Ich schreibe einfach gern:)
Ich war schnell auf dem Weg, 5 km in der Stunde, wie nichts. Ich konnte es selber nicht fassen, wie ich eintauchte in einen Rausch des Gehens, der Bewegung. Der Mensch ist auf Bewegung ausgerichtet. Aber er ist zum Sitzenden geworden. Auch nicht nur, was das Körperliche anbetrifft. Auch im Kopf wird er immer mehr unbeweglich, hält fest an starren Normen, an dem, was ihm vorgesetzt wird, bewegt sich nicht mehr, zu reflektieren, was er wirklich fühlt, wie er zu den Dingen steht. Übernimmt einfach. Nun gut!
Ich war auch die Schnellste am Morgen. Sonst müssen ja immer die Männer auf die Frauen warten, aber in meinem Falle war es umgekehrt. Jedesmal mußte ich auf die Herren der Schöpfung am Morgen warten. Ich wachte auf, packte meine wenigen Habseligkeiten zusammen und los ging es. Ich maschierte einfach los, unabhängig davon, ob jemand mitkam oder nicht! An diesem Morgen wieder mal auf der Suche nach Frühstück. Glückes Geschick, dachte ich, als eine Bar in Sichtweite kam. Einige Pilger saßen schon bei ihrem "cafe con leche". Aber! Es gab nix zu essen. So wat! Schon wieder ohne Frühstück!
Na ja, langsam fing ich an, mich dran zu gewöhnen. Ich trank meinen Kaffee mit Hingabe und dann ging es ab Richtung Pamplona!
Es war definitiv klar, dass meine beiden Jungs mich an diesem Tag verlassen würden, denn die Etappe nach Pamplona betrug nur knappe 22 km und das war ihnen einfach zu wenig. Meine Füße gaben jedoch nicht mehr her, an diesem Tage!
Zurück also zur Brücke "der Tollwut" und von da aus über wunderschöne Waldwege, die Schatten spendeten, entlang an einem kleinen Fluß, dessen kühles Naß seine Wirkung tat, denn es war heiß an diesem Tage. Es ging übrigens weiter bergab.
Zubiri befindet sich auf ca. 528 m und Pamplona auf 496 m. Ich gehe über Zubiri, Akkereta, Zuriain, Irotz und Zabaldika und gelangte über die reizvoll sich zeigende, mittelalterliche Brücke von Trinidad de Arre nach Arleta. Von dort aus sieht man sehr schön, die am anderen Ende liegende "Iglesia de la Santisima Trinidad" aus dem 13. Jhdt. Diese gehörte im Mittelalter zum Konvent der Hermanos Maristas, wo heute immer noch eine Pilgerherberge betrieben wird.
Für Radsportliebhaber noch der Hinweis, dass im anschliessenden Nachbarort "Villava" Spaniens größter Radsportler Miguel Indurain, fünfmaliger Gewinner der Tour de France, geboren wurde. Dort wurde ihm auch ein Ehrendenkmal gesetzt und natürlich ist er Ehrenbürger des Städtchens.
Übrigens, Radpilger müssen in den Herbergen warten. Zuerst kommt das Fußvolk, dann die Radler. Ich hab einige Radler kennengelernt, die man aber sehr schnell verliert. Das Radpilgern ist nicht ganz ungefährlich,denn nicht überall können sie auf den vorgegebenen Pilgerpfad fahren und müssen auf Landstraßen ausweichen. Erst im letzten Jahr ist auf einer der stark von Trucks befahrenen Landstraßen ein Radpilger tödlich verunglückt. EIn Kreuz erinnert am Straßenrand.
Die meisten Radfahrer fahren ausschließlich aus sportlichen Motiven, ohne jeglichen Hintergrund, eine Auszeit zu nehmen. Sie machen niemals diese intensive Erfahrung der Gemeinschaft mit anderen Pilgern aus aller Herren Welt, sie bleiben Einzelgänger.
Nach knapp einer Stunde Weg gelange ich an einen sozialen Brennpunkt zu Beginn von Pamplonas Stadttoren. Der Weg ist voll Müll, alten ausgedienten Fernsehern, Waschmaschinen und in den Häusern sehe ich zerbrochene Fensterscheiben. Aus einem der Fenster klingt spanischer Hipp-Hopp, intensiv und klagend. Ich denke über die Menschen nach, die hier ihr Leben meistern müssen und erinnere mich an meine eigene Kindheit, aufgewachsen in einem sozialen Brennpunkt in Duisburg und ein mulmiges Gefühl schleicht in mir hoch. Ich weiß, was es heißt, so leben zu müssen.
Aber endlich gelange ich an die "Puente de la Magdalena" durch einen alten Befestigungsgraben in die Altstadt Pamplonas. Hier treffe ich auch Serano, den Australier wieder und wir machen uns gemeinsam auf die Suche nach einer Herberge. "Paderborn" eine deutsche Herberge ist voll belegt. Irgendwie bin ich froh. Deutsche Ordnung und Pünktlichkeit, mag ich jetzt gar nicht haben.
Pamplona, die Hauptstadt der autonomen Region Navarras, hat sofort mein Herz erobert und zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Geschichtlich gesehen geht ihre Gründung, so die Vermutungen, auf das 1. Jhdt. vor Christus zurück. Immer wieder gab es Eroberungskämpfe von Westgoten, Franken und Arabern. Die Basken schafften es erst im Jahre 755 ihre Beherrscher abzuschütteln. Mit den wachsenden Pilgerströmen bis zurück ins Mittelalter begann der Aufschwung der Stadt.
