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Liebe und Erotik im Islam!

Liebe, Erotik! Hat das einen Platz im Islam?
 
Wenn man an den Islam denkt, fallen einem in erster Linie Worte ein, die sich durch die Diskussionen im öffentlichen Leben und in den Medien manifestiert haben, irgendwo im Hinterstübchen. Fundamentalismus, Zwangsehen, Selbstmordattentäter und Fremdenfeindlichkeit. Dies sind doch die Schlagwörter, die immer damit in Verbindung gebracht werden.
 
Daher war ich schon bei der Vorankündigung sehr interessiert. Was haben die Autoren zu sagen, zu einem Thema, dass selbst in unseren Kulturkreisen entweder ganz unter den Tisch fällt, oder aber in einer Weise ausgeschlachtet wird, das wiederum mehr an Sensationslust, wie an wirklicher Vermittlung über die Bedeutung, ohne die menschliche Würde dabei aus den Augen zu verlieren.
 
So hab ich mich also auf den Weg gemacht, Zabaione und ihre Freundin Uta, warteten schon im Foyer des Theaterhauses in der Stammtstraße in Ehrenfeld, das ich bisher noch nicht kannte. Auch das ist ein Nebeneffekt der Lit., man lernt neue Lokalitäten kennen.
 
Die beiden anwesenden Autoren, Salwa al Neimi, geboren in Damaskus, im Nebenberuf Bibliothekarin und Sulaiman Addonia, geboren in Äthiopien/Eritrea, von wo er später hat flüchten müssen, wirken auf mich sehr unterschiedlich in ihrer Erscheinung. Al Neimi in leuchtend roter Lederjacke, ihr Blick offen, sehr lebendig in ihren Erzählungen, was anhand der arabischen Sprache kein Kunststück ist, denn sie ist wortgewaltig, so dass der Moderator, Stefan Weidner, sie zuweilen stoppen mußte. Dagegen Addonia, eher schüchtern wirkend, die Augen zwar leuchtend ins Publikum gerichtet, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, er ist doch sehr gebunden an seine Traditionen und, obwohl sich sein Werk mit dem Thema beschäftigt, doch nicht ganz so offen, wie ich es erwartet hatte. Diesen Eindruck bestätigen mir Zabi und Uta ebenfalls.
 
Es wird aus dem Buch Al Neimis "Honigkuss"gelesen, zuerst aus der deutschen Übersetzung, aber auch die Autorin selbst trägt ein Stück in ihrer Sprache vor. Das Buch erzählt die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihrer eigenen Sexualität, der Entdeckung ihres Körpers und der Vielfalt der Erotik. Dabei stößt sie auf alte islamische Schriften, die, auch ich war sehr erstaunt, ganz im Gegenteil zu aktuellen Schriften, sehr viel über Sexualität und Erotik zu sagen hat. Al Neimi erklärt im Gespräch, dass die meisten ihrer Landsleute diese Schriften nicht mehr kennen.
 
Und die Aussagen in den Schriften sind recht deutlich. Fehlende Sexualität des Menschen wirkt sich negativ aus. Hat man so was schon gehört? Die Schriften sprechen davon, dass ein Mensch, der auf Sexualität verzichten muß, körperliche Beeinträchtigungen in Kauf nehmen muß, wie z.B. Herzrasen, Unausgeglichenheit, Unkonzentriertheit, ja, bis zu Verdauungsbeschwerden, die ihre Ursache darin finden. Im Gegensatz, ein Mensch, der seine Sexualität leben kann, strahlt vor Lebensfreude, ist offen der Welt zugewandt, gestärkt in seinem Selbstbewußtsein und hat einen guten Kontakt zu seinem eigenen Körper. Dagegen ist doch nichts einzuwenden, oder?
 
Erstaunlich ist, dass Al Neimi erzählt, dass ihr Buch in einigen arabischen Ländern sofort verboten wurde und als "sexuelle Intifada" abgestempelt wurde. In anderen Ländern wiederum wird es von der Presse hochgelobt, als Befreiungsschlag für die islamische Frau. Man hört, man hört. So kann man es teils offen im Buchhandel erwerben, an anderen Stellen wiederum, wird es eher unter dem Tisch gehandelt. jedoch, jeder hat Zugang zu dem Buch auch über das Internet. Zuschriften, die die Autorin von Lesern bekam, beinhalteten z.B., dass geschrieben wurde, dass dieses Buch dem Leser wieder einen Kontakt zum eigenen Körper hergestellt hat.
 
