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Deutsche haben zu wenig Lebensfreude!

Von Puerte la Reina geht es weiter, Ziel Estella! Es regnet, ein kühler Wind weht, Regenklamotten raus, was nicht angenehm ist, denn darunter staut sich erfahrungsgemäß die Wärme. Es geht wieder rauf, runter, der kleine Pass "Maneru" ist trotz allem sehr steil.
 
Die Getreidefelder stehen in voller Blüte, über all Weinstöcke, mein Auge kann sich nicht satt sehen.
 
Leider geht es ein kleines Stück an der Autobahn entlang, da hilft nur der I-Pod!
Über die Brücke geht es nach Lorca, hier fließt der "Rio Salado" (salziges Wasser). Der Legende nach hieß es, das Wasser töte jedes Pferd auf der Stelle!
 
Auf dem Weg komme ich an vielen Bars vorbei, wo Hunger und Durst gestillt werden kann, dann geht alles nochmal so gut. Wen man längere Zeit nicht mehr gesehen hat, trifft man hier bestimmt wieder. Eine schöne Erfahrung, dass man sofort vermißt wird, wenn man mal einen Tag nicht gesehen wurde. Wann vermissen wir zuhause einander wirklich. Alles geht in der Hektik unter. Jeder rödelt vor sich hin und denkt kaum an den anderen. Erst wenn was passiert kommt der Andere einem möglicherweise wieder in den Sinn. Wenn man schon Freunde und gute Bekannte nicht vermißt, wie dann den Menschen, der einem nur täglich einfach so begegnet?
 
Als ich nach Hause kam, ungefähr eine Woche später, ging ich über die Neußer Straße. Da stand der Bettler, den ich gut kenne. Als er mich sah, sagte er:" Lange nicht gesehen!" Das hat mich wirklich berührt. Klar, ich geb ihm immer was! Aber das ist wohl auch der Grund, dass wir manchmal nur Menschen vermissen, wenn sie etwas für uns tun! Einfach so, kommt immer seltener vor! Leider!
 
Ich befinde mich 1 km vor Estella, es regnet immer noch in Strömen, gehe durch ein kleines Industriegebiet, sehe die Stadt von weitem, die Wege sind aufgeweicht, wie schon die Tage vorher. Das Laufen ist daher um so anstrengender, weil jedesmal beim Gehen mindestens 1 kg Matsch an den Schuhen hängt! Fühlte mich ziemlich müde an diesem Tag! Plötzlich rutsche ich doch auf dem glitschigen Boden aus und falle rücklings ins dornige Gebüsch. Juchhu! Ich liege auf meinem Rucksack, fühle mich wie der Käfer in Kafkas Erzählung, Hände und Füße nach oben gerichtet und versuche aufzustehn. Klappt aber nicht, auch nach zwei, drei Anläufen nicht! Ich schaue, ob niemand hinter mir herkommt, aber denkste. Liege da für einige Sekunden einfach so rum, der Regen tropft mir ins Gesicht und plötzlich fange ich einfach an zu lachen, so dass mir zusätzlich die Tränen kommen. Mensch ist das ne komische Situation. Endlich schaffe ich es, Hände und Arme total verkratzt, verschlammt und die letzte Hose auch total verdreckst. So was kannste nur mit Humor tragen. Übrigens sind einige der anderen Pilger über den Straßenweg nach Estella gelaufen, also nicht über die vorgegebene Pilgerroute, wegen des Schlamms und des Einsinkens. Das kam natürlich für mich nicht in Frage, immer durch, immer alles mitnehmen, was sich mir in den Weg stellt, ich brauch das einfach! Je schwerer, um so besser!
 
Estella (Die Schöne) ist endlich erreicht. Die Herberge mehr als dürftig. Serano, der Australier und Ricardo, der Brasilianer und auch Fausto der Spanier sind vor mir da. Ich bekomme im selben Zimmer ein Bett und die Freude ist groß über das Wiedersehen. Werd natürlich erstmal ausgelacht, ach ne herrlich, wenn ich dran zurückdenke!
 
Endlich die Dusche! Ha! An diesem Tag bin ich tatsächlich eine der ersten! Endlich mal keine anderen Bürger meiner Nationalität, die schon Schlange stehen. Weil, sie haben nämlich was anderes zu tun, stehen im Regen vor der Herberge und bürsten ihre Schuhe sauber. Typisch deutsch, denke ich, immer alles sauber und ordentlich! Es macht wirklich kein anderer außer den Deutschen. Alle andern haben Spaß auf den Zimmern.
 
Ich gehe also in die Dusche in freudiger Erwartung über einen warmen Schauer an diesem Tage, der dann buchstäblich ins Wasser fiel, sie war nämlich eiskalt und unter Lachen jaule ich wie jeck, japse und lechze, aber ich halte durch, was auch sonst? Als ich in den Saal zurückkomme, werde ich angegrinst, jeder wußte es, nur ich nicht, na ja, Hauptsache sie hatten ihren Spaß! Pilgern ist wie das Leben, eben kein Paradies!
 