Hier könnte ich leben! Manche Stadt- und Verkehrsplaner könnten sich hier einmal Anregungen holen. Alles gut durchdacht, Plätze wunderbar angelegt, die zum Verweilen einladen. Aber wie sollte man sich in einer Stadt, in der auch "Hemingway" eine Zeit lang lebte und sich
inspirieren ließ, nicht wohlfühlen. Hier schrieb er seinen Roman "Fiesta", in dem es natürlich auch und gerade um Stierkämpfe ging. Ich les ihn gerade erst im Nachhinein und kann ihn nur empfehlen!
Bei meinem nachmittäglichen Streifzügen durch die Stadt entdeckte ich auch das berühmte Hotel "La Perla", in dem Hemingway sich niedergelassen haben soll! Gegenüber der große, einladende Markt- und Veranstaltungsplatz, umgeben von Bäumen und bunten Blumenkästen. Hier treffen sich die Bürger Pamplonas um zu schwadronieren, schöne, elegante spanische Frauen flanieren und an den Wochenenden gibt es Musik und Tanz. Ich könnte wehmütig werden, wenn ich an diesen Ort zurückdenke und hier in Köln die oft furchtbaren Plätze vor Augen habe. Nun denn! Übrigens, ich war begeistert von der Schönheit und der Eleganz der spanischen Frauen. Ihr Gang schien mir einen Hauch stolzer zu sein, als andere Frauen dieser Welt. Woher das bloß kommt? Vielleicht tragen spanische Männer ihre Frauen mehr auf Händen. Die Ästhetik ihrer Kleidung ist einfach phänomenal, ob jung, ob alt. Aber ich schweife ab!
Ich stellte mir vor, wie vor den Kämpfen die Stiere durch die Straßen Pamplonas getrieben werden und die Stadt sich in einen Hexenkessel verwandelt. Natürlich bin ich die Strecke einmal abgelaufen vom "Museo Navarra" zum "Plaza del Toros!" Ich hab mir sagen lassen, dass ganz Pamplona sich bei den Stierkämpfen in einem kollektiven Rauschzustand befinden soll. Nun denn, das kennen wir ja von "Kölle" auch!
Wer gotische Kirchen mag, muß sich in Pamplona unbedingt die "Cateral de Santa Maria" anschauen. Man wird absolut belohnt. Wenn man durch das strahlende, goldene Portal schreitet, hat man ein bißchen den Eindruck vom Himmelsglanz etwas ab zu bekommen und von dort gelangt man in einen der schönsten Kreuzgänge Spaniens.
Das war es dann aber auch für mich an diesem Nachmittag. Mehr an Kunst und Kultur hat meine Pilgerseele nicht verkraftet und meine Beine erst recht nicht. Ich hab übrigens sehr schnell gemerkt, dass Beides nicht geht, entweder du läufst oder du setzt dich mit Geschichte, Kunst und Kultur auseinander. Bei mir hat das nicht funktioniert. So bin ich nicht, wie ursprünglich geplant, in den Städten länger verweilt!
Und außerdem mußte ich ja auch noch den Abschied meiner beiden Jungs an diesem Tage verarbeiten, die mich an den Stadtmauern Pamplonas verlassen hatten. Aber das hab ich auch gelernt auf dem Weg, man muß immer wieder Abschied nehmen, loslassen! Der eine kommt, der andere geht!
Für mich war es in Ordnung, denn ich wollte ja auch alleine gehen. Im Rückblick gesehen habe ich das auch geschafft. Ca. 85% der Strecke war ich für mich! Und wenn ich dann meine 20 bis 30 km allein bewältigt hatte, war die Freude, wieder in Gemeinschaft zu gelangen, um so größer. Und ist es nicht so! Wer gut allein sein kann, kann auch gut in Gemeinschaft leben! Man hat keine Erwartungshaltung an den Anderen.
Und wo hab ich mir mein Abendessen gegönnt? Natürlich in der "Tapasbar Hemingway!"
Dann ab in die Herberge, die übrigens ein Kleinod ist, wunderschön ausgestatet, im Vorraum ein großer, einladendender Ausstellungsraum, in dem viele Künstler, ihre Bilder und Impressionen über den "Camino" ausgestellt hatten.
Die Duschen waren allerdings auch hier nicht nach Geschlechtern getrennt! Ich mußte mich anfangs schon dran gewöhnen. Lustig war die Geschichte mit einer älteren Dame! Sie, 67jährig, antwortete auf die Frage eines Mitpilgers, der nur mit Handtuch bedeckt aus der Duschkabine kam, ob es sie stören oder sie Anstoß nehmen würde, wenn er jetzt die Hüllen fallen ließ." Ach junger Mann, ich hab schon so viele Gemächer gesehen, ich falle nicht mehr in Ohnmacht!" Berührungsängste darf man wirklich nicht haben!
Serano, mein Australier inspizierte dann am Abend meinen Rucksack und riet mir dazu, meine Shampoo-Dusch und Körperlotionsflaschen bis zur Hälfte zu leeren. Er meinte, es käme auf jeden Gramm an! Aber soweit war ich noch nicht! Er, Serano, war so minimalistisch, dass er sogar jeden Tag die Seite seines gebrauchten Routenführers herausriß und wegschmiß. Brauch ich nicht mehr, wozu denn auch!
Na ja, da erzählte ich ihm lieber nix von meinem mitgenommen Stäpelchen Reclam-Heftchen und hab sie dezent vor ihm versteckt.
Wie hab ich geschlafen? Gut! Also gestärkt am nächsten Morgen durch das nieselregende Pamplona!