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Ein Abend mit Georg Ringswandl

Dieses Jahr wird es ein Jahr der alten Musiker. Am vergangenen Sonntag habe ich den Anfang mit Georg Ringswandl, der im letzten Jahr seinen 70.ten Geburtstag vollendet hat und m.E. nichts von seinem Charme und seinem Talent eingebüßt hat sein Publikum mit launigen Erzählungen und einer Formation excellenter Musiker einen vergnüglichen Abend zu bescheren. So wunderbar gemütlich, das es eigentlich kein Ende nehmen soll.
 
In Folge werd ich noch in diesem Jahr John Fogerty, der dieses Jahr schon 74 Lenze zählen wird, auf den ich mich ebenfalls wie jeck freue und natürlich legendär Nick Mason, dem Schlagzeuger der legendären Floyds, der im Januar  nun schon 75 Jahre auf dem Buckel hat. Musikalisch zwar breit gefächert sind mir die alten Herren in ihrer Musikleidenschaft immer noch die Liebsten. Ist so.
 
Aber nun zum Georg, dem Ringswandel. Hatte mich am Nachmittag bei sonnigem Wetter  mit meinem Rad aufgemacht. Bisserl herumschlendern auf zwei Rädern war meine Intention. Sonntags sind in einer Großstadt wie Köln immer drölfhundert Leuts überall wo du hinkommst zu finden. Das Rheinufer ist pickepackevoll und radeln heißt hier, Ausweichmanöver vom Feinsten, das mache ich gern hin- und wieder. Zwischendurch mal ein Bänkchen, auf dem ich sitzend dem Treiben der Vielfalt des Menschenzoos zuschauen kann. Ich sags aber gleich im voraus, nach so einem Happening bin ich dann aber auch wieder heilfroh in meine kleine Stille zurückkehren zu können. Genug ist genug.
 
Ab Dom bin ich durch die Innenstadt dann um zum Veranstaltungsort, dem Gloria. Auch hier Menschenrudel in Fülle. Ich fragte mich, was machen Leuts an einem sonnigen Nachmittag in einer Geschäftsstrase spazierend, wenn man nicht wie ich einfach nur zu einem bestimmten Ort finden muß. Tristesse ohne Ende, war mein Gedanke, an Geschäften, in denen dargeboten wird, was man nicht braucht, vorbeizuschlendern. Habe mein Rad, weil ich dann doch noch zu früh war, wie immer, in der Apostelstrasse abgestellt, um zu Fuß ein wenig das Umfeld zu begutachten. Es gibt schon auch noch kleine Geschäfte, bei denen es Spaß macht, mal stehenzubleiben, entdeckte ich dann. Eines, in dem es nur alles was mit Kämmen und Haarpflege und Rasiererei zu tun hat, oder einen Schumacher, bei dem man noch Schuhe nach Maß anfertigen lassen kann. Meine Nase aber festgedrückt an der Schaufensterscheibe hatte ich an einem Geschäft für kleinere und größere Kunstartikel. Dort schauten mir zwei wunderbare Schachbretter nebst Figuren aus wohl Metallmaterialien entgegen. Schach..eine Leidenschaft von mir.
 
An einem Kiosk kaufte ich mir eine Flasche Wasser und belauschte ein Gespräch zwischen dem Kioskbesitzer und einer jüngeren Frau. Es ging um wohl um Anspannung, Druck und Standhalten bei der Arbeit. Als die Frau sich verabschiedete und ich an der Reihe war, meinte ich zu ihm, sie machen hier wohl auch auf Lebensberatung in ihrem Kiosk. Er lachte, ja, das bleibt manchmal nicht aus. Menschen kommen, sind allein und wollen mal was loswerden. Ist ja wie beim Friseur, lachte ich zurück. Aber dann gings los.
 
Vor dem Gloria überlegte ich, wie lange ich in dieser Location nicht mehr gewesen bin. Mein letztes Konzert, dass ich dort sah, war Rufus Wainwright, das muss fast 15 Jahre her sein. Ich war dort mit meiner pubertierenden Tochter. Ein Konzert, dass mir ewig in Erinnerung bleiben wird. Dann gabs später nochmal eine Humba-Party in der närrischen Zeit, bei denen ich eine Zeit lang mein Vergnügen suchte, ausserhalb des mainstreamigen Karnevalsgetriebe und auf denen immer mächtig Stimmugn war, aber anders wie mit biervollgelaufenen Anmachpartytypen- und typinnen.
 
