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Sich auf den Weg machen!

Noch zehn Wochen, dann ist es soweit. Ich zähle die Tage. Dann werde ich mich auf den Weg machen. Nicht nur auf "den" Weg, sondern einen ganz bestimmten Weg, den Jakobs-Pilgerweg.
 
Nach einer Legende führte im Jahre 830 eine Sternenerscheinung einen galicischen Hirten zum Grab des Heiligen Jakobus. Schon im 5. Jhd. soll es Hinweise gegeben haben, das Jakobus, Bruder des Apostel Johannes, in Spanien missioniert habe. Als er nach Palästina zurückkehrte, soll er von Herodes enthauptet worden sein. Sein Leichnam soll auf wunderbare Weise mit einem Schiff nach Galicien gelangt sein. Dort wurde er dann von seinen Jüngern bestattet.
 
Bischof Theodomir von Iria Flavia erklärte die Reliquien für echt und Alfonso II. König von Asturien und Leon, ließ zu Jakobus Ehren an der Fundstelle, dem "Sternenfeld" (campus stellae) dann eine Kirche errichten. So entstand, neben Rom und Jerusalem, das drittgrößte Pilgerziel der Christen.
 
Vom 11. bis zum 13. Jhdt. hatte der Jakobsweg seine Blütezeit. Christen aus ganz Europa zog es zum Jakobusgrab, bis zu 1ooo Pilgern täglich. Der typische Jakobspilger damals trug einen breitkrempigen Hut, einen weißen Mantel, einen Pilgerstab, einen Kürbis als Wasserbehälter, eine Tasche für die Pilgerdokumente und dann die Jakobsmuschel, die als Beweis für die Pilgerschaft galt, später dann zum typischen Erkennungszeichen des Pilgers wurde.
 
Die Jakobskathedrale selber entstand in den Jahren 1078 bis 12.Jhdt.. Sie ist ein Wahrzeichen für die damalige romanische Baukunst und Bildhauerei. Im Jahre 1122 rief Papst Calixt II. das Heilige Jahr aus, das von nun an gefeiert wurde, immer am 25. Juli, dem Namenstag des Jakobus.
 
Wer sich in dieser Zeit auf den Weg machte, kam leider nicht immer an. Vielfältige Gefahren lauerten auf dem Weg. Das Geld ging aus, weil betrügerische Händler, Wirte und Zollbeamte, den Pilgern es aus der Tasche zogen. AM Ende standen sie ohne da und mußten ihre Pilgerreise abbrechen. DAzu kamen vergiftete Flüsse, Wegelagerer, Krankheiten, viele verstarben auch auf dem Weg.
 
Um 1492 ebbte der Pilgerstrom ab, zum einen, wegen der ständigen Pestepidemien, zum anderen, weil Räuber und abteneuerlustige Scheinpilger überhand nahmen und ihr Unwesen trieben.
 
Im JAhre 1589 soll der englische Seefahrer und Pirat Fracis Drake die Reliquien gestohlen und versteckt haben. Sie wurden somit schlichtweg vergessen. So kam die Pilgerbewegung gänzlich zum Erliegen. Um die Pilger weider zu bewegen, wurde erneut nach den Reliquien gesucht. 1879 fand man sie dann zwischen den Mauern der Apsis. Eine Bulle von Papst Leo XIII. erklärte sie gegen alle Zweifler für echt. So machten sich erneut Menschen wieder auf den Weg.
 
In Zeiten des spanischen Bürgerkrieges 1936 - 1939 kam es jedoch wieder zum Stillstand. Trotzallem vereinnahmte selbst Franco Jakobus für seine Zwecke, in dem er verkündete, die größten Schlachten der Nationalsozialisten hätten sie Dank Jakobus gewonnen. So wurde unter dem Diktatot Franco Jakobus wieder zum Schutzpatron Spaniens. Kunsthistoriker machten sich auf den Weg. Erst seit der Öffnung Spaniens in Richtung Europa in den 6oer Jahren begingen auch wieder religiös motivierte Pilger den Weg.
 