Al Neimi outet sich klar und deutlich zur Polygamie. Sie ist der Meinung, dass der Mensch nicht geschaffen ist für eine dauerhafte Einehe oder Beziehung. Liebe und Sexualität hat viele Facetten und sie empfindet es als kulturellen und moralischen Zwang in einer Beziehung sich gegenseitig ewige Treue schwören zu müssen.
 
In ihrem Buch begleiten wir die Autorin auf ihrem Weg zur Selbstfindung als Frau, Geliebte und begegnen der Vielfalt der Erotik. Soweit zu ihrem Buch.
 
Addonia nun, spricht dieses Thema ebenfalls an, doch eher verhalten, sein Augenmerk mehr auf die "Liebe" an sich, wie auf Erotik gerichtet. Es ist sein Erstlingswerk, einfach geschrieben, nicht verschachtelt, die Sprache blumig. Es beschreibt die Geschichte zweier junger Menschen, die sich begegnen und ineinander verlieben und nun nach einem Weg suchen, diese Liebe zu leben. Öffentliche und private Treffen in Dschidda, Saudi-Arabien, sind unmöglich, ja gar verboten.Voreheliche Beziehungen zwischen Frau und Mann sind nicht nur verboten, sondern können immer noch mit dem Tod bestraft werden.
 
Es stellt sich die Frage, wie wirken Mann und Frau aufeinander, genauer gesagt, was sieht ein Mann an einer Frau in einer schwarzverhüllten Burka. Wir wissen alle, Aussehen, Körperhaltung, Bewegung, Augen, Mund, alles das ist es, was den Blickkontakt oft erst herstellt, sich gegenseitig anzieht. So beschreibt er wunderbar eine Szene, in der er, der junge Mann die Frauen beobachtet auf der Straße und dann sie entdeckt. An den pinkfarbenen Schuhen, die unter ihrer schwarzen Burka herausstechen, bleibt sein Blick hängen. Er hat seine Phantasien, welcher Körper einer Frau, sich unter einer Burka befindet. Er macht es an den Schritten fest, langsame Schritte, kurze Schritte, kleine Schritte, oder einfach breit auseinandergehende Beine, die lassen z.B. darauf schließen, die Frau ist schwanger. So spielt und spricht das Buch mehr von den kleinen Beobachtungen und seine Schlußfolgerungen. Alles hört sich sehr behutsam und zärtlich an, und doch selbstbewußt, wie die Beiden aufeinander zugehen. Wobei die treibende Kraft sie, die junge Frau ist. Wie trifft man eine Verabredung mit dem Angebeteten in einem Land, wo es verboten ist, miteinander zu telefonieren, oder einfach mündlich einen Treff zu vereinbaren. Nun! Ganz einfach! Man schreibt einen kleinen Zettel und läßt ihn in einem unbeobachteten Moment neben dem Objekt der Begierde fallen. Dabei geht man schon das höchste Risiko ein, aufzufallen und die Konsequenzen zu tragen. Die Beiden finden sich also, treffen sich und er eher scheu, überläßt sich dem selbstbewußten und willenstarken Handeln der jungen Frau.
 
Hier endet die Lesung der beiden Bücher der Autoren. Sie haben Lust zum Weiterlesen erweckt in mir und den anderen Anwesenden. Am Ende signieren die Autoren schon vorhandene Exemplare, aber auch am Büchertisch ist reges Interesse.
 
Auch ich werde mir sicherlich beide zulegen. Literatur, die über Erotik erzählt, ohne dass es zum Porno ausartet und literarisch bleibt, gibt es nur all zu selten. Reich-Ranicki sagte ja einmal "Die gefährliche Geliebte" von Haruki Murakami, sei das einzige erotische Buch, das jemals sein Gefallen gefunden hat. Mir hat es auch gefallen.
 
