Ian McEwan ist einer meiner Lieblingsautoren, von dem ich enige seiner Bücher gelesen habe. Man erinenrt sich z.B. an sein Buch - Abbitte -, der ja auch verfilmt wurde, einer der wenigen guten Literaturverfilmungen. Sein neuster Roman - Was wir wissen können - gehört für mich zu einem seiner großartigsten Bücher.
Der Roman ist eine Mischung aus Sci-fi, Liebesgeschichte, Dystopie und Krimi. Seinen Roman hat er in zwei Teile aufgegliedert.
Im ersten Teil befinden wir uns in einer Welt des Jahres 2119, fast 100 Jahre später wie in der Jetztzeit. Die Welt ist so, wie man sie sich eigentlich nicht vorstellen möchte, aber sie zeigt, wie es sein könnte, nachdem die Menschheit alles ignoriert hat, was es zu ignorieren gab. Seine Fiktion könnte so wahr sein bzw. werden, sie ist vorstellbar.
In diesen fast 100 Jahren hat sich einiges abgespielt, es wird erzählt von begrenzten Atomschlägen, einem Amerika, dass sich in einem Bürgerkrieg befindet und einer großen Überflutung im Jahre 2042, die durch eine fehlgeleitete russische Wasserstoffbombe herbeigeführt wurde. Ein Deutschland gibt es nicht mehr, denn es wurde von Großrussland einverleibt. Die Menschheit ist auf 4 Milliarden geschrumpft.
In diesem Jahr 2119 lebt Tom, ein Literaturwissenschaftler, dessen Spezialgebiet die Literatur zwischen 1990 und 2030 ist. Er sucht nach den Zusammenhängen in der Literatur dieser Zeit, wie die Literatur auf die sich abzeichnende ökologische und politische Katastrophe reagiert hat.
Besonders ist er an Francis Blundy interessiert, den er für einen der größten Lyriker dieser Zeit hält. Er ist auf der Suche eines verschwundenen Werkes von ihm, den Sonnetenkranz für Vivian, den dieser für seine Frau geschrieben hat und ihr diesen an ihrem Geburtstag schenkt. Einmalig wird er dieses Gedicht am Geburtstagsabend seiner Frau und den Gästen vortragen. Es ist ein Meisterwerk, davon ist Blundy überzeugt. Danach ist es spurlos verschwunden, zu einem Mythos geworden, über den die Literaturwelt phantasiert. Die einen meinen, es sei eine große Liebesdichtung zu Ehren seiner Frau gewesen, die anderen wiederum sehen in diesem Werk eine verklausulierte Abrechnung seiner Ehe mit Vivian und ein Geständnis zu etwas, was man sich, bis man zu diesem Teil der Geschichte gekommen ist, noch nicht vorstellen kann. Daher will ich es auch nicht verraten.
Tom ist besessen davon, dieses Werk von Blundy zu finden. Er studiert Briefe, Dokumente, Tagebuchaufzeichnungen und e-mail-daten, die sich finden lassen und er ist überzeugt, er weiß nun alles über den Hergang dieses einen Abends, in dem Blundy diesen Sonnetenkranz seiner Frau schenkt und den Gästen vorträgt, aber auch alles, was es zu wissen gibt, über die Ehe Blundys mit Vivian und auch dem Leben der Beiden, vor ihrer Ehe.
Der erste Teil des Buches endet mit dem unter großen Mühen Auffinden des Werkes.
Aber nun kommt der zweite Teil des Buches, dass einen mehr als noch den ersten Teil, der ja auch die trostlose Zeit der Welt aufzeigt, in der Tom nun lebt, der einen regelrecht in einen Bann zieht und man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann.
Denn es stellt uns die Frage: Kann man tatsächlich aus dem, was wir Jahre später aus Aufzeichnungen über das Leben der Menschen finden, in diesem Falle Blundy und Vivian die Wahrheit dieses Lebens herausfinden? War Vivian wirklich dieser Mensch, in die sich der Literaturwissenschaftler Tom bei seiner Arbeit sogar verliebt hat und die sogar seine reale Beziehung zu seiner Freundin Rose in Frage gestellt und fast zerstört hat ?
Ian McEwan erzählt mit großem Spannungsbogen wie der Mensch oft in seinen Illusionen lebt, sich ein Bild macht vom Leben anderer, sei es zu Lebzeiten dieser oder aus der Vergangenheit, in dem wir romantisieren, aus der eigenen Phantasie geborene Geschichten hinzu erfinden und dass am Ende dann doch, wie ein Zitat es sagt: "Die Wahrheit kommt immer ans Licht" , die Lebenslügen der Menschen aufgedeckt werden. Und das, was wir uns vorgestellt und gedacht haben, doch ganz anders ist oder gewesen ist und wir uns erschrocken abwenden.
Mich hat sein langem kein Buch mehr so gefesselt, wie dieses Meisterstück der Literatur von Ian McEwan. Sei es die Dystopie, die die Welt zeigt, in der sich der Literaturwissenschaftler Tom befindet und dessen Erzählungen, was in diesen fast 100 Jahren passiert ist und die man z.T. ja jetzt schon sehen kann. Kriege, die die Welt beherrschen, Hungersnöte, Umweltkatatsrophen überall, die der Mensch immer noch zu wenig als Warnzeichen sieht und die ganz große Welt der Literaturgeschichte, von dem sein Werk ebenfalls erzählt.
Ich kann verraten, dass ich genauso wie Tom von der Person Vivian überzeugt war und am Ende genauso erschrocken war. Aber dass ich dann am Ende das Fazit gefaßt habe, richtig ist es, dass ich letzten Endes nur an das glaube, was Wirklichkeit, was ich tatsächlich sehe und nicht an das was andere Menschen, die Medien oder sonstige Informationen mir erzählen wollen oder gar meine eigenen Projektionen.
Was wir wissen können, der Titel des Buches, weist daraufhin, zum einen, was das Weltgeschehen der Zeit, in der wir leben, bedeuten kann und sich einstellen wird, wenn wir nicht jetzt alle Mittel ergreifen, um aufzuhalten, was noch möglich ist. Zum anderen, was wir wissen können, wenn wir genau hinschauen, achtsam sind und uns das Leben der Menschen genau anschauen und festellen, wo die Lebenslüge steckt. Auch unsere eigene. Denn auch davon sind wir nicht gefeit und werden uns ganz sicher am Ende selber erschrecken, wenn wir diese im Angesichts des Todes entdecken.