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Der kleine Erwin ( Eine wahre Geschichte)

Der kleine Erwin ist jetzt 50 Jahre alt. Er ist der "kleine Erwin" geblieben. Ein, nach unserer gesellschaftlichen Norm und Beurteilung, Gescheiteter!

Der kleine Erwin, damals, er war gerade mal 13 Jahre jung, als er mit den Drogen in Berührung kam. Viel zu jung, für einen Menschen, gerade in der Pubertät, eine Zeit, in der das eigene Sein, seine Herkunft, ja gar manchmal gar die eigenen Eltern angezweifelt werden.

Der kleine Erwin war ein richtiges Sonnenscheinchen damals. Für jeden Spaß zu haben. Er war immer mittendrin. Es war auch eine Art von Flucht von zuhause. Aus dem spießbürgerlichen Haus. Ja mensch, so nannten wir alle die Leute damals, die sich hinter ihrer Fassade versteckten und uns gerade zu Erwachsenen werdenden, etwas vortäuschten, ja gar vorspielten. Sie merkten es nicht, immer noch nicht, auch heute noch. Aber wir, wir Jungen damals, aber auch die Jungen heute, die spüren alles bis auf den Grund. Sie sehen hinter die Fassade. Das kann manchmal verunsichern. Wer kein starkes Selbstbewußtsein hat, kann fallen, will ausweichen, weiß aber nicht wohin.

Ja.. die, die das nicht annehmen können, dass die Welt, die Menschen so sind, können zu Außenseitern werden, sich alleine fühlen. Und die Außenseiterrolle macht sie wiederum noch einsamer. So..wie den kleinen Erwin. Der immer ein Sonnenschein war, viele zum Lachen brachte, noch so frische herzliche Naivität, mit hineinbrachte, aber der dennoch irgendwie an das lLben glaubte. Er wurde er nur geduldet, man nahm von ihm, was positiv war, aber ernst nahm man ihn nie. Er spürte das, der kleine Erwin. Er war nicht dumm, er war zu sensibel, zu feinfühlig, um nicht zu spüren, der kleine Erwin.

Er schluckte viel, rauchte, trank, schmiß Trips, viel, viel zu früh für einen Jungen, damals, noch in der Pubertät. Aber niemand konnte ihn aufhalten.

Als es immer dichter wurde, die Ablehnung zuhause und auch im Kreise derer, in dem er sich befand, verschwand er eines Tages. Weg. Über Nacht. Mit 13 Jahren, das muß man sich mal vorstellen. Niemand wußte wohin. Er war einfach verschwunden. Selbst die Eltern wußten lange Zeit nichts. Alle Suchanzeigen blieben ergebnislos.

Ein Jahr dauerte es, bis er wieder auftauchte. In der Zwischenzeit hatten die Eltern Nachricht bekommen, ihn gefunden, ihn wieder zurückgeholt. Wo er war? Kaum zu glauben, wie er dahin gekommen ist, weiß Niemand, bis heute. Aber nach Indien war er verschwunden. Mit 13 Jahren, man glaubt es nicht. Er war tatsächlich in Indien, hat dort gelebt, nein, eigentlich nur überlebt. Denn auch das ist niemals richtig rausgekommen, was er da alles erlebt hat. Aber es war einfach zuviel für ihn und seine Seele. In dem Moment, wo er, so jung wie er war, dort im Gefängnis saß, ist er gestorben. Jede Möglichkeit aus seiner inneren Gefangenheit, seiner Seelenzerstörung herauszugelangen, war gescheitert. Niemand weiß, was er da wirklich alles eingeschmissen hat. Aber die Folgen waren verheerend.

Nach einem Jahr kam er wieder, ein alter Mann. Man konnte es nicht glauben. Verstört, desorientiert immer im Drogenrausch lief er von da an durch die Straßen. Von nun an war er immer allein. Sämtliche Therapien haben es nicht geschafft, einen halbwegs lebensfähigen Menschen aus ihm zu machen. Aber was heißt denn heute eigentlich schon lebensfähig? Sind all die lebensfähig, die es geschafft haben, Familie, Haus, Kinder, Beruf?

Wer beurteilt eigentlich, wer was und wie geschafft hat im Leben. Klar...nach den Anforderungen unserer Gesellschaft mit ihren Maßstäben hat er es nicht geschafft, der kleine Erwin. Langharig, ungepflegt, völlig in seinen Träumen lebend, irrt er Tag für Tag durch die Straßen, meistens mit einer Flasche in der Hand oder irgendwas eingeschmissen, immer noch.

