Endlich! Auch wenn er wohl, den Prognosen zufolge, nur zwei Tage anhalten soll, wir haben Sommer? Die Herzen fangen an höher zu schlagen. Körpererwärmung und der Wunsch, dass es noch lange anhalten soll, macht sich in den Köpfen der Menschen breit. Die Cafes sind gut besetzt, Schwimmbäder, Seen und Parkanlagen überfüllt. Wer noch nicht in Urlaub gefahren ist, taucht ein in kleine Atempausen an einem schattigen Plätzchen. Und wer könnte da der treueste Begleiter sein, um nicht allein zu sein? Natürlich ein Buch! Ob der heißen Temperatur ist der Kopf allerdings auf kleine Flamme geschaltet. Nicht viel nachdenken müssen, sich einfach unterhalten lassen. Was kann da schöner sein, als ein sympathischer Krimi!
Normalerweise sehe ich Krimis lieber, als ich sie lese! Aber in den letzten Tagen ist mir einer unter die Hand gekommen, der mich gefesselt hat und mir viel Freude bereitet hat.
Der Autor heißt Bernhard Jaumann. Jaumann wurde 1957 in Augsburg geboren. Bekannt wurde er durch eine ganze Reihe von Kriminalromanen, wie gesagt, ich hatte bisher gar keine Notiz von ihm genommen. Bekannt wurde er durch seinen Roman „Saltimbocca“. Für diesen hat er 2003 den Friedrich-Glauser-Preis bekommen. Friedrich Glauser war übrigens einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren. Aber weiter zu Jaumann. Er studierte Deutsch, Geschichte und Sozialkunde und war lange Zeit als Lehrer tätig. Er lebte und arbeitete lange Zeit im Ausland, Mexiko, Australien und Italien. Zurzeit lebt er in Windhoek/Namibia und besitzt ein kleines Häuschen im Bergdorf Montesecco in den italienischen Marken. Seine beiden letzten Romane spielen auch in diesem Dorf.
Montesecco ist wie gesagt, ein kleines italienisches Bergdorf. Die Bewohner sind allesamt arm, aber anscheinend ist das die Voraussetzung für ihr doch relativ harmonisches und ruhiges Miteinander. Man geht seiner Arbeit nach, die nicht viel einbringt, trifft sich am Abend im Dorflokal, tauscht dort seinen Alltag mit den kleinen und größeren Problemen aus, nimmt Anteil aneinander. Es ist schön zu lesen, wie Menschen, wenn alle nicht viel haben, ohne den Sozialneid leben können. Es gibt keine Urteile, die Welt scheint unbelastet zu sein.
Das große Zerbrechen dieses idyllischen Lebens geschieht in dem Moment, wo der alte Benito Sgreccia sich drei Huren aus Rom bestellt und das alte Pfarrhaus, in dem er lebt, noch mal auf Hochglanz aufpolieren lässt. Er bestellt sich teure Möbel, Delikatessen und lebt drei Tage in Saus und Braus, genießt das Leben, das er seinem Gefühl nach, nicht mehr lange haben wird. Gibt es tatsächlich eine Vorahnung auf den eigenen bevorstehenden Tod? Und wenn ja, wie geht man tatsächlich damit um?
Es kommt also, wie vorausgesehen. Sgreccia stirbt nach diesen drei Tagen. Die Bewohner des Dorfes, die seinem Treiben mit Argwohn und erstmals Neid beobachtet hatten und sich nicht vorstellen konnten, woher das Geld für seine Ausschweifungen gekommen ist, geraten ins Wanken. Ist Sgreccia wirklich eines natürlichen Todes gestorben? Curzio ein Freund Sgreccias vermutet stark, dass er ermordet wurde. So beginnt er mit eigenen Nachforschungen. Zusätzlich wird nun bekannt, das Screccia ein Millionenvermögen hinterlassen hat. Erbe soll, nachdem man sogar ein Testament gefunden hat, sein Sohn sein. Sein Sohn, ein Verlierer, Spinner und Träumer erfährt einen wahren Glückstaumel. Natürlich entstehen nun Spekulationen im Dorf, wer möglicherweise von diesem unverhofften Geldsegen Anteil bekommt.
In diese Geschichte hinein wird ein achtjähriger Junge entführt. Zuerst tauchen keine Lösegeldforderungen auf, die kommen erst viel später. Jetzt fängt die Hetzjagd im Dorf an. Wer hat den Jungen entführt? Wer ist der Mörder Sgreccias, hängt womöglich alles zusammen? Die Bewohner und ihr bisher freundschaftliches Miteinander beginnen sich zu verändern. Es stimmt mal wieder, Geld verdirbt den Charakter! Jeder verdächtigt Jeden! Alle wollen an das Geld. Aber jeder kann auch der Mörder gewesen sein, oder der Entführer. Jaumann schildert atmosphärisch sehr dicht, wie auf subtile Art und Weise die Gier den Menschen verändert.
Der Roman wird auf zwei Ebenen erzählt. Die erste handelt vom Tod Screccias und die andere erzählt vom Verschwinden des Jungen.
Wer sich also in diesen wunderschönen Sommertagen in ein kleines italienisches Bergdorf hineinträumen will und sich den Duft von Olivenhainen und den kühlen und klaren Bergwind um die Ohren wehen lassen will, sollte an diesem Buch auf keinen Fall vorbeigehen. Und wer sich gleichzeitig auf unterhaltsame Art mit den letzten Dingen im Leben des Menschen beschäftigen will und von den Abgründen, die in jedem Menschen schlummern, die sich immer dann offenbaren, wenn es ums Geld geht, der wird sicher, wie ich diesen wunderschönen, sprachlich hervorragend geschriebenen Krimi in spätestens zwei Tagen durchgelesen haben und sich des Gefühls nicht erwehren können, er sei tatsächlich dabei gewesen!
Viel Vergnügen!
Leseprobe:
„Zweiundachtzig Jahre hatte Benito Sgreccia hinter sich gebracht, dann lebte er drei Tage und am vierten Tag starb er. Am Sonntag um 14.1o Uhr wurde er zum letzten Mal lebend gesehen, als er den befrackten Kellner mit einer Handbewegung zurückwies und abrupt vom Tisch aufstand. Nach einem unterdrückten Hustenanfall sagte er zu Wilma, Laura und Piroschka, sie sollten den Hummer allein essen, ihm sei von den Austern und den Mazzancolle sowieso schon übel, er wolle lieber ein wenig frische Luft schnappen.
Dann stieg der alte die Treppe hinauf und trat auf die Dachterrasse des Pfarrhauses hinaus. Die Fahnen knatterten im steifen Herbstwind. Der Maestrale brachte trockene kalte Luft aus Nordwesten. Er zog den Liegestuhl aus dem Windschatten des Kirchendaches an die Brüstung der Terrasse vor und ließ sich ächzend nieder“