
Wir haben das Sommerblut-Kulturfestival in Köln. Es begann am 6 Mai und dauert noch bis zum 21. Mai an. An drei Veranstaltungen habe ich bisher teilgenommen. Drei Abende hintereinander.
Im letzten Jahr hatte das Festival sein 15jähriges Jubiläum. Da ich in den letzten Jahren nicht in meiner Heimatstadt weilte, habe ich bisher nicht sehr viel davon mitbekommen. Daher bin ich in diesem ersten Jahr, in dem ich wieder in Köln lebe, voll eingesteigen. Anlaß zudem war auch der Besuch einer Freundin aus Paris, die extra für dieses Festival nach Köln gekommen ist. Ein Widersehen also mit ihr und meiner Freundin Zabaione, mit der ich in Paris bei Louisa und Vedran vor ein paar Wochen weilte. Es war eine Freude, Louisa hier wieder zu sehen, wenn sie auch am heutigen Morgen wieder abgereist ist. Ich mag Menschen, die einen weiten Weg auf sich nehmen, um zu schauen, was geschieht in anderen Städten, die noch die Neugier treibt auf die Welt und das bunte Treiben in ihr.
Mitwirkende an diesem Festival ist eine bunte Menschenvielfalt. Es zeigen professionelle Künstler, Menschen mit Behinderung oder sozialer Benachteiligung viele Facetten der Kunst in Form von Musik, Theateraufführungen, Tanztheater oder andere Performancen. Das macht es so spannend, dieses Zusammentreffen von Menschen aus unterschiedlichen Lebenssituationen.
Das Thema des diesjährig ausgerichteten Festivals ist der *Rausch* Die erste Assoziation die ich bekam in Verbindung mit diesem Wort waren merkwürdigerweise alle negativ beladen. Sofort fielen mir Drogen und Alkohol dazu ein und der Zustand nach einem Rausch nach dem Geniessen einer der beiden Rauschmittel ist zumeist ernüchternd, oft auch quälend, manchmal jedoch auch vielversprechend, weil ein Rausch den Menschen doch immer auch vergessen läßt, wie die Realität wirklich ist, eine Flucht also. Wer flüchtet und vergessen will, will aber noch mehr vom Rausch und dann kann es schnell zur Sucht nach immer mehr werden. Jedenfalls hab ich das in ganz jungen Jahren selber erfahren. Und es ist auch bekannt, dass mehr und mehr letzten Endes den Genuss nicht steigert, sondern die Wirkung nachläßt und am Ende ist es so, dass das Rauschmittel nur noch als Mittel zur Bekämpfung der Entzugserscheinungen benutzt wird. Das ist egal ob es Drogen, Alkohol, Sex, oder andere Rauschmittel sind, wie z.B. auch der Extremsport, mit denen sich Menschen in rauschähnliche Zustände verfrachten. Wer sich nicht unter Kontrolle hat, der erliegt dem Rausch und den damit verbundenen Gefahren. Am Ende ist er nicht mehr der der alles kontrolliert, sondern das Rauschmittel selbst kontrolliert ihn. Das ist für mich jedenfalls eine schreckliche Vorstellung, abhängig zu sein, nicht mehr selbstbestimmt entscheiden können, aber vor allen Dingen auch, das Geniessen zu verlieren, das Besondere, das ich mir vielleicht das ein- oder ander Mal gönne.
Hab überlegt, wann ich mich selber mal in der letzten Zeit in einem Rauschzustand befunden habe und musste sofort an meine Touren mit meinem Radel denken. Wenn ich da so mutterseelenallein durch Wald und Flur streife, Sonne am Himmel, mohnblühende Felder neben mir, der Himmel so blau und ich fahre und fahre, kann mich bewegen, die Hände vom Lenker nehmen, freihändig fahren, allein, glücklich dass ich die Welt auf diese Weise anschauen kann. Das ist schon so ein Rausch an Gefühlen, den ich gerne mitnehmen möchte in meine Alltagswelt. Es beflügelt mich, macht den Kopof frei, läßt erkennen, was sonst nicht gesehen wird. So erfahre ich es zumindetens oft. Ich bin der König der Welt, so denk ich dann manchmal und lache vor mich hin und wünsche, dass es nie zu Ende geht und ich möchte am liebsten auch tatsächlich immer weiter fahren durch die ganze weite Welt.
