Den Roman, den ich heute empfehlen möchte, hat Tomer Gardi geschrieben. Er wurde im Kibbuz Dan in Galiläa geboren und lebt heute in Berlin. Gardi hat für diesen Roman drei Jahre vor Ort recherchiert und ist um die ganze Welt gereist. Er war in Neu-Dehli, Buenos Airs, Istanbul, Tel Aviv und am Ende in Berlin, wo einige seiner Protagonisten am Ende dann angekommen sind.
Wer den Roman liest und sich nicht in einem Kriegs- oder anderem Krisengebiet befindet, muss erkennen, dass er sich in einer privilegierten Lage befindet. Darüber sind die Menschen sich oft nicht bewußt und haben Klagen an und über alles, die sich die Menschen, von denen Gardi schreibt, nur wünschen würden.
Gardi erzählt von Menschen in diesen Städten und Ländern, die sich in einer Situation in der Arbeitswelt von globaler Ausbeutung und Korruption befinden. Gardi kommt diesen Menschen in seinen Geschichten sehr nahe und beim lesen ist man ebenfalls dicht bei ihnen, dass man sich gut einfühlen kann in ihre Lebenssituation und man sich bewußt wird, dass man sich in der eigenen privilegierten Lebenssituation kaum Gedanken darüber macht, wie diese Menschen ihr Leben meistern müssen, welche Träume auch sie haben von einem besseren Leben.
Liefern, sein Romantitel, erzählt hauptsächlich von Menschen die im Lieferdienst arbeiten, Kuriere, Boten sind. Gardi schreibt, dass, wenn wir diese Menschen in ihrem Alltag begleiten durch ihre Arbeitswelt, man die ganze Welt in zwei Welten einteilen kann, in die, die bestellen und die, die liefern.
Die erste Geschichte beginnt mit Filmon in Tel-Aviv, der dort, nachdem das Schnellrestaurant, in dem er gearbeitet hat, pleite gegangen ist, er als letzten Ausweg zu einem Lieferdienstbetreiber wechselt. Mit dem Verdienst kann er sich gerade mal ein WG-Zimmer leisten. Filmon ist Flüchtling aus Eritrea, dort ist er vom Wehrdienst geflohen und mit Hilfe von Schleppern quer durch die Wüste bis nach Israel gelangt. Seine Freundin, die mit dem gemeinsamen Kind schwanger ist, muss er zurücklassen. Jetzt wo er in Tel-Aviv arbeitet, ist sie wiederum, ebenfalls mit Hilfe von Schleppern in Berlin gelandet. Sie halten Kontakt mit Telefonaten und träumen davon, bald gemeinsam als Familie in Berlin leben zu können.
Wir werden weitere Menschen kennenlernen, die sich aufgrund ihrer Lebensumstände in diese brutale Welt der Ausbeutung begeben müssen für einen Hungerlohn, deren Firmen jedwedes Aufbegehren gegen die Arbeitsbedingungen abwehren, angetrieben von ihrer eigenen Profitgier. Die nicht zurückschrecken, Migranten wie Sklaven zu behandeln, ihnen falsche Identitäten zu verschaffen, damit ihre Lieferboten schneller zugelassen werden. Dazu kommt angetrieben durch die unfaßbare Schnelligkeit mit der sie ihren Job auf Mopeds und Fahrrädern erledigen müssen, die erhöhte Gefahr durch Unfälle nicht nur die Arbeit, sondern auch ihr Leben zu verlieren. Und sehr schnell kann es geschehen, dass die Besteller, die Privilegierten aufgrund einer Klitzekleinigkeit ihnen in ihren Aps eine schlechte Bewertung geben, die dann dazu führt, dass sie auch diese menschenunwürdige Arbeit verlieren und wieder von vorne beginnen müssen, wieder bei einem anderen Dienstleister unter den gleichen Bedingungen.
Alle Figuren, von denen Gardi erzählt, haben irgendwie etwas miteinander zu tun, begegnen sich über fünf Ecken, wie man so schön sagt. Die ganze Welt ist mittlerweile ein globales Dorf geworden.
Hier eine kleine Leseprobe:
"Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst."
Gardi ist kein Moralist, niemals liest man von Anklagen, er beschreibt die Fakten und findet auch immer wieder trotz allem humorvolle Szenen in seinen Geschichten, die uns zum Lachen bringen. Und dennoch ist seine Kritik an der Wirklichkeit in unserer globalen Welt um so stärker.
Aber seine Botschaft ist ganz klar. Man muss sich vor Augen halten, dass uns, den Privilegierten, die Lebenssituationen dieser Menschen, von denen er erzählt und denen wir täglich begegnen, alle angeht, dass wir diejenigen sind, die sie verursachen.