Das habe ich wirklich. Heute. Einen Mann gerettet. Das kommt ja selten vor, dass eine Frau einen Mann retten kann. Schon allein körperlich ist der Mann der Frau ja weit überlegen. Also, bei tätlichen Angriffen auf einen Mann muss man schon richtig was dagegen zu setzen haben. Als Frau, meine ich. Ich bin ja nun kein judo-karate-take-wan-do oder wie das alles heißt-typ. Das hab ich nicht drauf. Und ne Knarre hab ich auch nicht, mit der man, wie im Film mal einfach auf Selbsverteidigung im Nachhinein plädieren kann.
Ist auch wurscht. Es ging heute auch gar nicht um einen körperlichen Angriff auf einen Mann. Und zwar durch eine Frau. Sondern von anderer Art. Eben nur nicht tätlich. Jedenfalls im Sinne von körperlicher Gewalt. Es gibt ja auch noch andere Tätlichkeiten, die eine große Gewalt ausüben können. Und das ist der Wortschwall einer Frau. Ich schwöre. Was meine Wenigkeit anbelangt, übe ich mich im wortschwallen eher schriftlich. Ansonsten bin ich eher ein Ausrutscher diesbezüglich. Da muss es schon ein ganz heißes Eisen sein, dass ich mich aber mal so richtig echauffiere oder anders wie auslasse. Zumeist fehlen mir im Gespräch immer die sofortigen Antworten, ist so. Eher neige ich dazu, Gesagtes wiederzukäuen, um dann eine für mich richtige Antwort zu finden. Da kann man nix machen. Das ist wohl so angeboren denke ich.
Doof ist nur, wenn ich mal so einen Ausrutscher habe, werd ich gleich auf Ignore gesetzt. Das ist wirklich ungerecht. Zumeist von denen, die gar nicht merken, dass sie selber immer kwaseln. Das wiederum macht mich dann auch sprachlos. Geht ja auch nicht anders. Was soll man dazu denn auch sagen. Hallo! Merkst du eigentlich nicht, dass du... Ihr wißt schon, was nun kommt. In den meisten Fällen kommt man mit den anderen den Spiegel vorhalten nicht weiter. Dazu ist die Blindheit viel zu stark. Also laß ich es. Meistens ists mir auch wurscht. Nur von denen, wo ich nicht gedacht habe, dass sie solche Ignorelisten benutzen, da trifft es dann schon. Ein bißchen. Dann denke ich, ach was solls, derjenige ists einfach nicht wert. Wahrscheinlich stecken ganz andere Motive dahinter, die wiederum von diesen niemals zugegeben werden würden. Ist doch so.
Ich fang nochmal von vorne an. Wo war ich stehen geblieben? Ich habe einen Mann gerettet. Heute! Und das kam so:
Ein Paket sollte verschickt werden zum Geburtstag. Es war mein zweiter Anlauf. Den ersten hatte ich selbstvermaselt. Also noch mal neu. Dieses Mal sollte es ganz perfekt zugehen. Den Inhalt des Päckchens trug ich noch in meinem Rucksack. Mir fehlte jetzt nur ein ordnungsgemäß dafür vorgesehenes Verpackungsmaterial. Also bin ich in den Laden. Der, der mit Mac und Paper im Namen seinen Waren veräußert. Also nichts wie rein. War ganz leer da drinne. Glaub, kaufen nicht mehr so viele Leute Büromaterial oder Malereibedarf oder wie in diesem Falle Verpackungsmaterialien. Ich weiß es nicht. War jedenfalls ausser mir, keiner da. Schön so ein Laden, der einem ganz allein gehört. Kannste ungestört gucken und stöbern, ohne vom Gewimmel der Leuts abgelenkt zu werden. Möglicherweise noch von Telefonierenden. Schrecklich das.
Einer war dann doch da. Sah ihn erst ein wenig später. Stand an einer Türe, die wohl zu einem Lagerraum führte. Da mußte noch Jemand sein. Eine Frau, wie ich dann nach einer Zeit vernahm. Je tiefer ich in den Laden hineinkam, um so lauter wurde der Wortschwall, der aus dem Inneren des Lageraums nach außen drang. Gerichtet an den Mann, der davor stand. Der gehörte zum Inventar. Ein Verkäufer. Ihr Kollege.
