Neulich hatte mir ein netter Mensch einen Film empfohlen, den ich unbedingt schauen sollte, all die weil, wir hatten ein Gespräch über John Travolta und ich sagte zu seinem schauspielerischen Können und Auftreten ein *naja*. Zugegeben, manchmal passiert das ja, man sagt etwas über Etwas oder Jemanden, obwohl man gar nicht allumfassend informiert ist, nur bruchstückweise etwas kennt. Natürlich passiert mir das auch. Und so war es in diesem Falle. So kam es, dass ich mir diesen Film anschaute ( Lovesong for Bobby Long) und wurde zum Besseren belehrt, was die schauspielerische Leistung und das Auftreten John Travoltas betrifft, der einfach grossartig in seiner Rolle als Bobby Long zu sehen war. Respekt. Aber ich will ja jetzt nich von dem Film erzählen, obwohl ich ihn hiermit sogleich an alle, die ihn noch nicht geschaut haben, unbedingt weiter empfehle.
Ich will hier eigentlich ein Buch hervorheben, dass unbedingt gelesen werden sollte. Auch hier muss ich zugeben, es betrifft ja einen alten Klassiker, dass ich mal wieder erst zur späten Zeit meines Lebens dazugekommen bin, es in die Hand zu nehmen. Obwohl ich es natürlich von Berufs wegen schon zig mal in der Hand gehalten hatte und immer dachte, Roeschen, Roeschen, du musst das unbedingt lesen. Jetzt hab ich es geschafft, obwohl ich es aus den Augen verloren hatte, gab mir der vorher angesprochene Film mit Travolta einen Schubs. Dort tauchte das Buch nämlich auf. Ich schielte sofort auf den Buchtitel, das eine Protagonistin des Films in die Hand nahm und dachte, achja, sieh mal an. Und am nächsten Tag lief ich in die Buchhandlung meines Vertrauens und erstand ein schönes Exemplar.
Zuhause angekommen, verkrümelte ich mich sofort auf meinen schönen Balkon, das Wetter lud ja dazu ein und hielt Carson Mc Cullers "Das Herz ist ein einsamer Jäger" in der Hand, schlug es auf, vertiefte mich in die ersten Zeilen und konnte es nicht mehr loslassen. Obwohl es fast 600 Seiten umfaßt, las ich es in zwei Tagen aus. Ich kann dann einfach nicht aufhören, wenn mich etwas fesselt, egal ob Buch, Mensch oder irgendein anderes Ding, es los zu lassen. Ist so.
Die Geschichte, die Mc Cullers hier erzählt, spielt Ende der 30er Jahre in Georgia und erzählt die Geschichte des Taubstummen John Singer. Er lebt mit dem ebenfalls taubstummen Spiros Antonapolous zusammen, der im weiteren Verlauf der Geschichte eines Tages in die Irrenanstalt eingeliefert wird, weil er für die Gesellschaft nicht mehr tragbar ist und eine Gefahr darstellt. Um Singer herum werden die Lebensgeschichten weiterer Menschen erzählt, die allesamt mit Singer in Kontakt sind, all die weil sie sich oft in seiner Stube versammeln, in der er zumeist vereinsamt sich seinem Schachspiel widmet und gegen sich selber spielt und umkommt vor Sehnsucht nach seinem verlorenen Freund Antonapolous, und ihm von ihrem Leben erzählen, ihren Erlebnissen, Sehnsüchten, Träumen und Gedanken zum Geschehen in der Welt.
Da ist das junge Mädchen Mick Kelly, die aus dem sie beschwerenden Familienleben, in dem sie sich ebenso einsam fühlt, wie Singer ohne seinen Freund und sich in ihre inneren Welten und ihrer Liebe zu Musik zurückzieht und oft, auch wenn sie dabei ihre jüngeren Geschwister im Schlepptau hat, durch die Gegend zieht und sich irgendwo versteckt, um sich in ihre Träume zu versenken. Sie hat mir auch die Liebe zu Beethovens 3. Sinfonie geschenkt, die ich zwar kannte, aber in den letzten Tagen wieder und wieder gehört habe.
Dann gibt es den Farbigen Dr. Copland, der umgeben von einer Flut von Bücherwelten versucht gegen den Rassismus in dieser Zeit entgegen zu wirken. Seine Gedankenwelt diesbezüglich ist inspiriert von Karl Marx, dessen Buch er in- und auswendig kennt. Aufopfernd stellt er sich seiner Berufung den Bedürftigen zu helfen, ohne auf sein eigenes Wohl zu achten.