Ich bin ihm oft begegnet in diesen letzten Jahren, immer wieder. Oft erkannte er mich gar nicht mehr, auch die anderen nicht. Nur manchmal, wie neulich, da hat er einen kleinen Lichtblick. Merkwürdig, wenn ich ihn sehe, heute, muß ich immer an die Worte aus der Bibel denken" Vor ihm verhüllt man das Gesicht, ein Mann mit Schmerz beladen, einer, der alles Elend kennt! Aber wahrlich, er nahm auf sich all unsere Sünden!" Genau diese Worte sind es, die mir jedesmal das Herz für ihn öffnen, wenn ich ihn sehe.

Ich meine..da sitze ich in dem Cafe, alles lauter gut situierte Leute um mich herum, und da kommt der Schmerzensmann auf mich zu, erkennt mich, redet mich gar mit meinem vollen Namen an. Wie er das noch weiß, bei all dem. Er bleibt stehen und begrüßt mich, ein irres Lachen in den Augen, sein Atem nach Alkohol riechend, seine Kleider..da fehlen mir die Worte. Aber er bleibt bei mir stehen. Nein..es ist mir keinen Augenblick peinlich, dass er mich meint.

Ich hab auch keine Angst, obwohl...ich erinnere mich in diesem Augenblick, wie er mal mit einem Messer auf mich zugekommen ist, einfach so, mitten auf der Straße... Gut, nichts ist geschehen, aber erschrocken hatte ich mich damals schon... Ich meine...er meinte ja nicht mich persönlich...damals...es war in ihm...diese Gewaltmöglichkeit, die er letztendlich, zumindestens meines Wissen nach, niemals ausgeübt hat, der kleine Erwin. Doch Angst war da, damals in diesem Moment.

Nu steht er da vor mir, der Schmerzensmann, alle Augen auf ihn gerichtet und erzählt mir, ganz plötzlich, wer weiß, wo es herkam, in diesem Moment, von damals, von seiner Zeit in Indien, den Drogen, den Männern, die ihn mißbraucht hatten, die ihn vollgestopft hatten mit den Drogen und dem Gefängnis, in dem er saß, menschenunwürdig. Das alles läßt er in einem Schwall aus sich heraus. Und dann ist er plötzlich wieder verschwunden, woanders, erzählt mir, dass er jetzt studiere in Kabul und zwar orientalische Wissenschaften. Dann lächelt er mich nochmal an und verschwindet, wie er gekommen ist. Mit seinem etwas zittrigen Schritten, schwankend nach rechts und links, nicht wissend wohin sein Leben geht, wo es enden wird.

So ist das mit den Schmerzensmenschen in dieser Welt. Es gibt soviele von ihnen, aus welchen Gründen auch immer. Aber auch sie sind wohl dankbar, wenn sie, auch wenn nur für einen Moment, einen Zuhörer finden, auch wenn ihre Geschichten noch so schrecklich, verworren und verwirrend sind.

Sie sind so zerbrechlich, diese Schmerzensmenschen. Zerbrechen wir sie nicht noch mehr! Ich weiß nicht, mich hat dieser Moment unglaublich berührt. Daher erzähle ich es hier. Einfach so.

Wer darf denn behaupten, welches Leben normal ist? Niemand. Alles hat seinen Grund und seinen Sinn, aber vor allen Dingen seinen Hintergrund. Manchmal sind die Hintergründe niemals mehr aufzuarbeiten, so ist das. Aber das ist auch Leben! Nur anders! Ob er es wohl merkt, denke ich noch! Ob er unglücklich ist? Ich weiß es nicht. Das wird diesen Menschen wohl immer ein Geheimnis bleiben und den anderen, vermeintlich Normalen und Gesunden auch. Aber jeder Mensch hat sein Geheimnis, oder?

Ich mag ihn, den kleinen Erwin..auch wenn ich nichts für ihn tun kann und er nicht für mich. Außer...das man lernen kann..zu respektieren, mehr nicht. Manchmal verlangt das Leben nicht mehr von uns! Und stimmt es nicht, dass sie so geworden sind, manchmal, sind nur die Sünden der anderen. Vielleicht ist Sünde nicht das richtige Wort, wird falsch verstanden. Vielleicht Schuld? Aber vielleicht ist auch dieses Wort nicht passend. Vielleicht einfach Fehler der anderen, Unterlassungen, Lieblosigkeiten, wie auch immer. Niemand wird so von alleine. Alles steht in Kontakt mit der Umgebung. Jeder trägt mit die Verantwortung!

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