Es war leer. Die hatten nix zu tun. Kenn ich ja. Wenn alles geräumt, eingeordnet, sortiert ist und die Kunden fehlen, stehste schon mal doof rum. Das hat die ausgenutzt. Diese Frau, seine Kollegin. Wie ein Maschinengewehr ratterten ihre Worte ihrem Kollegen entgegen. Der stand da und sagte nix. Ich dachte, die hört ja irgendwann auch mal auf oder? Sie redete und redete immer weiter. Irgendwas Privates. Ich hab gar nicht so genau auf den Inhalt geachtet. Ihrer Worte waren so viele, das einem der Atem stockte, um überhaupt folgen zu können. Der Arme, dachte ich. Also der Mann. Stand da irgendwie hilflos dem gegenüber. Ich spürte förmlich, wie er danach suchte, zu entfliehen. Als Kollege willste ja nicht unhöflich sein. Versteh ich.
Ich hatte jetzt auch gar nicht die Absicht bewußt einen Rettungsring zu werfen. Also dem Mann zu. Ich suchte aber nach meinem Verpackungsmaterial. Fand es nicht. Ging daher auf ihn zu und fragte ganz vorsichtig, ob er mir vielleicht helfen könne. Ich schwöre, es war absolut direkt erkennbar, dass eine Welle der Erleichterung durch sein ganzes Wesen verlief. Ich sah das jedenfalls.
Sofort hörte der Wortschwall der Kollegin auf, er zog ab und mit mir in eine andere Ecke des Ladens, um mir das gewünschte Regal zu zeigen, wo sich allerlei Brief- und Paketverpackungswesen befand. Er wich auch nicht mehr von meiner Seite. Ich schwöre. Ich wurd ihn nicht mehr los. Er begleitete mich zur Kasse. Als ich zahlen wollte, bot er mir an, das Paket für mich zusammen zu falten. Herrlich. Wunderbar, sagte ich. Gesagt, getan. Fertig. Legte ich mein Geschenk hinein. Auch zukleben jetzt? fragte er. Super, sagte ich. Total nett! Es gibt doch noch Dienstleistung und Service am Kunden. Dachte ich, sagte ich aber nicht. Unser verbaler Austausch beschränkte sich auf höchstens drei, vier Worte... toll, super, dankeschön, wie nett, keine Ursache, mach ich doch gern, freut mich, helfe gerne. Herrlich. So eine Kommunikation ohne viel Worte. Er genoß es. Ich sahs ihm an der Nasenspitze an. Zwischendurch schaute er mich mal verstohlen an und in seinem Gesicht meinte ich zu lesen, gibt auch Frauen, die können kurz und zackig.
Daß ich sah, was er dachte und er sah, was ich dachte, lag klar auf der Hand. Daher beim zwischendurch verstohlenen gemeinsamen gegeneinander Anblicken, lächelten wir uns einfach mal an. Schön war das. Es war mir klar. Es war nicht *nur* eine völlig freie, ohne Hintergedanken ausgeübte Kundenfreundlichkeit im Dienstleistungsbereich. Nein, es war unzweifelhaft. Ich hatte ihn einfach gerettet!. Und das wiederum wußte er, dass ich es wußte und das ließ uns Beide schmunzeln. Wir waren zwei Verbündete. Nein, um das klar hinterherzuschicken. Ich bin ganz sicher, dass er auch ohne das vorherige Geschehen freundlich und hilfsbereit gewesen wäre. Jedoch war es in diesem Falle eine für ihn lebensrettende Tat. Denn schließlich will man ja mit den Kollegen keinen Knatsch haben, der auf einer Zurückweisung, gar genervten, zurückzuführen wäre. Man muss ja schließlich noch länger mit diesem zusammenarbeiten.
So verabschiedete ich mich mit nochmaligem Dankeschön und einem Blick zurück zur Lagerraumtür und hoffte für ihn, dass er es für den Rest des Tages überstanden habe. Rief ihm noch zu: Und viele nette Kunden noch, wofür er mir mit einem smarten Lächeln dankte.
Mein Päckchen brachte ich zur Post. Alles ordnungsgemäß. Und das Fazit des Erlebten für mich war an diesem Tag: Wie gut, dass ich nicht viel reden muß. Ich erledigte meine weiteren Pflichten des Tages, fuhr noch eine Runde Rad und verbrachte den Spätnachmittag mit einem schönen Buch auf dem Sofa.