Wir treffen auf Portia, der Tochter von Copland, die ihren Vater regelmässig einmal in der Woche besucht und für ihn kocht und versucht in dieser Zeit ohne Streit mit ihm auszukommen. Er war und ist kein einfacher Mensch und Familienvater gewesen. Die drei weiteren Söhne Coplands haben keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater.
Da ist Biff Branon, der eine unglückliche Ehe mit seiner Frau Alice führt und sie am Ende an den Krebs verliert und ihm nur noch die melancholischen Erinnerungen an die guten Zeiten seiner Ehe als Erinnerung bleiben. Die Beiden hatten gemeinsam ein Restaurant geführt, in dem auch John Singer nach dem Verlassenwerden von seinem Freund Tag für Tag seine Mahlzeiten einnimmt.
Dort treffen wir auch auf Jake Blount, der sich tagelang dort betrinkt und in seinem besoffenen Zustand wutentbrand über die Ungrechtigkeiten der Welt schwadroniert und wieder und wieder versucht alle Menschen von der einzigen "Wahrheit" zu überzeugen und sie dazu zu bringen, etwas dagegen zu tun.
All diese Menschen führt McCullers mit ihren Lebensgeschichten hier zusammen und verknüpft sie. Es ist mit eines der besten Bücher, das ich nun gelesen habe, weil es immer noch aktuell ist. Unaufhörlich weiter noch herrschen Ungerechtigkeit, Gier, Egoismus, Macht und Rassismus in unserer Welt, auch wenn sich insgesamt weltweit Vieles auch zum Guten verbessert hat. Ich möchte jedenfalls in keiner anderen Zeit gelebt haben. Und niemals darf der Mensch aufhören dagegen anzukämpfen, egal welche Schritte er dazu benutzt, auch die kleinsten helfen auf ihre Weise etwas zu verbessern um das Leben des Einzelnen etwas menschlicher erscheinen zu lassen.
Ich habe mich, wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, das ja immer mal wieder geschieht aufgrund der aktuellen Geschehnisse, in jedem der Protagonisten ein klein wenig selber wiedergefunden. In der heranwachsenden Mick Kelly, die sich in ihre eigenen Welten zurückzieht, um das Schwere von Außen zu vergessen und ihren Träumen und Sehnsüchten nachhängt, aber niemals vergißt dennoch bodenständig das ihre zu tun, in dem schwarzen Arzt Dr. Copland, der umgeben von seinen Bücherwelten, hin- und wieder vergeblich versucht, gegen sichtbare Ungerechtigkeiten, die an Menschen verübt werden, anzugehen, manchmal, zwar weniger, aber auch, in Jake Blount, in dem ich in jungen Jahren auch oft versucht habe, mit Reden andere zu überzeugen, wie und was man tun kann und sollte, bevor ich verstanden habe, dass das nicht weiterbringt und ich nur für mich handeln kann.
Aber vor allen Dingen in John Singer, der ein guter Zuhörer der Lebensgeschichten anderer Menschen war, obwohl er Vieles von dem, was er hörte auch nicht verstand. Aber wir wissen ja, was wir im Moment vom anderen nicht verstehen, geht uns oft später auf, nachdem wir sie mehr und mehr kennen- und schätzen gelernt haben, erst dann wissen wir meistens, warum sie an diesem oder jenem Zeitpunkt ihres Lebens so gehandelt, gedacht und geredet haben. Das ist wichtig finde ich. Es darf niemals an oder in einem Urteil über einen Menschen stehengeblieben werden. Wir würden uns dem Wunder des Menschen verschließen. Der Mensch ist mehr, was wir nur in einem Moment eines Geschehens an ihm wahrnehmen.
Die Autorin Carson McCullers verstarb 1967, nur 50 Jahre zählte ihr Leben. Und Tennesse Williams sagte einmal über sie:
"Carsons Herz war oft einsam, und es war ein unermüdlicher Jäger auf der Suche nach Menschen, denen sie es anbieten konnte, aber es war ein Herz, das mit einem Licht gesegnet war, das seine Schatten überstrahlte."
Wunderbar! Da kann sich nur gewünscht werden, einem solchen Menschen zu begegnen
oder vielleicht auch selber einer zu werden.
Ein schönes Buch, voller Wahrheiten über die Wirklichkeit des einzelnen Menschen und des Weltgeschehens. Es lehrt uns, zu tun, was zu tun ist, aber auch anzunehmen was ist.