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Der Junge muss an die frische Luft

Eigentlich wollte ich mit Omma ins Kino gehen. Der Oppa ist nämlich vor Weihnachten verstorben. Die Omma ist tapfer. Sie ist zwei Jahre jünger wie der Oppa. Der Oppa ist 92 Jahre alt geworden. Ein stattliches Alter. Und ein gutes Leben. Er hat nicht leiden müssen. Er ist ganz einfach *mitten aus dem Leben* so sagte die Omma es uns, gegangen.
 
Wir mußten alle schmunzeln bei diesem Satz *mitten aus dem Leben mit 92* Aber sie hat es so empfunden, die Omma. Wir irgendwie auch. Der Oppa war noch bis zum letzten Tag recht mobil, vor allen Dingen im Kopf. Hat sich noch mit tausend Sachen beschäftigt, aber dann kam er ganz einfach so mitten im Leben, der Gevatter Tod und hat ihn geholt. Wir haben alle geweint. Das ist doch klar. Aber dann war es auch gut. Wir haben wieder gelacht und uns gefreut, dass wir ihn gehabt haben, den Oppa. Die Omma ist auch tapfer. Voll tapfer. Sie hätten ja damit gerechnet. Sie Beide. Haben viel darüber gesprochen. Wenn einer zuerst geht. Wie es für den anderen weitergehen soll. Gut weitergehen soll es. Haben sie beschlossen. Es geht mit der Omma auch gut weiter. Sie ist super tapfer. Und wir sind ja alle da. Ihre Kinder, ihre Schwiegerkinder, auch die nicht mehr Schwiegerkinder, die Enkel und das erste Urenkelchen. Das kann zwar noch nicht viel tun. Das machen wir ja. Aber es kann die Freude ins Herz schenken. Das kleine Leben. Und das hat es auch getan. An Weihnachten. Die Omma war glücklich. Ein Urenkel ist da.
 
Aber ich hole wieder weit aus. Mit Omma Kaffeeschnuddelchen wollte ich und dann anschließend ins Kino. Sie wollte auch. Zuerst. Aber dann, beim Kaffetrinken zog das Unwetter auf. Dicke Hagelkörner, wechselnd mit Regenschauer. Und ein Sturm, der sich gewaschen hatte. Lieber nicht. Sagte sie dann. Ein ander Mal. Wir haben dann weiter Kaffee getrunken und erzählt. Von Heute und von Gestern. Vom Morgen nix. Jedenfalls nix Weltbewegendes. Geht ja auch gar nicht. Was soll man schon von Morgen reden, wir haben ja gesehen. Es geht sehr schnell mit dem der Welt verlorengehen.
 
Bin dann allein. Ins Kino. Nur später. Als der Film aus war, dachte ich, schade Omma, dass du nicht dabei warst. Er hätte dir gefallen. Ich hol das mit ihr nach. Schau ich ihn halt noch einmal. Man kann ihn sowie immer wieder gucken. Es wird ganz sicherlich nicht langweilig.
 
Mit Bus und Bahn war ich trotz des Unwetters recht schnell in eines meiner Lieblingskinos. Dem Cinenova in Ehrenfeld. Da läuft er unter anderem. Natürlich viel zu früh. Wie immer. Viel viel zu früh. Über eine Stunde hatte ich noch Zeit. Das war nicht schlimm. Da sitzt ich eben rum, lese in der Zeitung, die ich in der Tasche hatte und als die Lust darauf vergangen war, guckte ich einfach so um mich herum und ließ die Füße baumeln. Später dachte ich, dass mit den Füßen baumeln lassen, paßte auch zum Film. Denn ein ganz klein bisschen bin ich, und nun kommen wir zum Film, auch ein Kind geblieben wie der Hape Kerkeling.
 
Der Junge muß an die frische Luft, dass sagte nämlich der Oppa im Film zum Hans-Peter, der später einfach zum *Hape* wurde, als er dann groß war und auf der großen Bühne der Unterhaltung seinen Platz gefunden hatte. Oscarpreisträgerin Caroline Link *Nirgendwo in Afrika, wohl jedem bekannt, hat Hape Kerkelings Autobiografie *Der Junge muss an die frische Luft* verfilmt, und zwar wunderbar gelungen, wie ich finde.
 
Der kleine Hans-Peter, gespielt von Julius Weckauf sollte nach meinem Ermessen einen Oscar für diese Rolle bekommen. Nicht, dass er sehr genau dem Bild des wirklichen kleinen Hans-Peter in den Kinderjahren ähnlich ausschaut, nein, auch, weil er genau, jedenfalls davon bin ich überzeugt, den Charakter des kleinen Hans-Peter 1:1 wiedergespiegelt hat. Jedenfalls weiß man das, wenn man auch die Erzählung von Kerkeling in seinem Buch selber verfolgt. Ich konnte gar nicht genug von dem kleinen Hans-Peter hören und sehen. Allerliebst. Wie man in dem Jungen das schon sah, was er später geworden ist. Evje an Dampen, Gisela, Günther Warnke, Hannilein, Horst Schlämmer und und und... In so viele Rollen ist er geschlüpft und hat aufgezeigt, wie gut Unterhaltung sein kann.
 
