Na ja, jeder hat solche Erfahrungen bestimmt schon öfters gemacht, oder? Da vertraut dir jemand etwas an, was ihm wohl auf dem Herzen liegt, was er loswerden möchte, und fügt den Satz hinterher:"Aber sag es bitte nicht weiter, das bleibt unter uns!"
Wieviel "Geheimnis" verträgt eigentlich ein Mensch? Wie geht er damit um?
Ich persönlich hatte aus meiner Kindheitsgeschichte eher ein ungute Erfahrung mit Geheimnissen. Dinge, die geschehen waren, nicht sagen zu dürfen, weil das eigene Leben dadurch bedroht war, hat mir sehr lange zu schaffen gemacht. Hab lange lernen müssen, mich davon zu befreien.
Erst vor kurzem gab es in meiner Umgebung mal wieder ein beispielhaftes Erlebnis. Da war ein Ehepaar, schon lange verheiratet. Jeder glaubte, bei ihnen sei alles in Ordnung. Bis Ehefrau X sich einer vermeintlich guten Freundin anvertraute und ihr gestand, dass ihr Mann schon seit Jahren eine Geliebte hatte. Sie hatte von ihrem Leiden darum erzählt, sie mußte es einfach loswerden. Sie dachte, ihrer besten Freundin könne sie es anvertrauen. Aber was ist schon "beste Freundin?"
Jedenfalls einige Wochen später, traf ich sie, die beste Freundin, wir saßen bei einem Weinchen zusammen und erzählten so dies und das, sprachen über die Liebe und über die Treue und da erzählte sie mir von besagter "X" und ihrem Mann. Nein, ich war nicht schockiert, warum auch. Was mich nur störte, war, dass sie mir gestand, dass sie es ja eigentlich nicht weiter sagen sollte! Ich war darüber sehr traurig. Wie sollte ich jetzt damit umgehen? Sollte ich es jetzt so tun, als hätte ich es nicht gehört? Ich dachte, mensch wenn du "X" jetzt triffst und ihr in die Augen schaut und sie weiß gar nicht, was du über sie weißt? Das belastete mich, muß ich sagen. Ich mag das nicht!
Also, ein paar Tage später hatte ich mich dazu durchgerungen, die betroffene "Y" noch mal anzurufen und hab ihr gesagt, du, hör mal, ich kann damit nicht umgehen, ich muß das jetzt zur Sprache bringen. Denn ehrlich gesagt, ich vertraue dir nicht an diesem Punkt. Du hast es mir gesagt, wann wirst du es dem Nächsten sagen? Nachher weiß es jeder, nur die Betroffene hat keine Ahnung, dass alle wissen, was sie eigentlich nicht wissen sollten! Mir war bewußt, dass ich dadurch einen Stein ins Rollen brachte. Jedenfalls gestand "Y" mir ein, ja, du hast ja recht. Ich hätte es nicht sagen sollen, es ist mir einfach so rausgerutscht.
Gesagt getan, rief ich also ein wenig später Frau "X" an, um mich mit ihr zu treffen. Wir hatten uns lange nicht gesehen und trotzdem, kamen wir sehr schnell an unser Leben. Nach einiger Zeit sprach ich sie dann darauf an, und erzählte ihr, was ich über ihre beste Freundin gehört hatte und dass diese auch von diesem Gespräch jetzt weiß. Aber jetzt kommt das Überraschende:" Sie wußte es schon! Denn sie ist schon von anderen angesprochen worden, die es ihr erzählt hatten. Also war ich wohl nicht die einzige, die es zu hören bekommen hatte. Außerdem sagte sie, es hätten wohl schon lange, bevor sie es wußte, einige andere aus dem Bekannten- und Freundskreis gewußt. Na ja, du weißt ja, sagte sie mir, die Welt ist klein und Nippes sowieso. Hier hast du keine Geheimnisse, jeder weiß alles über jeden. Manchmal mehr als du selber.
