Möchte heute den Debütroman der norwegischen Schriftstellerin Lisa Rizden vorstellen, der mich sehr berührt hat. Eine schöne Erzählung über das Altern des Menschen, Verluste, aber auch von der Einsamkeit des Menschen im hohen Alter, wenn alle, die man geliebt hat, verlorengegangen sind.
Die Autorin schrieb das Buch, nachdem sie nach dem Tod ihres Großvaters in seinem Nachlaß die Aufzeichnungen des Pflegeteams, die ihren Großvater betreut hatten, findet und die ihr überlassen wurden. Dort findet sie kleine kurze Mitteilungen, die das Pflegeteam über das Befinden ihres Großvaters notiert hatten. Wie hat er sich gefühlt, was war ihm noch wichtig, was waren seine Fragen über die er gern noch sprechen wollte, aber auch ganz profane Dinge, was er gegessen hat, wann er schlafen gegangen ist, kurz wie sie ihn vorgefunden haben, wenn sie bei ihm vorbeischauten.
Diese kleinen Mitteilungen lesen wir auch in ihrem Buch über den Protagonisten Bo, der 89jährig noch in seinem Haus alleine lebt, denn Bo´s Frau lebt seit einiger Zeit in einem Pflegeheim wegen ihrer Demenz, aber von Pflegepersonal betreut wird, die mehrmals am Tag nach ihm schauen und das Nötige und Wichtige verrichten. Essenszubereitung, Duschen aber auch immer wieder Zeit finden, mit Bo ein kleines Gespräch zu führen, sich seine Sorgen und Nöte anzuhören und versuchen darauf einzugehen.
Aber da ist auch noch Hans, sein Sohn, der zwar viel beschäftigt, sich aber dennoch pragmatisch um seinen Vater kümmert. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist eher kühl, was noch eskaliert, weil der Sohn ihm das Liebste, das er noch bei sich hat, seinen treuen Begleiter, den Hund Sixten, wegnehmen will. Es ginge nicht mehr, meint er, der Vater könne sich nicht mehr genügend um ihn kümmern. Das führt zu zustäzlichen Spannungen zwischen Vater und Sohn.
Wir erleben also den letzten Sommer Bo´s in seinem kleinen Dorf in Nordschweden, aus dem er nie herausgekommen ist mit seiner Frau. Wie sein Alltag immer mehr eingegrenzt wird, denn der körperliche Zustand erlaubt es nicht mehr noch viel allein zu schaffen. Wenn das Pflegepersonal nicht vor Ort ist und auch sein Sohn nicht zur Verfügung steht, lebt er also in seiner Einsamkeit zurückgezogen mit all dem, was ein Mensch, wenn der Körper nicht mehr will und kann und der Geist nicht von Außenreizen abgelenkt ist, was noch in seinem Kopf vorgeht. Und dass ist sehr viel. All die Erinnerungen an das Vergangene, die schönen Zeiten mit seiner Frau, aber auch mit Hans, seinem Sohn. Auch ist da noch sein einziger Freund, der ebenfalls nun alt zurückgezogen in seinem Haus in der Stadt lebt, mit ihm ist er noch hin- und wieder mit Telefonaten in Verbindung.
Es sind aber nicht nur die Erinnerungen, in die er sich verliert, sondern auch Gedanken über das Leben, wie er es geführt hat, ob er alles richtig gemacht hat, was er wohl wem schuldig geblieben ist, vor allen Dingen auch seinem Sohn Hans gegenüber, was wohl zu der Sprachlosigkeit der Beiden miteinander geführt hat. Lag es an seinem eigenen Erlebtem im Verhältnis zu seinem Vater?
Am Ende des Buches ist Bo versöhnt mit allem, auch mit seinem Sohn, denn auch wenn viel Sprachlosigkeit zwischen den Beiden geherrscht hat, wußten Beide von der Liebe die sie gegenseitig für den Anderen empfanden. Er sieht die Kraniche Richtung Süden ziehen und weiß, dass es nun auch für ihn genug ist. Er will nun gehen.
Das Buch drückt nie auf die Tränendrüsen, wird zu melancholisch oder gar deprimierend, nein, es hat auch immer wieder seine Stellen, an denen man mit Bo schmunzeln gar lachen muß. Es ist ein Buch über die Würde des Alterns und das Abschiednehmen. So geht das also, falls man sich das vorher noch nicht klargemacht hat.
Man wünscht es sich so für sich selber, wie es Bo ergangen ist in seinen letzten Lebensmonaten, umsorgt von gutem Pflegepersonal, die nicht nur rein zur Tür und gleich wieder raus sind, wie ich es selber oft erlebt habe in meiner, wenn auch kurzen Zeit meiner Arbeit bei einem Pflegedienst. Man wünscht sich, dass auch das Unausgesprochene mit denen, die man liebt, von ihnen erkannt wird und das Fundament der gegenseitigen Liebe bestätigt. Und ja, man wünscht sich auch, dass man am Ende klar kommt mit der sich zuspitzenden Entmündigung des eigenen Willens, des nicht mehr selber entscheiden können, sondern es in gute Hände abgeben kann.