Beim Einlaß standen schon ne Menge Leuts. Durchschnittsalter zwischen 50 und 70. Das hatte ich so auch noch nie erlebt. Zumeist ist das Publikum doch sehr gemischt, auch bei den alten Haudegen des Musikgeschäftes sind immer viele junge Liebhaber zu finden. Vielleicht ist der Georg da dann doch zu speziell. Leider bin ich nie in die Gelegenheit gekommen, ihn mal in seinen jüngeren Jahren zu bestaunen und ihm zuzuhören bei Live-Auftritten. Ich hab das immer ein wenig bedauert, dieser Enfant-terrible-Energie nicht habe beiwohnen zu dürfen. Kannte es nur aus Mitschnitten von früheren Konzerten. Und wie sagt er so schön, es muß bei seinen Auftritten immer eine exessive Gaudi drin sein, die manchmal auch ein wenig an den Irrsinn heranreicht, einfach schräg halt. Das liebe ich. Nichts ist so wahr, was in einem Irrsinn des Menschen herauskommt. Und das hat er wohl auch auf der Bühne ausgelebt. Ein totaler Gegensatz zu seinem eigentlichen Beruf, in dem er nebenher gearbeitet hat. Und der über eine große Verantwortung zeugte als Kardiologe. Den Gesprächen seiner Kollegen nach zu urteilen, war er kein einfacher Mensch, aber ein großartiger Arzt. Aber was solls. Nicht einfache Menschen sind mir auch die liebsten, auf der Bühne und im Leben. Da hats in Begegnungen Reibungsflächen und gegenseitige Lerneffekte. Jasager gibts in Übermaß. Wie langweilig.
 
Dann die Überraschung. Es gab einen bestuhlten Raum. Oha...Sitzen beim *Wuide unterwegs*, denn so hieß sein Programm. Egal, dann ist das eben so, aufstehen geht ja immer. Noch fast eine Stunde bis zum Beginn des Konzertes. Sitze in der ersten Reihe, in die sich nur Wenige getraut haben. Erste Reihe muss sein, wenns irgendwie geht. Ein Ehepaar mit ihrer Tochter traut sich. Vater und Tochter begeben sich in die zweite Reihe, die Mutter setzt sich neben mich, was zu einem netten Gespräch zwischen uns Beiden führt. Sie kommt mit ihrem Mann aus Dresden. Hat ihm die Karte zu Weihnachten gesteckt, nachdem sie ihn dort einmal gesehen und ganz begeistert waren. Es hat sich angeboten, da die Tochter in Köln lebt. Wie so immer, erfahre ich einige privaten Dinge von ihr, dass sie z.B. eine Segeljolle besitzen, mit der sie auf der Elbe herumschippern, und davon soll es nicht viele geben, da man die Strömungen in der Elbe fürchtet. 8 Meter lang, die Jolle mit Kajüte, in der sie sich mit ihrem Mann den Sommer über vergnügt. Erzähle ihr, dass ich im kommenden Sommer den Elbe-Radweg entlang fahre, bis nach Dresden. Vielleicht gibts dort ein Wiedershen. So kanns gehen.
 
Dann kommt er mit seinen Musikern. Im grauen Anzug mit Hut spaziert er wackelig auf die Bühne hin zu seiner Zitter. Die Zitter hat ihm die Tante vererbt, wie er später erzählt. Die Arme. Verstorben. Vergiftet. In den USA. War bei einer Sekte. Und wegen des jüngsten Gerichts wollten sie vorgreifen. Mit Gift eben. Doch das ist gar nicht gekommen. Das jüngste Gericht. Son mist aber auch. Nun denn tot bleibt tot. Irgendwann hatte der Herr Papa nen Anruf bekommen, aus den USA wegen Geld zur Überführung des Restes der Leiche. War nicht mehr alles von da. Die lebten auf einem Berg. Die Sekte. Da kreisten die Geier. Son Oberschenkelknochen war schon wech. Den Rest wollte er nun auch nicht. Der Papa. Kein Geld, keine Tante. Aber die Zitter, die ist ihm geblieben. Nun bespielt er sie. Und so schön. Andacht und Randau heißt übrigens sein letztes Album. Und so wird auch der Abend. Mal geht es fetzig, mal heiter-besinnlich zu.
 