Schön war, an der Geschichte, dass sie letztendlich der besagten Freundin keinen Vorwurf machte, sondern Verständnis zeigte. Wir trafen uns dann zu Dritt noch einmal, um die ganze Geschichte zu bereden. Heraus kam, manchmal kann man mit dem eigenen Erlebten nicht umgehen und muß sich aussprechen, aber manchmal kann auch derjenige, dem man Vertrauen geschenkt hat, mit dem Anvertrauten nicht umgehen. So hatte jeder seinen Grund, es irgendwie los zu werden. Das erschien uns dann im Nachhinein alles sehr menschlich, so dass dann auch Versöhnung entstehen konnte.
Am Ende kam heraus, dass niemand dem anderen böse war. Jeder mußte für sich mit der Sache so umgehen, wie er selber damit zurecht kam. Und letztendlich hat diese Geschichte dann dazu geführt, endlich, dass besagte "X" nun reinen Tisch mit ihrem Mann machte. Und sie hat uns "Drei" irgendwie noch enger zusammengebracht, als vorher.
Soweit so gut. Es gibt Dinge im Leben, darüber würde ich einfach nicht mit andern sprechen, weil ich darum weiß, wie schnell Situationen eintreten können, wo das Schweigen über das Gehörte, gebrochen werden kann. Ich halte es jedenfalls so, dass ich, wenn ich jemandem anderen etwas sage, damit auch rechne, dass es möglicherweise nicht bei ihm bleibt. Das hilft mir schon mal. Daher mag ich solche Sätze wie:"Aber bitte sag es keinem weiter" eigentlich nicht so sehr. Scheinen sie doch gerade dazu Anlaß zu geben, das "Gesagte" schnellst möglichst wieder los zu werden. Denn "wieviel Geheimnis" eines anderen erträgt ein Mensch?
Da ich versuche, zu meinem Leben immer zu stehen, egal ob Höhen oder Tiefen, egal, ob die Beziehung gerade gut läuft oder in einer schlechten Phase ist, brauche ich persönlich auch keine Angst davor zu haben. Hab ich mal einen Fehler gemacht, kann ich auch dazu stehen.
Aber trotz allem gibt es Dinge im Leben, über die man Schweigen muß! Heute morgen las ich in einer Zeitung mit drei Buchstaben über Gespräch mit Herrn Thomas de Maizere, Chef des Kanzleramtes in Berlin, der für den Geheimdienst zuständig ist. Er erzählte aus seinem Leben und wie er mit den Dingen umgeht, die ihn natürlich von Berufswegen auch manchmal sehr belasten. Schon sein Vater war oberster General der Bundeswehr und er hatte aus der Familiengeschichte schon gelernt, wie es ist, wenn Dinge in der Familie unausgesprochen bleiben mußten. Erst im Nachhinein hat er erfahren, wieviel sein Vater manchmal wußte über die politischen Entwicklungen und er hatte daraus gelernt, was es heißt Verantwortung zu tragen!
Darum geht es wohl, wenn jemand einem ein "Geheimnis" erzählt. Man ist sich der eigenen Verantwortung in diesem Moment wohl nicht bewußt, oder?
Manchmal ist es richtig und absolut notwendig, Schweigen zu bewahren, aber manchmal ist es auch wichtig, das Schweigen zu brechen. Weil die Wahrheit offen zu legen, kann dann oft, wenn alle Beteiligten gut und versöhnlich damit umgehen, dazu helfen, die Dinge zu bereinigen.
Jedenfalls habe ich das in meiner Familiengeschichte so erlebt. Es war an vielen Punkten schon sehr schwer, endlich reinen Tisch zu machen, aber ich habe es nicht bereut! Denn dadurch sind die Verhältnisse klarer und ehrlicher geworden.
Also es ist immer zu differenzieren, was bei einem bleiben soll und muß und was nicht! Und wenn man mal "schwach" geworden ist, dann ist sicher "Mut" noch das beste Mittel, dem Anvertrauenden gegenüber zu treten, und ihm zu gestehen, dass man schwach geworden ist! Es ist doch alles menschlich, jedem kann mal passieren, dass er etwas tut, was er eigentlich nicht sollte und wollte! Niemand ist perfekt!
Und zum Schluß muß ich sagen, ich weiß um viele persönliche Geständnisse und Lebenserfahrungen anderer Menschen und bisher sind sie sicher bei mir in meinem Herzen geblieben. Und ich hoffe darauf, dass vieles, was ich noch nicht offen ausgesprochen habe, auch bei denen bleibt, denen ich es gestanden habe