Am Abend dann ab zum Essen und danach in die Bar zum Absacker! Wir sind alle ziemlich gut drauf und lachen und scherzen noch 10 Minuten vor Zapfenstreich. Was heißt alle, die meisten Deutschen liegen schon in den Betten, sich vorbereitend auf den nächsten Tag zum Betten-Racing, denn wer zuerst an der nächsten Herberge ist, hat das beste Bett! Es war zum Schießen. Während wir selbstvergessen unseren Spaß haben, steht plötzlich einer dieser Spezies in unserem Raum und meint, wir sollten jetzt das Licht ausmachen und Ruhe geben! So was! So laut waren wir nun auch wieder nicht! Spaßverderber meine Spezie!" Frustbeutel, denke ich! Sind ja nur neidisch! Kann doch eh keiner schlafen um 22.00 Uhr! Aber leider gebärden sich immer wieder und gerade einige deutsche Pilger so auf dem Weg. Furchtbar. Ich muß mir vielleicht was anhören über meine Landsleute! Vergrämt und spiessig seien die. Woher das nur kommt, obwohl sie doch eigentlich keinen Grund zur Klage eher zur Lebensfreude haben. Gerade, wenn man sich so lange Zeit auf einem so schönen Weg befindet, kann man nur Grund zur Freude haben, dann muß es einem gut gehn, sonst könnte man es sich ja nicht erlauben. Aber diese typische deutsche Mentalität des Jammers und Klagens wird hier immer deutlicher!
 
Nun denn, wir haben es überlebt. Am anderen Morgen geht es weiter Richtung Los Arcos. Schon am Vorabend drehten sich die Gespräche nur um das nahegelegene Kloster "Santa Maria la Real de Irtache!" Warum? Nein, nicht weil die Pilger es kaum erwarten konnten, heilige Stätten zu besichtigen! Das Objekt der Begierde war der "Fuente de Vino!" (Weinbrunnen) Man findet ihn eingemauert mit zwei Zapfhähnen, rechts Wasser, links Wein! Hier scharen sich die Pilger und füllen ihre mitgebrachten leeren Flaschen auf. Ich selber trinke noch nicht einmal einen kleinen Schluck. Wie ich mal schrieb, steigt mir Alkohol sofort in die Beine und nicht in den Kopf, der bleibt klar,-) und dass konnte ich an diesem Tage gar nicht gebrauchen, wegsackende Beine! Ich lechtzte nur nach Wasser und Gott sei Dank gab es auf den ersten Etappen immer wieder Brunnen, aus denen man schöpfen konnte, so dass ich weniger Belastung auf dem Rücken hatte. Denn drei Liter mußten das schon sein!
 
Estella befand sich auf 426 m und es geht also über Villamayor del Monjardin auf 675 m Höhe. Die Bodega "Castillo de Monjardin" ist für seinen besonders guten Weißwein dieser Region bekannt. Hier ist der Wein unglaublich billig! Man zahlt gerade mal 0,80 Cent, höchstens 1,00€!
 
Die Natur auf dem Weg zeigt sich in sanften Formen, kleinen Hügeln, unterbrochen von Getreidefeldern und immer wieder Weinstöcken und gelbem Ginster. Das Grün der Laubwälder und der Gräser ist eine Labsaal für meine Seele und meine Augen. "Ich bin was ich sehe" Immer noch ist es ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit, dass in mir aufsteigt!
 
Dann geht es wieder bergab, runter nach Los Arcos. Ankunft in der Herberge 15.00 Uhr, schachmatt, aber glücklich. Die Nacht wird wieder lustig, denn neben mir legt sich ein Pilger, der meinte, das er unverschämt schnarchen würde und dass ich ihn ruhig wecken solle, wenn es unerträglich würde. Gesagt! Getan!
 
Natürlich kann ich nicht schlafen, sowieso nicht. Von oben kommt ein :" Can you sleep, Erika? Neben mir Serano:" Oh no, that is fuck" und lacht sich einen weg. O.K. machen wir was, sage ich zum ihm. Ich stehe auf und rüttele besagtem Herrn am Arm, der schreckt hoch, aber oh jeh, er war es gar nicht, es ist sein Nebenmann! Ich fasse mir ein Herz, gehe zum nächsten Bett, stupse den Übeltäter an, der schreckt ebenfalls hoch, ist nicht sonderlich erbaut von meinem Wecken, dreht sich rum und schnarcht weiter. So was! Ich denke zeitweilig an Auszug, aber ergebe mich letzten Endes! Das war´s dann mal wieder mit dem Schlaf! Dafür unterhalten wir uns, Serano, Ricardo, Fausto und ich im Flüsterton und philosophieren über die Leichtigkeit des Seins. Unmöglich, aber wahr!
 
Man darf einfach nicht die Leichtigkeit verlieren. Immer wieder das Thema, das Schöne nicht aus den Augen verlieren, denn es hilft, das Negative zu tragen!
 
Und alle drei sind froh, in Sandra, Angela und mir doch auch noch andere Spezie Deutsche kennengelernt zu haben!

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