ein aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt sieht einfach alles, natürlich auch alles, was ihn selber betrifft. Manchmal eben auch das nicht so Schöne. Das ist nicht immer einfach, so ein Leben, ständig bist du damit beschäftigt, zuzulassen oder auszusortieren, was ist wichtig und was brauchst einfach nicht. Fakt ist immer erstmal, du sieht alles, einfach alles. Und das macht es schwerer, manchmal das Leben. Vielleicht aber auch reicher, manchmal bin ich mir gar nicht so sicher, ob es ein Vor- oder Nachteil ist. Jedenfalls ein Gar-Nix-Merker möcht ich niemals sein. Denn wer nix merkt, kann auch nix verstehen. Das ist doch so, oder?
Neulich, da spazierte ich mal wieder so gemütlich vor mich hin. Das ist schön, wenn du Zeit hast, selbst wenn eine Pflicht vor dir liegt, diese ungemein drucklos oder hektisch erledigen zu können.
Ich spazierte also, weil ich noch Zeit hatte, zuerst einmal eine kleine Runde durch die Strassen. Die Sonne schien, es war warm, endlich, und schaute mal hier mal da in die Umgebung. Da näherte ich mich einem mir voranschreitenden Päärchen. Vorausgeschickt, ich konnte nicht wissen, was es für ein Päärchen wahr. Daher nahm ich an, es war ein frisch verliebtes. Jedenfalls, alles, was sie so miteinander taten, wie sie da so Arm in Arm daherschritten und sich erzählten und neckten, pufften, sich los ließen, wieder in den Arm nahmen, hin- und wieder, legte er den Kopf auf die Schulter der Frau, naja, eben alles, was man so tut, wenn man miteinander spazieren geht, sich mag und die Nähe des Anderen genießt.
Sie fielen mir auch deswegen auf, weil sie so gar nicht dem *üblichen Schönheits- und Perfektionnismusideal des Menschen* in unserem Zeitgeist entsprachen. Ich persönlich verdreh ja immer die Augen, wenn ich so manche, vorwiegend Männer, über das Bild, dass sie von einer Frau haben, reden. Wer wie und warum und wo schön ist und wer nicht. Denke oft, meine Güte, so haben meine Kinder nicht geredet, in keinem Stadium ihrer Entwicklungsstufen. Manche Leuts werden einfach nie erwachsen bzw. reich an Geistesgröße. Was nicht bedeutet, dass auch ein Erwachsener das Kind in sich bewahren sollte. Aber damit ist ganz sicher etwas anderes gemeint. Frauen hört man weniger urteilsmässig über das Schönheitsempfinden bei Männern reden. Mich persönlich interssiert das Aussehen eines Menschen recht wenig, Es gibt andere Kritierien, warum ich einen Menschen mag oder nicht.
Jedenfalls, um ein Bild von den Beiden mir da Voranspazierenden zu geben, er war sehr kompakt, was die Körperfülle anbelangt und hinkte mit einem Bein neben der Frau her. Kleidungsmässig nun auch nicht nach der neusten Mode ausgestattet, eher so zweckerfüllend. Jeanshose, lockeres, weites, graues T-Shirt oben drüber, fertig. Sie ebenfalls mehr als kompakt, besonders die untere Hälfte schien vom guten Essen zu profitieren. Auch ihre Kleidung betreffende Angezogenheit reduzierte sich auf bequem und unspektakulär. Eine schwarze weite Hose und eine locker graue Bluse bedeckten ihren recht fülligen Körper. Und während ihres Neckens und Knuffens, stießen ihre fülligen Körper, auch bedingt durch die Gehbehinderung des Mannes, immer mal wieder aneinander und ich hatte das Gefühl, sie mussten Beide ihr Gleichgewicht im Nebeneinander und Miteinander Hergehen immer mal wieder erneut finden.
Aber das ist ja alles nicht so wichtig. Also, das Aussehen der Beiden, aus den anfangs geschilderten Gründen. Für mich jedenfalls. Daß die sich mochten, das war doch das Schöne. Mir wird immer ganz warm ums Herz, wenn ich Verliebte, Liebende sehe. Ich kann mich da so was von mitfreuen. Wenn ein Mensch einen anderen gern hat, ihn liebt, dann ist es wurscht, ob er dick oder dünn ist, klein oder groß und ganz und gar eben, ob er dem Urteilsmaß des allgemeinen Bildes, dass die Zeit von Schönheit vorgibt, entspricht. Das wichtige, was ich erzählen will, ist eigentlich die Geste, die der junge Mann plötzlich tat und das, was daraus folgte.
Ich lief also eine ganze Weile ganz still hinter ihnen her, einfach auch, weil ich nicht schneller war, aber auch ein wenig, weil es mir gefiel, einfach urteilslos die Beiden da vor mir zu sehen. Nur sehen, was sich da so abspielte.
