Ich schreibe einfach gern:)
Du mußt Dein Leben ändern.... mit dieser Überschrift lockte die Lesung am frühen Abend im WDR-Sendesaal mit Peter Sloterdjyk. Sloterdijk hat mich schon immer fasziniert, auch wenn ich nicht alles fachchinesich verstehe, weil mir dazu einige Hintergründe fehlen, dennoch, ich hab bisher immer verstanden, worum es ihm geht und was seine Intention war und ist.
Ich dachte, bist mal gespannt Röschen, wieviele Menschen zu dieser doch sehr anspruchsvollen Lesung erscheinen. Ich hatte nicht mit soviel gerechnet. Der Saal war übervoll, so daß ich auf die Empore ausweichen mußte, vonwo aus man dennoch einen guten Überblick hatte.
Du mußt Dein Leben ändern....so dann auch die einleitenden Worte von Sloterdijk. Wer gedacht hat, jetzt bekommt er eine ganz pragmatische, einfache Antwort, war auf dem Holzweg. Sehr schnell stellte sich heraus, dass ...das Leben ändern... eine ganz persönliche Angelegenheit ist, jedenfalls, ich hab es so verstanden.
In der Einleitung erklärte Sloterdijk ein bißchen, was sich getan hat, im Weltgeschehen. Schöpfung, das Sein des Menschen und seine Taten, die die Geschichte in der Vergangenheit zu dem gemacht hat, wie wir es jetzt sehen konnten.
Religionen, die mit dazu beigetragen haben, dass die Welt bis zu einer bestimmten Zeit doch noch in Bahnen verlief, in denen andere Werte zählten, wie Konsum, Leistung und Ellbogengesellschaft.
Dann kam die Zeit der Aufklärung. Religionen machen unfrei. Aber was hat die vermeintliche Freiheit dann gebracht? Auch nichts besseres, so Sloterdijk. Er bezieht sich ebenfalls auf die 68er. Davor war es bürgerlich, ja, geradezu spießbürgerlich, duckmäuserisch der Mensch, aber danach wurde es auch nicht besser, nach der vermeintlichen Revolution. Mit Pistolen hat noch niemand die Welt verbessert und er bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die RAF. Das alles, immer mit einem Humor von ihm erzählt, war schon sehr erfrischend.
Dann aber zu seinem Buch, aus dem er ca. 1 Stunde gelesen hatte. Es kam gerade druckfrisch von der Presse. Wie es zu dem Titel kam, erläuterte er dann kurz. Er entnahm diesen Satz:" Du mußt dein Leben ändern", aus dem Gedicht von Rilke´s Torso!
"Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augäpfel reiften,
aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jender Mitte, die die Zeugung trug.
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schulter durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle
.
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern. denn da ist keine Stelle
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Was tun, sprach Zeus. Wie das leben ändern. Das Gespenst der Religion scheint wieder zu kehren, so Sloterdijk. Und dennoch haben sie uns etwas zu sagen, mehr als wir denken. Die Welt des Humanismus hat nicht dazu beigetragen, dass es besser wurde. Die Religion ist benutzt worden, Lehrer haben mißverständliche Überbauten gemacht, deren Spiritualität in die falsche Richtung geleitet wurde. Der Mensch meint, er sei privatversichert bei einem Gott. Aber es gibt keine Sicherheit, nur die eine, nämlich, dass der Mensch selber die Verantwortung für sein Tun inne hat. Das hat mir gefallen.
Sloterdijk baut sein Buch auf Rilkes Torso auf. Was hat uns dieses Gedicht zu sagen? Nun! Es gibt keine Vollkommenheit. Nur die der Unvollkommenheit. Vollkommen ist etwas, wenn man das Unvollkommene annimmt, dennoch daran arbeitet, es zu vervollkommen. Könnt ihr mir folgen. Also, es war schon recht kompliziert. Aber ich habs verstanden. Es kam meiner eigenen Haltung entgegen...denn ich sage ja auch immer"glücklich ist der, der das Unglück annimmt und es ins Leben integriert und nicht abspaltet" Alles gehört zum Leben.
Schauen wir also auf einen Torso, ohne Arme, ohne Beine, entstellt, so meinen wir, dies sei unvollkommen. Wir schauen mit unseren vermeintlich vollkommenen Augen. Aber der Torso schaut zurück. Das ist das Spannende. Denn auch er hat uns etwas zu sagen. Mehr als wir denken.
Leider, so Sloterdijk übt sich die Welt im üblen Geschwätz. Ich mußte lächeln bei diesen Worten, weil ich an meinen Blog dachte, die Welt ist so laut. jeder hat was zu sagen, aber nichts kommt dabei heraus.
Ja, wir leben in einer Inflation des Geschwätzes und es bedarf einer neuen Sichtweise, neuer Wertehaltungen und effizienter Einrede. Die Unterscheidung der Geister wird wieder wichtig, nein, sie wird es nicht, sie war es schon immer.
Der Mensch ist zu einem ego-shoter geworden, so Sloterdijk, er übt sich in Beliebigkeit. Ist das nun Freiheit? Heute so morgen anders?....
