteinander der Pilger so begeistert, dass er nicht wirklich weiter gehen wollte. Er holte also seinen Freund ab und so verblieben wir auch in dieser Nacht noch zusammen.
Ich war also wieder mal angekommen, die Pein des ersten Tages fast vergessen, meine Füße zeigten die ersten Blasen, ich ging wie auf Eiern, aber ich war glücklich.
Ich lernte gleich meine beiden "Kölner" kennen, Serano aus Australien, mit denen ich noch viele schöne Stunden erleben sollten und das Lachen auf diesem Weg begann. Und es gab auch ein Abendessen. Ich bekam das erste Mal das sogenannte "Pellegruin-Menue", bestehend aus Vorspeise (gemischter Salat, Salat mit Mayonaise, Suppe), Hauptgericht (Fisch, Fleisch oder Huhn) und Nachspeise (Yoghur, Creme caramel, Eis), wobei der Nachtisch nichts anderes war, als kleine Becher aus dem Supermarkt, das ganze für 8,00€. Die Preise der Pilgermenues lagen zwischen 7,50€ und 10,00€, die Qualität war unterschiedlich. Mir hat es ausgezeichnet geschmeckt, wie ihr euch denken könnt. Ich glaub, ich hatte nach dem ersten und zweiten Tag schon 1 kg abgenommen, wenn nicht zwei, jedenfalls fühlte ich mich so.
Und auch die zweite Nacht schlief ich wie ein Stein! Am Morgen war ich früh wach, lachte und scherzte mit meinen Bett-Nachbarn und mußte mir später von Serano lachend erzählen lassen, dass er ziemlich geschockt aufgewacht sei, weil er ständig das Wörtchen "genau" hörte. Dieses Wort erinnerte ihn an seine Frau, von der er seit einem halben Jahr geschieden war. Und als er das Wort aus meinem Mund hörte, dachte er noch halb im Traum, seine "Verflossene" habe ihn auf dem Pilgerwege heimgesucht. So schnell kan man zur "Heimsuchung" werden.
Es ging weiter!