Aber auch meine Musik, der ich, muss ich zugeben, regelrecht verfallen bin, versetzt mich oft in einen Rauschzustand. In der Musik kann ich mich vergessen, mich ganz fallen lassen in den Rhythmus, die Beats, die Solis der Gitarren und dem Klingen der anderen Instrumente, die leisen, wilden, explodierenden Klänge, je nach meiner Stimmung. Es gibt Zeiten, da soll für mich die Musik nicht aufhören.
Also, wenn ich nochmal zusammenfasse, dann könnte ich aufzählen Rausch kann erzeugt werden von Drogen, Alkohol, sportlichen Extremleistungen, Sex, Liebe, Geld, Macht, shoppen (so wie es heutzutage gern bezeichnet wird. Es gibt sicherlich noch viele andere Möglichkeiten, das ist mir klar, ich kann sie nicht alle aufzählen. So hat sich das Kulturfestival dieses Jahr den verschiedenen unterschiedlichen Facetten zum Thema Rausch gewidmet. Es kann ja auch jeder hinschauen, was ihn selber in einen Rauschzustand hineinzieht, der ihn aus dem eigenen ständigen Kontrolliertsein herausreißt.
Mein erster Besuch war die Veranstaltung: You.Here.Now.
Konfrontiert mit einer Installation, wurde uns vor Augen geführt, was die tägliche Bilderflut im Internet mit dem Menschen macht, ihre Wirkung auf uns selbst.
Der zweite Besuch gehörte dem Figurentheater Cipolla. Sie zeigte die Schachnovelle von Stefan Zweig in einer ungewöhnlichen Art und Weise mit ihren handgefertigten Puppen, puristischer Bühnenlandschaft und einem Cello, sowie einer klingenden Säge. Ich hatte das Buch vor vielen vielen Jahren gelesen, die Essenz war mir schon noch präsent, jedoch war ich damals beim Lesen nie auf den Gedanken gekommen, dass der schachspielende Dr. B sich in seiner Gefangenschaft regelrecht in einen Rausch spielte. Ein Rauschzustand der ihn jedoch bewahrte vor dem Verrücktwerden in monatelanger Einzelhaft, in der er sich selber die Frage stellen musste, was ist grausamer für ihn, die seelische oder die körperliche Grausamkeit. Jedoch, wie wir die Leser der Geschichte es sicherlich wissen, gerät Dr. B vom zuerst positiv auf ihn einwirkenden Rauschzustand des Schachspiels in einen fast selbstzerstörerischen Rausch, die das Spiel auf ihn ausübt, genau an dem Punkt, wo er begann gegen sich selbst zu spielen, weil das Büchlein der 150 Schachpartien, die er einem Wärter aus seiner Manteltasche entwendet hatte, von ihm allesamt durchgearbeitet waren, er sie im Kopf hatte und in allen möglichen Variationen immer und immer wieder durchgespielt hat. Es half nichts mehr, es gab nur den einen Ausweg gegen sich selber zu spielen.
An meinem dritten Abend gab es dann eine Theaterperformance zum Thema *Kontrolle - Ich habe Weinen getränt -
Ich finde einen Kellerraum vor, der mit vielen Sitzplätzen ausgestattet ist und setze mich in die erste Reihe. Vor mir die Bühne, ganz in einem altrosa daherkommend. Aufgestellt viele leere Tische. Es erscheinen nacheinander Protagonisten, die sich damit beschäftigen, die Tische zu säubern. Einer geht, ein anderer kommt. Schon scheint sich der Perfektionismus und Kontrollwahn zu zeigen. Es kann gar nicht sauber genug sein. Es gibt immer einen Menschen, der das, was schon geschehen ist, noch einmal kontrolliert und meint, irgendetwas zu finden, was noch verbessert werden muß. Jedenfalls waren das meine Gedanken bei dem Schauspiel, das sich eine Zeitlang wiederholt.
Dann kommt eine Frau auf die Bühne, holt sich einen der Stühle setzt sich und dazu erklingt ein Musik, die eher ein Rauschen ist. Die Frau entpuppt sich als Gebärdendolmetscherin und erklärt den Vorgang, was geschieht und was zu hören ist. Ich bin ganz fasziniert von dem Zeichen für Rauschen und merke es mir direkt.