Ein bisschen ist sein Auftritt wie ein Helge Schneider-Event. Launige, derbe, humorvolle Einlagen mischen sich zwischen die musikalischen Darbietungen. Der Mann kennt sich aus. In Köln. Zwischen Bad Godesberg und Bonn könnt er sich vorstellen, sein Domizil aufzuschlagen., Alles so schön flach, keine Höhen. Im Zwölferrat hätte er auch Platz. Oder im Neunerrat in Euskirchen. Irgendwo tät sich schon was finden. Ist ja Jeckenzeit in Köln. Hat er festgestellt. unterwegs bei seinem Spaziergang durch Köln. Schlecht für ihn. Die Leuts haben bisserl was anderes vor. Selbst schuld denk ich. Und ja, Redner, Bütttenredner, die fehlen in Köln. Tät er gut reinpassen. Seine Band müßte aber noch einen Lehrgang machen, vorher. Vielleicht beim Hansi Hinterseer. Dann hauts vielleicht hin. Geld könnten se abräumen dann. In der närrischen Zeit. Ist aber was anderes wie Jazz. Wir wollen nicht wissen, in welchen tollen Bands die schon gespielt haben. Seine Musiker. Muß auch nicht sein. Es kann sich nur vorgestellt werden. Denn sie sind einfach irrsinnig gut. Eine Akkustik vom Feinsten. Transparent. Wunderbare Gitarrensolis. Einfach nur schön. Und ich sitze direkt davor.
 
Und ja Verkleidung für den Georg. Macht er ja nicht gern. Der 70jährige hats drauf. Gediegen im grauen Anzug, im Hip-Hop-Dress mit schwarzer Sonnenbrille. Geht doch.  Umwerfend. Ich tät ihn heiraten:) Aber er hat ja schon eine. Schade eigentlich. Aber ne Gute. Es sei ihm gegönnt. Therapeutin. Hat an Sylvester Stunden mit der Freundin-Therapeutin aus Krefeld telefoniert. Er hat derweil gezappt. Im Fernsehen. War so ne Sylvestershow. Da hat er sich was abgekuckt.
 
Sein Selbstbewußtsein, dass ihm manchmal fehlte, hat er wettgemacht mit Vorwärtsstürmen. Das ist ja auch eine gute Strategie. Manchmal. Auf der Bühne hat er das ausgelebt. Was die Leuts denken, war ihm scheißegal. Hat er auch nen Song draus gemacht. Ist ja auch richtig. Ein Vorzeigemensch, der Georg, so ists richtig. Mach dein Ding. Ein paar bleiben dir immer, die dich mögen. Wer will schon von allen geliebt werden. Der Doktor Georg Ringswandl, 10 Jahre lang war er Oberarzt in der Kardiologie in Gamisch Patenkirchen. Tagsüber Leben retten, abends den Gurkenkönig auf der Bühne machen. Sewin Doppelleben hat ihm anfangs schon zu schaffen gemacht. Kann er noch vernünftig arbeiten, wenn er des Abends so verrückte Sachen macht? Immerhin waren in seinem Metier die Leuts Streichquartetthörer. Da paßt doch so ein Tage Metal Dings gar nicht rein. Die Leuts werden immer in Schubladen gesteckt. Das konnte man mit ihm nie machen. Nach seinem Burnout in der Mitte des Lebens, mit 45, steigt er ganz aus und widmet sich nur der Musik. Viel Feinde soll er gehabt haben. Aber wie heißt es so schön, viel Feind, viel Ehr!
 
Ein stiller und guter Beobachter seiner Umwelt ist er. Was er denkt, sieht und fühlt, findet sich in seinen Songs wieder. Ob es das digitale Proletariat betrifft, oder aber die städtischen Bauprojekte, die eh nur Typen wie Zahnärzten sich leisten können.  Sein Gitarrenspiel hat er sich übrigens selbst beigebracht. Mit 18 Jahren in einem Sanatorium, in der er wegen Lungentuberkulose war. Seine Kindheit war nicht, wie sich eine Kindheit gewünscht wird. Sein Vater war schwer kriegsverletzt und psychisch labil und brutal. Mit 14 Jahren hatte er das erste Mal den Gedanken, er will seinen Vater umbringen. Erschreckend? Nein, überhaupt nicht. Vielleicht mag ich ihn auch deswegen so sehr, weil mich einige seiner Kindheits- und Jugendjahre an meine eigenen erinnern und ich weiß, wie schwer es ist, einen Weg zu finden, um das Erlebte zu verarbeiten. Und es ist ja so, wenn Du dich nicht wehrst, irgendwann, dann wirst du Opfer bleiben. Und wer will das schon. Um nicht Opfer zu werden, muss man möglicherweise auch zum Täter werden. Grenzen setzen. Damit es aufhört. Dazu braucht es Mut! Den hat er gehabt, nicht nur als Jugendlicher, sondern in jedweder Situation seines Lebens, das zu tun, was ihm taugt, zu sagen was er denkt und zu fühlen, was richtig ist.  Meinen Respekt vor solchen Menschen.
 
