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Räume der Stille!

Es fehlt der Raum der Stille in unserer Zeit. Das jedenfalls meint Alexander Rühle in der Süddeutschen am vergangenen Wochenende.


Der Tag, an dem der Angestellte der Telekom-Gesellschaft das Dauergeschnatter nicht mehr ausgehalten hat, hätte ein Tag der Stille werden können. Der hatte nämlich an diesem Tag das System runtergefahren, 147 Millionen Stunden, meint Rühle, hätten an diesem Tag den Menschen zur Verfügung gestanden, um in sich gehen zu können, in Flußauen wandeln zu können, durch einen Wald zu spazieren oder einfach auf einer Parkbank vor sich hin träumen hätten können.

Aber was war geschehen. Stattdessen hackten zig Tausende von Telekom-Kunden auf ihren Handys herum, schrieben E-mails und gaben ihrer Empörung Luft. Abgeschnitten vom Weltgeschehen fühlten sie sich. Gespäche mit Betroffenen ergaben, sie fühlten sich wie "beinamputiert!"

So weit sind wir schon gekommen. Dachte ich beim Lesen des Artikels. Und ein wenig, wenn nicht mehr, ist das wohl die Wahrheit. Denn auch ich erwische mich natürlich, wenn ich keine Verpflichtungen habe immer dabei, dass ich Morgens erstmal, nachdem ich mir Tee oder Kaffee zubereitet ,  das Frühstück eingenommen habe, dabei, den PC anzustellen und nachzuschauen, wer hat mir geschrieben. Ich meine, die überwiegende Zahl meiner Mails stehen im Zusammenhang mit Personen, die ich auch im realen Leben kenne, sehe und mit denen ich Beziehungen pflege. Dennoch....Früher war anders...früher wurde einfach irgendwann einmal kurz telefonisch Kontakt aufgenommen, man traf sich und dann verbrachte man gemeinsame Zeit miteinander. Heute ist alles anders. Heute teilen wir uns Tag für Tag mit, wie es uns gerade geht, in welchen Konflikten wir stehen, was uns zu Herzen geht oder zu schaffen macht.

Im Grunde heißt das schon nichts anderes, als dass die Stille gestört ist. Denn der ständige Nachrichtenplott beschäftigt uns. Unsere Gedanken kreisen um uns selber und um den Anderen. Dazu kommt die Nachrichtenfülle aus Fernsehern, Radios und Zeitungen. Musik wabert ständig als Geräuschkulisse. Man hört nicht mehr dosiert, als Belohnung für den Tag, zum Abschalten und genießen. Mir erzählte mal eine ältere Kollegin, die allein lebt, sobald sie heimkomme, stelle sie den Fernseher an, nur um das Gefühl zu haben, dass sie nicht allein sei. Es gäbe ihr das Gefühl einer Anwesenheit, und wenn es nur die Anwesenheit der Welt an sich ist, des Nachrichtenflusses, der erzählt, wie es wo, wann und wie auf dieser Erde zugeht. Na dann... Für mich unvorstellbar, denn mich würde das wahninnig machen.

Dennoch...auch ich neige dazu, morgens auch das Radio anzuschalten, auch wenn ich darauf achte, einen Sender zu finden, der mich nicht ständig mit seinen Werbebotschaften zutextet. Ist mir wieder aufgefallen, bei meinen Autobahnfahrten. Die volle Dröhung ununterbrochen, dazu die sich ständig und ständig wiederholenden Nachrichten. Wozu das alles, hab ich mich gefragt und entnervt zwischendurch den Kasettenrecorder angemacht, um mich davon zu befreien.

Naja..wir kennen den berühmten Satz Blaise Pascal ja zu Genüge:" Das ganze Unglück des Menschen besteht darin, dass er sich nicht allein mit sich selber in einem Zimmer begnügen kann!". Früher war anders. Immerhin entschied man noch, wann man was anmacht. Heute ist mehr. Denn es gibt in unseren Räumen, selbst wenn wir TV und Radio nicht anstellen, keine Stille mehr, schon allein aus dem Grunde, weil, wir sind vernetzt, und während wir denken, es sei ruhig, schwirren schon die Mails, Freundschaftsanfragen und Kommentare durch den Äther unserer Verkabelung mit dem anderen Ende der Welt. So ist das.

Neulich hab ich noch selber geschmunzelt über die Ansammlung von Freunden auf den sogenannten Freundschaftslisten, ob hier im Blog oder bei lastfm, wenn auch ich bestrebt bin, wie im realen Leben auch,  diese Kontakte zu pflegen, möglicherweise gar so aufzubauen, dass man sich dann irgendwann auch mal real kennenlernt, vielleicht tatsächliche neue Freunde hinzugewinnt. Weiß man´s....alles schon erlebt.

Stille! Wo finden wir sie überhaupt noch in dieser Welt. Hab neulich noch überlegt, ob die Fülle und Flut der Geräusche, des Gequasels, der akustischen Strömungen, denen wir ausgesetzt sind, vielleicht dazu führt, dass die Krankheit des Vergessens in unserer Gesellschaft immer häufiger auftritt, dass sie selbst vor jungen Menschen nicht mehr Halt macht. Vielleicht? Eine körperliche Abwehr, der Mensch will vergessen, weil es ihn scheinbar überfordert.