Die Menschheit ist eine Mannschaft, so Sloterdijk weiter. In einer Mannschaft muß jeder reden dürfen, nicht nur der Einzelne und man muß Jedem zuhören. Getrau Dich, mit einem Gott zu trainieren, um dein Leben zu ändern. Hm, was für ein Spruch in dieser religionsfeindlichen Welt.
Sloterdijk wird im Anschluß danach gefragt, was er damals gesucht hat in Indien im Ashram. Seine Antwort darauf ist vielfältig. Auf jeden Fall die Suche nach anderen Werten. Und er bestätigt auch heute, dass z.B. in Indien oder in anderen Ländern zumindestens der Mensch sein "Sein" auf anderen Grundlagen definiert. Das scheint zwar augenscheinlich kein Fortkommen zu bedeuten. Aber wenn wir Fortkommen nur messen an Leistung, Gewinnerzielung im materiellen Bereich, liegen wir falsch und die Entwicklung, die sich z.B. in Europa dadurch gezeigt hat und das Ergebnis, ist niederschmetternd.
Wir sind zum "letzten Menschen" motiert. Sloterdijk meint damit, es wird nicht mehr in die Nachkommenschaft investiert. Es wird die letzte Party gefeiert. Die Vollkommenheit der Schöpfung, die sich nur vervollkommen kann, wenn sie weiter inkarniert wird, wird mit dieser Haltung unterbrochen. So spricht Sloterdijk von der Vollkommenheit als Imperativ. Der Mensch muß den Befehl annehmen, aufzuwachen und eine Korrektur vornehmen. Sonst werden wird der Mensch zum Attentäter, irgendwann, jeder auf seine Art.
Vorher muß er aber die Trägheit überwinden. Sloterdijk bezieht sich auf die christliche Interpretation der Trägheit. Die Trägheit, so sagt er, sei die Mutter der Verzweiflung. Und wie war das bei dem Attentäter? Ein Akt der Verzweiflung! Was ist das Resultat eines jeden Selbstmörders? Ein Akt der Verzweiflung. Was ist der Rückzug, die Gleichgültigkeit, die Unmenschlichkeit? Letztendlich nur ein Akt der Verzweiflung! Man weiß nicht mehr weiter! Findet keine Antworten!
Was und wie soll nun aber geschehen? Wie muß der Mensch sich verändern? Sloterdijk gibt eine einfache Antwort in einem Satz:
"Du sollst dich so verhalten, dass du in deiner Person das Schlechte dieser Welt veränderst"
Klasse, oder? Wie sagt ein chinesisches Sprichwort noch? Kehre zuerst mit dem Besen dein eigenes Haus, bevor du anfängst beim Nachbarn zu kehren...oder so ähnlich.-)
Was aber muß geschehen, damit du anfängst zu kehren? Ganz einfach, so Sloterdijk. Du mußt dich ekeln vor dem Dreck! Das fand ich klasse! Wer den Dreck nicht sieht, im eigenen Herzen, im eigenen Kopf und in seiner eigenen Umgebung, der wird die Sauberkeit nicht hervorbringen, nein, mehr noch, er weiß gar nicht, was Sauberkeit bedeutet. Wie heißt es so schön in der Schrift, das jedenfalls fiel mir auf Anhieb als Parallele ein:" Sieh nicht den Splitter im Auge Deines Bruders, sondern siehe deinen eigenen Splitter!"
Gott ist tot! So sagte der Kommunismus und machte sich selbst zu Gott!
Du mußt dein Leben ändern! Mit diesem Satz schließt die Lesung und er macht Appetit auf sein neustes Buch. In dem er uns Regeln an die Hand geben will, kleine Übungen als Training, um ein neuer Mensch zu werden. Eines dieser Regeln ist, fange an dich zu ekeln.
Der Mensch soll wieder Vorbildfunktion für sein Gegenüber werden, aber dazu muß er zuerst einmal den Besen nehmen und die Ungeister heraustreiben. Und, um auf Rilkes Torso zurückzukommen. Schau nicht auf das Unvollkommene, sondern laß dich von dem Unvollkommenen anschaun, auf dass du Vollkommenheit anstrebst.
In diesem Sinne....Ein wunderbarer Abend. Danach fiel ich fast ins Koma:-) Von null auf gleich, suchte mich eine heftige Erkältung heim. Aber kennen wir das nicht? Vorangekündigt hatte es sich schon. Ich war etwas taub geworden, gegen die Stimmen meiner Umgebung. Ein immunschwacher Körper will sich zurückziehen und er zeigt es auch. Gott sei Dank ist es ja nur eine Erkältung. Man weiß, danach wird es wieder besser. Aber eine wenn auch kleine Krankheit bietet immer Zeit zum Nachdenken und zu verarbeiten. Man liegt und schaut, mehr nicht.
Werden wir also wieder zu Schauenden und nicht zu Schwätzenden!
Ich bin noch ganz seelig ob dieser wunderbaren Veranstaltung der lit. Mal wieder. Was sie nicht alles bietet. Und wieviel Menschen durch die Tore der Literatur und der Geisteswissenschaften treten und dabei Neuland betreten.