Internationales Ansehen erhielt der Jakobsweg erstmals wieder nach dem Tode Francos und der Verabschiedung der demokratischen Verfassung. 1982 besuchte Papst Johannes Paul II. im ersten heiligen Jahr im demokratischen Spanien, das Grab. 1987 wurde der Camino de Santiago zum europäischen Kulturweg ernannt, 1933 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, aufgenommen. Der gelbe Pfeil und die Jakobsmuschel wurden zum Wegweiser für alle Pilger und auf dem Weg breitete sich ein dichtes Netz an Pilgerherbergen aus, dier heute zum Teil von Privatleuten, zum Teil aus der Jakobsbruderschaft unterhalten werden.
 
Der Pilgerweg wurde von nun an international vermarktet. Im Jahre 2oo4 z.B. strömten Hundertausende von Menschen zum Jakobsgrab, von überall her. Übrigens sind die nächsten Heiligen Jahre 2o10 und 2o21.
 
Bis zum heutigen Tage also machen sich jährliche viele, viele Menschen aller Nationalitäten und Konfessionen auf disen Weg.
 
Ich selber bin vor einigen Jahren eine kleine Teilstrecke, 14 Tagesetappen bis nach Santiago gewandert. Die Erfahrungen haben sich bis auf den heutigen Tag in meine Seele eingebrannt. Ist man unterwegs, erkennt man, wer man ist.
 
Es ist schon eine Herausforderung an sich, aus der eigenen Bequemlichkeit des Alltags auszubrechen und sich Wind und Wetter zu stellen, in dürftigen und absolut bescheidenen Herbergen seinen Schlafplatz mit vielen anderen zu teilen, die man nicht kennt und trotz allem mit ihnen so nah in Berührung kommt.
Spätestens nach drei Tagen merkt man, dass man viel zu viel im Rucksack hat, aber das Wichtigste möglicherweise vergessen hat. Ein schönes Bild für unseren Alltag. Viel zu viel Sorgen und Probleme laden wir uns auf, die eigentlich nicht nötig sind, und die uns manchmal nicht schlafen lassen. Unterwegs lernt man auch, sich von unnötigem Ballast zu befreien, aber auch wie sehr man abhängig ist, von allen seinen Gewohnheiten.
 
Nie lernt man den eigenen Körper so gut kennen und schätzen, wie auf einer tagelangen Wanderung. Jedes Ziehen in den Muskeln, Schmerzen vom Tragen des Rucksackes, Blasen an den Füßen, zeigen uns auf, wie zerbrechlich unser Körper ist, aber auch, dass man sich selber überwinden kann und es letztendlich doch schafft. Kommt man dann am späten Nachmittag nach einer 35km langen Tagesetappe endlich in der Herberge an, läßt den Rucksack fallen, weiß man erst, wie einfach es ist, sich fallenlassen zu können. Eine einfache Mahlzeit, mehr braucht man dann nicht mehr.
 
Unterwegs trifft man immer wieder Menschen, die man in den Herbergen kennengelernt hat. Fremde achten aufeinander, passen auf und trotz aller Sprachschwierigkeiten findet man immer zu einer gemeinsamen Sprache, nämlich der der "Brüderlichkeit" im Miteinander.
 
Gelangt man dann endlich nach all den langen Strapazen und Mühen an sein Ziel und sitz in der Kathedrale, wo am jeden Samstag das große Weihrauchsfaß geschwenkt wird, ist man seelig. Es hat sich gelohnt, Körper und Seele sind gereinigt und im Einklang.
 
Ich gehe am 2. Mai los und werde hoffentlich nach 32 Tagesetappen mein Ziel erreichen. Vieles, was unbearbeitet ist, in meinem Leben, werde ich mitnehmen, vieles werde ich zuhause lassen, aber auch die Familie, Freunde und meine lieben Gewohnheiten.
 
Ich freu mich drauf, auf die neuen Erfahrungen, die Natur und die Menschen, die mir auf dem Weg begegnen und hoffe, dass ich immer die Kraft finden werde, auch gegen die Unwägbarkeiten angehen zu können.
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