Ehrlich, ich kann von mir sagen, ich bin freundlich, herzlich, versöhnlich, ich bin wirklich kein kleinlicher Typ. Ist mal jemand unfreundlich mir gegenüber, dann kann ich ihn sogar liebevoll anschauen und fragen, warum?
Aber heute, heute war so ein Tag, da ist es passiert, da trat ein ganz anderes Röschen aus meinem Inneren hervor.
Ich gehe, schnell zwischen zwei Arbeitsstellen in den Bio-Supermarkt. Sohn hatte mich angerufen und gefragt, ob ich was zu essen machen würde, am Abend. Vielleicht war das schon der Punkt, an dem mein Unterbewusstsein zweifelte. Hätte ich ihm sagen sollen, mach dir doch selber was, ich hab schließlich auch 9 Stunden gearbeitet heute. Aber ich bin halt sorgende Mutter durch und durch, da kann ich mich selten herausziehen.
Also hab ich es mal schnell verdrängt und bin rein in den Supermarkt. Kühle Luft empfängt mich, ach, denke ich, ist ja gar nicht so schlimm, im Gegenteil, ist ja eine reine Wohltat, hier durch die Gänge zu schlendern. Ich vergesse, dass ich in Eile bin und nehme mir ein bisschen Zeit, das Warenangebot zu prüfen. Was koche ich denn bloß, denke ich. Es soll ja schnell gehen, denn ich will ja am Abend noch ins Kino. Ich gehe an den Regalen vorbei. Wer schon einmal im Nippesser Alnatura war, der weiß, das an jeder Ecke ein kleiner Probierstand steht, mit allen erdenklichen Köstlichkeiten, die man dort naschen und probieren kann. Dabei habe ich schon oft beobachtet, dass es Leute gibt, die nur damit beschäftigt sind, von einem Probier-Angebot zum nächsten zu laufen. Kriegen die eigentlich zuhause nichts zu essen?
Ich gehe durch den ersten Gang an dem Regal mit den leckeren Chips-, Nuss- und Trockenfrüchten-Knabbereien vorbei. Ganz am Ende des Regals sehe ich einen Mann, mitte Fünfzig auf mich zukommen. Die Gänge sind sehr breit. Ich bewege mich ganz am Rand des linken Regals, in der rechten Hand meinen Einkaufskorb. Ich nehme den Herrn wahr, wie er auf mich zukommt und denke noch, ist ja genug Platz, der kommt locker an mir vorbei, zum Ausweichen reicht es allemal. Ich versinke wieder in meinen Träumen und gehe weiter und da passiert es, dieser Mensch, kümmert sich überhaupt gar nicht darum, dass ich ihm bewaffnet mit meinem Einkaufskorb entgegenkomme und er reißt mich mitten aus meinem Traum heraus, in dem er voll meinen Einkaufskorb weggedrückt, der mir vor Schreck aus der Hand fällt, und, was tut der? Kein Wörtchen von Entschuldigung, sondern geht einfach weiter. Ich stehe da wie ein bedatteter Pudel, dreh mich um, schaue ihm hinterher und denke, das gibt es doch gar nicht! Kann das wahr sein? Und plötzlich überkommt es mich! Ich fasse mir ein Herz und rufe ihm nach:“ Du blöder, ungezogener, selbstverliebter egoistischer Weihnachtsmann“!
Er, dreht sich um und grinst mich einfach an. Jawohl, sag ich ihm noch mal, das bist Du!
Leider hat es nichts genutzt, er geht weiter, ohne Einkaufskorb und irgendeine Ware in der Hand, hat wohl seinen Probiergang durchgezogen und ich stehe immer noch da, wie ein begossener Pudel. Was war dass denn jetzt, Röschen, denke ich. Pah, sag ich zu mir selber, dazu stehst jetzt! Das musste jetzt einfach sein. Man muss ja schließlich sagen, was man denkt, oder?
Es gibt Leute mit Verhaltensweisen, die gibt es gar nicht, oder doch?