Wir kamen an einer Stelle vorbei, die rechts ein langgezogenes abgrenzendes Blumenbeet aufwies, in dem kleine Pflanzen aber auch große Büsche, wie Rhododendron und Hortensien wuchsen. Der Rhododendron blühte in voller Pracht. Herrlich anzuschauen, in allen Farben, weiß, rosa, dunkelrot.
Der junge Mann löste sich plötzlich aus der Umarmung der Frau und pflückte, haste nicht gesehen, blitzschnell eine Blüte des Rhododendrons ab und reichte sie der Frau. Ach wie nett, dachte ich so bei mir und lächelte stillvergnügt vor mich hin. Wirklich liebenswert, wildromantisch diese kleine Geste, so empfand ich sie jedenfalls. Die Frau nahm die Blüte, ich konnt ja nun nix von vorne sehen, und ebenso blitzschnell wie der junge Mann sie gepflückt und ihr sie überreicht hatte, gab sie ihm sie wieder zurück. Ob sie jetzt nun daran gerochen hatte und der Duft ihr nicht gefiel, ich weiß es nicht, warum auch immer, sie sie ihm zurückgab. Ich überlegte kurz, ob sie etwas dazu gesagt hat, hören konnte ich ja auch nichts, dafür war die Entfernung zu weit. Es passierte nun aber genauso, er nahm die Blüte zurück, hielt sie noch einen Moment und dann warf er sie mir nix dir nix einfach wieder neben sich in das Blumenbeet. Danach gingen die Beiden auch nur noch einfach so nebeneinander her. Geredet haben die auch nicht mehr, jedenfalls kontne ich das anhand ihres Gebahrens nicht annehmen. Ich weiß ja nun nicht, wie das zwischen den beiden weitergegangen ist, danach.
Ich war richtiggehend geschockt. Ehrlich. Warum, dachte ich so bei mir. Das sind ja so Momente, wo du wirklich aufpassen musst, dass da jetzt nicht geschwind ein Gedanke kommt, ein Urteil oder einfach so ein * was biste du für eine blöde Kuh*, ist doch so, manchmal will einem das wenn nicht über die Lippen gehend, aber im Kopf ist das da schon mal drin. Ich hab zwar nicht blöde Kuh gedacht, sondern einfach nur, *wie doof von der* So. Erwischte mich natürlich sogleich auch mit den Entschuldigungsgründen ihres Handelns. Vielleicht hat se Allergie, oder kann Rhododendron einfach nicht ausstehen, Himmel Herrgott, so ging es hin- und her in meiner Gedankenwelt, Roeschen, Roeschen, mach hier nen Punkt, überhol jetzt die Beiden und gut ist. Geht dich eh nix an und wissen warum es so geschah, wirst du nie herausfinden. Könnte ich natürlich, einfach mal fragen beim Überholvorgang, wieso wollten sie die Blume nicht. So frech kann ich ja schon mal sein, in diesem Falle hatte ich jedoch davon abgesehen. Man weiß ja nie, was da auf einen zukommt an Lebenspotential, das einem dann erzählt wird oder natürlich auch ein* Das geht sie ja mal gar nichts an und grimmig angeguckt wird.
Ich hatte da jedenfalls in diesem Moment keine Lust drauf. Ich zog mit meiner Gehgeschwindigkeit an, überholte sie von links, wie ein schnelleres Auto, drehte mich kurz um und fiel dabei jetzt aus allen Wolklen. Das war gar kein verliebtes Päärchen, hahaha, sondern wohl Mutter und Sohn. Den jungen Mann schätze ich auf kurzen Blick so um die 16 Lebensjahre, die Frau dagegen so Anfang 50. Konnt ich ja schließlich von hinten nicht sehen. Ich sah ja nur ihr Gezärtel miteinander. So kanns gehen. Ist ja auch so, manchmal geht man hinter einer Frau her, mit langem wallenden Haar und denkt, wow , was hat das junge Ding für schönes Haar und dann sieht man sie von vorn und ist ganz überrascht, wenn sich hinter dem langen Haar eine alte Dame oder jedenfalls eine mindestens 50 oder 60jährige präsentiert. Kann man ja nicht erkennen, von hinten, nur am langen Haar. Langes Haar sagt noch gar nix aus über den Menschen, jedenfalls von hinten. So erliegt man Täuschungen. Da ist ganz sicher schon so mancher der Herren, die sich von der langen Pracht von hinten haben einfangen lassen, dann beim Vorderanblick enttäuscht gewesen,-) Selber schuld, sollen sie nicht immer ihren Projektionen erliegen. So wie auch ich an diesem kleinen Geschehnis meiner Projektion erlegen war in Bezug auf verliebtes Päärchen.