Wild, bunt, harmonisch und verspielt waren die ersten Kinderjahre von Hape. Aufgewachsen zuerst mit Vater, Mutter und dem älteren Bruder  bei Omma Bertha und seinem Oppa in ländlicher Idylle nahe Recklinghausen. Er konnte über Felder und Wiesen streifen. Später mit seinem Pferd, dass ihm Omma Äenne geschenkt hatte. Der Vater, von Beruf Schreiner, verdiente gut, damals in den 70ern und schon bald konnte die Familie in die Stadt in ein eigenes Haus ziehen. Omma Bertha blieb zurück. Aber es sind doch nur 15 Minuten bis zur Stadt sagte der Oppa. Die Omma sollte nicht weinen. Und der kleine Hans-Peter schon gar nicht.
 
Die verrückte Omma Aenne, die das erste traurige Ereignis in seinem Leben war. Denn er mußte Abschied nehmen von ihr, sie verstarb an einer Krebserkrankung. Einen Gemischtwarenladen hatte sie, die Omma Aenne, in den Hans-Peter immer lief und es seine Gewohnheit war, still im Laden stehen zu bleiben um den Gesprächen der Kunden zu lauschen, die er dann später vortrefflich zum besten wiedergab. Herrlich. Und immer hatte er die Lacher auf seiner Seite. Ein wunderbares Kind dieser Hans-Peter. Man muß ihn einfach lieb haben und man muß in diesem Kind auch den Hape Kerkeling lieben, der er später geworden ist.
 
Und das ganze Millieu kommt einem doch all zu bekannt vor, wenn sich in der ungefähren Altersstufe befunden wird. Dieses 60/70er-Jahre-Geschmäckle, Eierlikör, Mettigel, Hausmannskost, Nierensessel und Nachbarn, die aus den Fenstern schauten, weil das Leben draußen noch interessanter war, als im Fernsehen oder auch noch keins da war. Caroline Link hat das alles so authentisch rübergebracht, dass man da saß und meinte alles spären, riechen und anfassen zu können. Der Film ist tatsächlich auch eine kleine Zeitreise. Man kommt nicht dran vorbei, dass eigene Erinnerungen hochkommen.
 
All das, was im Film gezeigt wird, hat man doch selber so erlebt. Die Schlager die tagtäglich gedudelt wurden und die das Leben der Menschen damals so in den Bann gezogen haben. Sie sangen sie mit, auch der kleine Hans-Peter konnte das vortefflich. Du bist nicht allein, denn du träumst von der Liebe...sang Roy Black damals und der kleine Hans-Peter konnte den Text auswendig. Eine unglaublich berührende Szene, wie er am Abend nach der Beerdigung seiner Mutter allein in der Küche steht und das Lied singt und sich dabei bewegt wie Roy Black selber.
 
Es schien, als wenn dieser Freitod seiner Mutter die Leichtigkeit und Unbeschwertheit ihm geraubt hat. Er trauerte. Wie furchtbar für ein kleines Kind, seine Mutter so zu verlieren. Dazu passierte es nicht irgendwo von ihm entfernt, sondern er hat neben ihr gelegen, im elterlichen Schlafzimmer. Die Mutter ist einfach nicht mehr aufgewacht. Hatte sich am Abend davor von ihm verabschiedet. Ich geh schlafen, sagte sie zu ihm, du kannst so lange Fernsehen schauen, wie es dir Spaß macht. Sie hat sich nicht mal umgedreht, als sie ging.
 
Sie hat mir keinen letzten Kuß gegeben, sagte der kleine Hans-Peter am Ende des Films. Verstanden hat er all das erst viel später. Warum! Depressionen. Da war nichts mehr in ihr an Gefühl. Nur noch Leere und Kälte. Weil, so hab ich gedacht, wie kann eine Mutter ein solches Kind einfach allein lassen. Das will man nicht begreifen. Aber da war nichts mehr. Wenn nur noch dieses Nichts im Menschen vorherrscht, dann kommt da entweder nichts mehr, nimmt nicht mehr am Leben teil, auch nicht mehr an den Menschen, die man einst geliebt hat, es ist einfach alles egal. Andere wiederum haben auch diese Leere und Kälte in sich, gehen aber nicht in den Tod, sondern werden aggressiv, verletzen, werden zu Gewalttätern. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten dachte ich.
 