Während des ganzen Konzertes spürt man auch das Einvernehmen der Band mit ihm. Ich glaube, dass er stolz ist, eine solch gute Mannschaft um sich herum zu haben. Die Verständigung klappt super. Und während der Georg seine Geschichten zum Besten gibt, er scheint seine Pillen vergessen zu haben, wie er kurz andeutet, denn er redet sich manchmal  immer weiter hinein in eine wahnwitzig-humvorvoll-derbe Gedankenwelt, der man stundenlang zuhören möchte. Immer wieder der Wechsel zwischen energiegeladener rockiger, bluessiger Songs, dann wieder still auf einer Hockerprothese für Liedermacher, herrlich die Bezeichnung oder an der Zither sitzend. Eines meiner Lieblingsstücke an diesem Abend ist nicht der Fetzigste, sondern eiher ein stiller-melancholischer. *Nur ein paar alte Sachen* der Titel. Irgendwie geht mir bei dem Song das Herz auf. Da wendet sich ein Mensch alten Dingen zu, Briefe, Gegenstände, versinkt in Erinenrungen. Was soll bleiben, was kann nun endlich losgelassen werden. Irgendwann kommt der Mensch in ein Alter, in dem er solche Dinge tut. Einfach in den Tag leben und sich diesen Erinnerungsgegenständen zuzuwenden. Alles was gewesen ist, ist vorbei. Was bleibt der Trost der Dinge. Ein paar Tränchen kommen. Nicht aus Traurigkeit, sodnern aus einer Rührung oder Zärtlichkeit für das Leben. Ich glaube, dass trotz aller Derbheit seines Humors in seiner Welt- und Menschensicht ein tiefer Ernst, aber auch eine Zärtlichkeit auf alles steckt. Davon bin ich überzeugt, wenn ich ihn so anschaue und ihm zuhöre. Ich glaube, dass es wichtig ist, egal, welchen Weg man im Leben gewählt hat, was einem an Gutem und Schlechten geschehen ist, am Ende bleibt doch die Zärtlichkeit für das Leben. Anders kann es nicht sein, jedenfalls ist das auch meine Erfahrung.
 
Mein geneigter Leser merkt schon, es ist nicht nur das Musikalische, was mich an diesem wunderbaren Abend mit Ringswandl und seiner Band in den Bann gezogen hat, sondern auch all die Gedanken, die einen einfach überkommen beim Zuhören. Ein Abend mit Ringswandl ist mehr als nur Musik, es ist eine kleine Einführung in und über das Leben, an die er uns teilnehmen läßt und die zur eigenen Reflexion anregt. Das haben wohl auch die anderen so empfunden, denn es gab euphorischen Applaus und schöne Zugaben. Ich hätte auch noch weiter gewartet, aber die Leuts resignieren imemr so schnell, selbst beim Zugabe fordern. Schade. Naja, vielleicht ists auch so, wenns am Schönsten ist, soll gegangen werden.
 
Ich tät ihn gern nochmal wiedersehen. Vielleicht kommt er ja wieder. Ich glaub, er war mal wieder ganz gern in Köln,-) Und allen nah und fern, kann ich einen Abend mit ihm nur empfehlen. Eine Bekannte von mir ist gerade in Winterwacken gewesen. Und als ich mit meinem Rad nach Hause fuhr, dachte ich, wie gut, dass ich nicht in Wacken sein muß. Die Menschen sind halt verschieden, der eine ein Wackerer, der andere ein Ringdwandler:)
Und dem Georg und seiner Mannschaft wünsch ich viele, viele, ganz ganz viele schöne Konzerte mit treuen und neuem Publikum. Es lohnt sich.
 
Und noch was zum Schnuppern:   https://www.youtube.com/watch?v=h9PIgsJiWP8
https://www.youtube.com/watch?v=_07eq0VR5Y0
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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