Dann beginnt es. Nacheinander betreten ganz unterschiedliche Darsteller die Bühne, laufen zu einem Tisch, auf dem eine Vielzahl von Utensilien stehen, von denen sich jeder eine Anzahl nimmt und stoisch zu einem der Tische geht. Dort setzen sich je zwei davor und fangen an, diese Utensilien, die sich als ein zusammensetzbares Plastiksektglas entpuppen, diese zusammenzusetzen. Sie machen das eine ganze Weile, zusammensetzen, auseinandernehmen, zusammensetzen, bis sie am Ende die Gläser fertig auf einen Servierwagen stellen, der dann, die Türe zum Kellerraum öffnet sich, von einem Helfer abgeholt werden. Die Darsteller verschwinden, um jedoch nach einer Weile sogleich im selben Rhythmus und Abfolge dieses Geschehen zu wiederholen.
In dieser Darstellung sind die Gesichter der Protagonisten stumm, ihre Gesichter erloschen, geradeaus schauend und dennoch nichts im Blick haben, so empfinde ich es. Auch ihre Bewegungen sind stumpf und starr, sie handeln aber es wird keine Lebendigkeit sichtbar, wie eine Maschine. Ich muss sagen, weil dieses ganze Procedere sich einige Male wiederholt und ich dennoch davon regelrecht hingesogen werde, spüre ich auf meiner Brust so etwas wie Bedrückung. Eine Angst kriecht in mir hoch. Dabei passiert ja eigentlich gar nichts Furchtbares auf der Bühne. Nur eine immer wiederkehrende Folge von Kommen, Utensilien holen, sich setzen, anfangen zusammenzusetzen, auseinanderzunehmen, irgendwann fertig werden, die Gläser auf den Servierwagen, der wieder abgeholt wird und das Verlassen der kleinen Bühne.
Aber es schafft Beängstigung, weil es an die Monotonie des Lebens erinnert, oft ist sie ja da. Ich seh jeden Tag die Gesichter der Menschen auf den Strassen, auch oft ohne Lebendigkeit, die Augen müde vom erledigten Tageswerk, keiner kommt heraus aus dem Hamsterrad. Ich selber erinnere mich auch an die Zeiten meines eigenen. Ich weiß schon, dass sich nicht gänzlich aus diesem Hamsterrad befreit werden kann. Dennoch kann etwas geschaffen werden, ein Gegengewicht. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Immerhin hab ich das immer geschafft, so denke ich während des Schauspiels, das sich vor meinen Augen abspielt. Und ganz sicher war ich für meine Umgebung daher nicht immer so ganz einfach. Wer sich ein Stück Freiheit erkämpfen will, der muss auch Ablehnung in Kauf nehmehn. So meine Erfahrung.
Die Protagonisten, da vorne auf der Bühne, entdecken plötzlich auch eine Lust auf etwas ganz Anderes, etwas, dass sie aus dieser Monotonie herausholt. Die Musik, ein Schlagzeuger der hinten in der äussersten Ecke sitzt, beginnt plötzlich heftig den Rhytmus anzugeben, ein tanzbares Musikstück ist zu hören und plötzlich stehen alle auf und beginnen jeder auf seine ganz eigene Weise sich im Rhythmus zu bewegen. Die einen zappeln kantig, andere wieder harmonisch in weichen Bewegungen, andere wollen hoch hinaus und steigen auf die Tische, wieder ein anderer liegt am Boden und spielt dort mit seinem Körper zu der Musik. Erleichterung bei mir als Zuschauer. Da gibt es etwas, was die Menschen in einen Rausch versetzt. Tanzen, ja Tanzen.
Tanzen, ja, das kann wie ein Rausch werden. Stundenlang zur Musik bewegen, so wie es einem gerade danach ist. Tanzen, sich der Musik hingeben, läßt einen für eine kleine Weile das Leben in der Monotonie vergessen. Ich sehe vor meinen Augen Menschen, die in ihrer Freizeit in die Clubs gehen und sich dem hingeben. Ich verstehe das. Merkwürdig, dass nur noch die Jungen sich dort einfinden. Die Alten haben keinen Mut mehr. Einige gehen manchmal in späte Tanzstunden, um mit ihrem Partner etwas gemeinsam zu machen. Für mich wäre das nichts. Das kann schon schön sein, das verstehe ich. Aber es geht doch nichts über das wilde, ungebändigte Tanzen, in dem der Mensch mal nicht Irgendjemand oder Irgendetwas Folge leisten muß. So empfinde ich das jedenfalls.