Wenn sich aber wie hier, gerade auch bei Al Neimi Erotik mit Hintergründen des Islams vermischen, ist es um so interessanter, wie ich finde. Denn wir gesagt, wer hätte das gewußt, dass die alten islamischen Schriften so offen dazu Stellung nehmen.
 
Jetzt, nachdem ich es weiß, bin ich gar nicht mehr so überrascht, denn auch die Bibel, genauer gesagt das Alte Testament, ist voll von Erotik pur. Man denke nur an die wunderschönen Psalmen, die Marc Chagall dann bebildert hat.
 
"Fliehe mein Geliebter, wie eine Gazelle, wie ein junges Hirschkalb, fliehe auf die Balsamberge!" Ein beispiel nur!
 
Oder an das Hohelied von Salmon:
 
Komm doch mit mir, meine Braut, vom Libanon, /
weg vom Libanon komm du mit mir!
Weg vom Gipfel des Amana, / von den Höhen des Senir und Hermon;
weg von den Lagern der Löwen, / den Bergen der Panther.
Verzaubert hast du mich, / meine Schwester Braut; / ja verzaubert
mit einem (Blick) deiner Augen, / mit einer Perle deiner Halskette.
Wie schön ist deine Liebe, / meine Schwester Braut;
wieviel süßer ist deine Liebe als Wein, /
der Duft deiner Salben köstlicher / als alle Balsamdüfte.
Von deinen Lippen, Braut, tropft Honig; /
Milch und Honig ist unter deiner Zunge.
Der Duft deiner Kleider ist wie des Libanon Duft.
Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, /
ein verschlossener Garten, / ein versiegelter Quell.
Ein Lustgarten sproßt aus dir, / Granatbäume mit köstlichen Früchten, /
Hennadolden, Nardenblüten,
Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, / alle Weihrauchbäume,
Myrrhe und Aloe, / allerbester Balsam:
Die Quelle des Gartens bist du, / ein Brunnen lebendigen Wassers, /
Wasser vom Libanon.
Nordwind, erwache! Südwind, herbei! /
Durchweht meinen Garten, / laßt strömen die Balsamdüfte!
Mein Geliebter komme in seinen Garten /
und esse von den köstlichen Früchten.
 
Ich komme in meinen Garten, Schwester Braut; /
ich pflücke meine Myrrhe, den Balsam;
esse meine Wabe samt dem Honig,
trinke meinen Wein und die Milch.
(...)

 
Ich hab sie schon immer geliebt, diese wunderbare Sprache. In der neueren Deutung der Psalmen, werden diese ausgeschriebenen Worte der Psalmisten allerdings als Bild angesehen für die Beziehung des Menschen zu Christus. Kann man durchaus auch so sehen. Mir gefallen sie allerdings so, wie sie geschrieben stehen, als wunderbare Metaphern für die Beziehung zweier Menschen, ihre Wünsche und Sehnsucht aneinander. Ich kann das so stehen lassen.
 
Liebe und Erotik im Islam! Das gibt es wohl in der Tat. Und beide Autoren haben sich mit ihren Büchern dafür eingesetzt, dass es mehr und mehr ausgesprochen wird und dafür gekämpft wird, Stück für Stück, leben zu können, was zum Menschsein gehört.
 
Sie zeigen deutlich die Problematik, dass Religionen in bezug auf die Sexualität körperfeindlich sind und Sexualität eigentlich nur zum Zwecke der Vermehrung ausgeübt werden darf. Ich weiß, wovon ich spreche. Denn wer behauptet, das gäbe es nur im Islam, der hat weit gefehlt. In meiner 15jährigen Zugehörigkeit einer katholisch-fundamentalistischen Bewegung, aus der ich mich dann gelöst habe, weil mich diese Unfreiheit zu ersticken drohte, hab ich all das erlebt.
 
Ein schöner Abend, wie wir alle empfunden haben. Und bei einem Bierchen danach haben wir noch so dies und das diskutiert. Nun werden wir die Bücher lesen, um noch mehr zu erfahren.
 
Die Lit. bietet einfach so viel, es ist einfach klasse, mit dabei sein zu dürfen!

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