Erstaunt war ich zu lesen, dass mittlerweile wohl ein Aufwachen stattfindet, dass der Schrei des Menschen nach Ruhe und Stille wieder erwacht. Dass es in Flughäfen mittlerweile Räume der Stille gibt, dass Klostertage mit innerer Einkehr und Besinnung zum Modetrend geworden sind, dass Fluggesellschaften damit werben, Flüge handyfrei zu gestalten und Hotels extra hervorheben, Zimmer ohne Internetzugang, TV und Telefon vermieten. Oha, dachte ich. Also doch.

Vielleicht hat meine Generation wenigstens noch die Erinnerung an das, was Stille ist. Aber schon die nächste Generation, so Rühle in dem Artikel, weiß sich nicht mehr zu helfen. Früher war anders, so Rühle. Da wurden z.B. Ferien und Ausflüge an Orte der Stille gemacht. Heute wissen Jugendliche nichts mehr damit anzufangen, weil sie dieses Gefühl, was Stille macht, nicht kennen, es eher als unangenehm empfinden. Irgendwo zu sein, in den Bergen, in den Wäldern, ohne Handy, verursacht in ihnen nur das unangenehme Gefühl und die Frage:"Was soll ich hier mensch!", so Rühle in seinem Artikel.

Dazu kommt, dass wir uns nicht mehr auf uns selbst verlassen, unser Gehirn nicht mehr trainieren hin auf die Speicherung wenn auch weniger Nachrichten, dennoch wissenswerte, auf die wir uns möglicherweise im entscheidenen Moment rückbesinnen können, weil, das Netz längst unser Gedächtnis geworden ist. Weil, alles was wir wissen müssen und wollen, können wir eingeben, abfragen, nachfragen. Wir brauchen keine Merkzettel mehr weder äußerlich noch innerlich. Früher gab´s Terminkalender, heute gibt´s das Handy, den Terminplaner elektronisch. Dort steht unser zukünftiges Leben eingraviert. Ja..wir brauchen unser Leben eigentlich nur noch abzufragen. Leben?...was willst du Morgen, Übermorgen oder in weiterer Ferne von mir. Nicht der Mensch bestimmt mehr, was er tun will, sondern längst hat er sein Leben in die Hand des Terminplaners gegeben.

Und längst merken wir nicht mehr, dass sich unter der Datenflut, der Vernetzung, Erwartungen höchstens Grades befinden. Dass eine E-Mail Momente des Glücksgefühls in uns auslösen können. Klar, war früher auch, wenn man einen Brief bekam. Aber in dieses Gefühl tauchten wir auch lange ein. Heute ist es schnell weg das Gefühl, weil man schon wieder auf die nächste Nachricht wartet. So ist das. Wir wollen ständig erreichbar sein und wir wollen ständig alle und alles erreichen.

Cold Turkey nennt man das Syndrom heute schon, wenn die Vernetzung lahmgelegt wird, wenn kein Zugang mehr gewährleistet ist. Muß ich mich erschrecken? Wieviel Möglichkeiten hat Mensch noch, umzukehren, sich rauszuziehen, wo ist Zwang, Muß und wo die Freiheit.

Ich werd mal in mich gehen...die nächsten Tage, bevor ich nicht mehr weiß, was Stille ist. Obwohl, ich gehöre schon noch zu den Spezies Menschen, die es genießen, die letzte Stunde vor dem Zubettgehen einfach nur am Fenster zu sitzen und nach draußen zu schauen, nur bei einem Kerzenlicht und auf die Stille zu lauschen. Oder Morgens erstmal einen Moment zu liegen und dem Wachwerden des Tages zu lauschen. Auch zwischendurch suche ich mir Möglichkeiten, nur zu träumen. Noch...noch habe ich keine Angst vor dem, was in mir hochsteigt, in diesem Moment... noch nicht...aber aufpassen muß auch ich, hab ich gedacht, beim Lesen des Artikels von Rühle.

Jenseits der Stille.....ist anders....löst Mensch sich auf, vermischt mit all dem, was auf ihn zuströmt, muß er kämpfen für einen Moment inneren Freiraums, für einen Gedanken, den er festhalten will, für einen Bildeindruck, der ihn berührt hat, um nicht zu vergessen und schon das nächste Event... Wir rasen von einem Event zum Nächsten...Vergnügungssüchtig, weil wir darunter Langeweile vermuten. Aber Langeweile will auch gelebt werden, um zu neuen Kreativitäten zu gelangen.

Ich bin nicht sonderlich kreativ sagte mir neulich eine Bekannte. Hm..antwortete ich ihr, hast du schon mal versucht....abzuwarten, dass sie sich entwickeln kann.... Kreativität kann nur in der Stille entwickelt und geboren werden. Da haste recht, sagte sie, aber die nehme ich mir selten, diese Zeit der Stille. Na dann...




 

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