Aber es muß weitergehen. Das war und ist das Lebensmotto vom kleinen Hans-Peter und wohl auch von Hape Kerkeling geblieben. Niemals stehen bleiben. Wer stehen bleibt hat verloren.  Nur das Weitergehen, Weitermachen hilft, denn man weiß nie, was noch kommt. Und auf Einbrüche können auch wieder freudige Dinge hereinscheinen, von denen du in Trauer und Schmerz nichts ahnst. Wenn du nicht mehr weitermachst, wirst du das nie erfahren. Und es muß zusammengehalten werden.  Das hat er kennengelernt, der kleine Hans-Peter. Wie sie alle nach dem Tod seiner Mutter zusammenblieben, sich kümmerten. Die ganze Familie, Omma, Oppa, Tanten, der Bruder, Freunde, Nachbarn. Das war damals noch so. Jedenfalls manchmal. Das hat mit dazu beigetragen, dass er sich weiter entwickeln konnte, der kleine Hans-Peter, dieser Schoß der Familie, die ihn alle liebten.
 
In einem Gespräch mit ihm nach Abschluß der Dreharbeiten las ich, als er danach befragt wurde, ob er sich mit dem Tod seiner Mutter versöhnt habe, er die Antwort *Ja* gab. Ja, da er ein Mensch sei, der zur Versöhnung neigte. Das nehm ich ihm total ab. Es gibt keinen Frieden, wenn der Mensch nicht mit dem, was geschehen ist, sich ausgesöhnt und vergeben hat. Er wird sich ständig in der Opferrolle fühlen und die Welt einfach nur böse sehen. Jede kleinste Mißachtung anderer, unbewußte Verletzungen oder Kränkungen wird er so wichtig nhehmen, dass kaum eine gute Beziehung entstehen kann.
 
Das Buch endet nach ca. 300 Seiten. Hans Peter war da gerade 8 Jahre alt. Eigentlich sollte das Buch die Geschichte seiner Berufsjahre darstellen. Jedoch war es ihm genug. Er wollte ja kein Tolstoi werden. Typisch für Hape, dieser feine, ernste Humor, der die Geschichten der Menschen, wie er sie beobachtet mit einer Gabe, wie kein anderer, aufzeigen konnte. Vielleicht kommt ja doch irgendwann wieder etwas von ihm. Man möchte nicht auf ihn verzichten in dieser öden Unterhaltungswelt.
 
Der Film endet mit Hans-Peters erste Schulaufführung, dem Hans Dampf. Eigentlich sollte er diese Rolle spielen. Aber als er von seiner Lehrerin dafür vorgeschlagen wurde, lehnte er ab. Er war noch zu tief in der Trauer. Doch  tags darauf hatte er sich wieder anders besonnen. Aber da war die Rolle schon vergeben. Und die Lehrerin gab ihm eine kleine Rolle als Hausmeister mit zwei Sätzen, die eigentlich aus dem off nur hätten gesagt werden sollen. Aber Hans-Peter kam auf die Bühne, sprach nicht nur diese beiden Sätze sondern machte seine eigene kleine Geschichte daraus. Und am Ende hörte man, wie alle sagten, der Hausmeister war der Beste. Da wußte man und das hatte ihm seine Omma Aenne noch auf dem Sterbebett gesagt, aus dir wird mal ein ganz Großer. Du sagst Sachen Omma, antworteter er ihr. Bist du jetzt auch verrückt. Aber was hätte er auch sagen sollen. Man weiß doch nie, ob als Kind oder Erwachsener, was Morgen mit einem passiert und wer man dann sein könnte.
 
Dann spricht der große Hape Kerkeling noch ein paar Worte, während die Kamera langsam über die Felder mit Mohnblumen und die Wiesen draussen vor den Toren Recklinghausens zieht und er sagt: Ich bin die Felder, die Wiesen, die Mutter, der Vater, die Ommas, die Oppas, all die Tanten und Onkels, all die lieben Menschen, die Gerüche, die Dinge die geschehen sind, all das bin ich.
 
Ich hab geweint. Wirklich. Ich hab mehrmals geweint, aber auch dann gleich wieder gelacht. Das geht gar nicht anders beim Schauen des Films. Und ist es nicht so. Wir, die da nur zuchauen auf ein anderes Leben eines Menschen, der uns durch seine wunderbaren Auftritte vergnügliche Stunden bereitet hat, wir sind doch auch all das, woher wir kommen, was wir erlebt haben, mit all denen verbunden, die uns durch unsere Lebenszeit begleitet haben. Wir sind nicht nur das, was unser ganz Eigenes ist, nein, wir sind auch das, was all das, was gewesen war mit uns  und uns zu dem gemacht hat, der wir sind.
 
Und wenn es mal wieder im Leben recht schwer wird, ja na dann, dann muß man einfach mal, wie der kleine Hans-Peter mit seinem Oppa an die frische Luft. Tapetenwechsel nennt man so was. Das haben die Beiden auch gemacht, damals, als sich aufzeigte, dass es mit der Mutter nicht gut stand und Hans-Peter nur noch bei ihr weilte, um sie zum Lachen zu bringen, damit es ihr wieder gut ginge.
 
Ein wunderbarer Film für alle Hape-Fans, der selbst in der Schwere nie seine Leichtigkeit verliert und man eigentlich möchte, dass er immer weitergeht und uns noch mehr vom Leben Hape erzählt.
 
 
 
Cinenova
Der Junge muss an die frische Luft
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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