Die Welt vergessen, ganz bei sich sein, nur die Musik und du selber. Das ist ein unglaublich schöner Rausch. Und ich erinnere mich an den Moment, wo ich ewig lange mich nur im Kreis gedreht habe, wie ein Suffi, der in seinem selbstvergessenen sich Drehen plötzlich entdeckt, er ist mit der Ewigkeit verbunden.
Dann ist plötzlich Stille. Die Musik hört auf, alle erwachen wie aus einem Traum. Dennoch meine ich an ihnen zu entdecken, sie haben etwas mitgenommen, jeder einzelne. Sie können nun wieder ihren Verrichtungen nachgehen. Sie haben Kraft geschöpft. Es braucht ja Kraft, um den Verpflichtungen des Lebens nachzugehen.
Dennoch, wenn sich da vor meinen Augen die Wiederholung der Monotonie abspielt, entdecke ich wieder diese kleine gewisse Ängstlichkeit davor in mir, auch eine Form von Trauer. Aber diese Angst ist nur die Angst davor, dass es so weiter geht wie vor dem Rauscherlebnis. Denn es ist nicht schlimm, Verpflichtungen zu haben, Arbeiten zu verrichten, es geht darum, wie wir an sie herangehen und woher wir die Energie bekommen. Holen wir sie uns, woher auch immer, können wir mit einem anderne Bewusstsein an unsere Tätigkeiten gehen und sie lassen uns dennoch lebendig erscheinen. Die Angst ist nur die die Angst vor dem Sterben, bevor wir tot sind, ja, so habe ich das empfunden.
Das Stück ist aus, vorbei. Ein letztes Mal wurden die Sektgläser zusammengesetzt. Aber dieses Mal bleiben sie auf den Tischen stehen. Die Türe öffnet sich, herein kommen Helfer mit gefüllten Tabletts voller Gläser mit prickelndem Sekt. Vorbei, Entspannung, eine Überraschung auch hier, die uns Zuschauer herausholt aus der Monotonie des Zuschauens. Sofort gehen die Lichter an, auch die Protagonisten versammeln sich unter Applaus auf der Bühne und schauen lachend ins Publikum. Sie können gewiss stolz sein und sich freuen über ihre Darbietung. Sie war stark, einfühlsam, wachrüttelnd und nachdenklich. Mir hat es sehr gefallen.
Ein gelungener Beitrag zum Thema Rausch! Es hat sich gelohnt dieser Abend, der für mich und meine beiden Freundinnen noch weitergeht. Wir spazieren zu einer Tapasbar und lassen es uns gut gehen. Dort klingt der Abend dann aus. Louisa aus Paris wird am nächsten Tag schon in der Früh im Zug sitzen und ihre Heimreise antreten. Zabi, die Liebe, die mich trotz ihres anstrengenden Tages noch heimfährt, wird morgen wieder in ihrer Diensttätigkeit versinken. Ich rechne es ihr hoch an, dass sie trotzdem diesen Weg für mich macht und mich sicher zu Hause abliefert. Ich habe ein klein wenig ein schlechtes Gewissen, weil auf mich keine Monotonie wartet am nächsten Tag. Ich kann das tun, wonach mir ist, bis auf ein paar kleine Dinge. Ich bin glücklich. Glücklich, dass ich an diesen Veranstaltugnen teilnehmen darf, glücklich, dass ich so liebe Menschen um mich hatte, glücklich, weil ich mein Leben so liebe.
Die Botschaft ist auf jeden Fall, Mensch, sei nicht ständig so kontrolliert, lass dich nicht ständig kontrollieren, brech einfach mal auf und tu etwas, nimm einen Rausch in Kauf, der Dir etwas geben kann, dass du brauchst für die nächsten Schritte in deinem Leben!
Ich bin gespannt auf noch weitere Darbietungen.
Was noch alles zu sehen ist, erfährt man hier:
http://2017.sommerblut.de/events/