So geht das also!
Seit einem Jahr geht meine Mutter nun auf ihren Tod zu. Zuerst die Auflehnung, das Nicht-Annehmen können, dann langsam aber sicher, das Siechhineinfinden in die unabänderliche Tatsache.
Auch von meiner Seite aus. Der Schock war einfach zu groß. Nun geht sie, dachte ich damals, obwohl ich sie nie gehabt hatte! Fremd waren wir uns geblieben. Ich konnte ihr Leben nicht verstehen, sie nahm nie Anteil an meinem Leben. Das wird auch nicht, sagten mir Freunde und Bekannte, in den meisten Fällen auf jeden Fall nicht. Das musst du so respektieren.
Musste ich das? In vielen Momenten habe ich gekämpft, geweint und gehadert, warum? Es hätte doch alles anders sein können!
Doch, ich muss jetzt, nach einem Jahr zugeben, dass ich trotz meines Alters, trotz dass ich gelernt hatte, in meinem Leben ohne Mutter auszukommen, das immer ein bisschen Hoffnung und Sehnsucht da war, dass sie endlich einmal ihren Arm um mich legte, endlich einmal meinen Arm annehmen konnte. Schon verrückt, nicht!
Aber es passierte nichts. Ich fuhr hin, ich erledigte für sie, fuhr sie, hörte ihren oft furchtbar langen Monologen über Fernsehsendungen, Katzenfutter, eigene Nahrungsaufnahme, Nachbartratsch usw.usw. zu. Manchmal mit innerer Abwehr, manchmal mit innerem Abstand, manchmal aber gelang es mir sogar, ihr trotz allem mit liebevollen Gefühlen zu begegnen, ganz da zu sein.
Ein Jahr ist jetzt vergangen! Vielleicht noch bis Weihnachten, sagte der Arzt vor einem zwei Monaten. SO endgültig! Ich sah ihr an, dass sie es annahm. Jetzt, dachte ich, jetzt kann ich vielleicht doch noch mehr tun für sie. Ich wollte, dass sie zu mir kommt, ich wollte nicht, dass sie allein blieb. Ich konnte das nicht respektieren. Ich dachte, wenn ich selber in der Situation wäre, hätte ich es sicher gerne anders. Aber sie lehnte alles ab, wollte in ihrem Haus verbleiben, wollte ihre „Freiheit“ behalten, bis zum letzten Moment, bis es nicht mehr geht, sagte sie mir heute noch. Ich verstand es nicht, bis vor zwei Wochen, da wurde es mir endlich klar.
Sie hat ihr Leben „selbstbestimmt“ gelebt, auch wenn ich es nicht verstanden hatte. Sie hatte sich abgeschottet, sich eingerichtet und war zufrieden. Ich hatte es ihr nie geglaubt, weil ich dachte, so könne man nicht zufrieden sein. Aber es waren meine eigenen Projektionen vom „Glück“ oder vom „Zufriedensein“. Das weiß ich aber heute erst.
Jetzt erst muss auch ich begreifen, dass ich ihr Unrecht getan habe, unbewusst, nicht gewollt, aber sie muss es wohl gefühlt haben, dass ich ihr Leben nie akzeptiert, respektiert hatte. SO ist das nun einmal. Warum weiß ich selber nicht. Ich wollte immer ein anderes Leben für sie!
Bis Weihnachten vielleicht noch! Und das Unmögliche geschieht ganz einfach still und leise. Die Hoffnung ist berechtigt gewesen, das Aushalten, Still werden, sich in Geduld üben, warten, schauen was ist und was wird, hat sich gelohnt! Wozu? Für diesen einen Moment!
Ich verabschiedete mich heute von ihr. Ich sagte zu ihr:“Komm Mama, lass Dich mal in den Arm nehmen“ Es gab schon ähnliche kleine Momente in den letzten Monaten. Eine zarte Hand von ihr, die mir flüchtig über den Arm streicht. Ein kleines Stillhalten, wenn ich ihr nur kurz den Arm um die Schulter legte. Ein Moment, in dem sie ihren Kopf in meinen Schoß legte und weinte. Ich musste das verarbeiten, das war immer so unverhofft.
Aber heute, dieser Moment, diese Geste, hat mein Gefühlsleben durcheinander gebracht. Dieser Moment, wo ich beide Arme um sie geschlungen hatte und sie sich ganz vertrauensvoll in meine Arme geschmiegt hatte, ja sogar ihre eigenen Arme um mich legte, ihren Kopf an meine Schulter legte und einfach da blieb, für Sekunden, einfach da, ruhig, still, wie zuhause ankommend und dann zu mir sagte:“ Du riechst so gut Kind“! Das war der Moment, wo mir der Boden unter den Füßen wegbrach und ich nicht wusste, wann und wie und wo ich ankam.
Dann ging ich und sie rief mir noch hinterher:“ Bald komme ich, lass mich noch ein Weilchen, bis es wirklich gar nicht mehr geht“! Ich drehte mich um, sagte:“ Alles gut, Mama, mach es so, wie Du es willst und wie es für dich richtig ist“!
Ich stieg ins Auto, die Sonne leuchtete warm und golden über die Straße, das Herbstlaub leuchtete in allen Farbnuancen und ich war einfach glücklich, obwohl ich weinen musste. In diesem einen Moment erkannte ich, ich war wie sie und ich werde wie sie, wenn auch mit einem anderen Lebensanspruch, aber der unbedingte Freiheitsdrang, selbstbestimmt zu leben, ist genauso in mir, wie in ihr. Ich habe Respekt vor ihr. Endlich! Schön ist das