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Siddharta-Hesse - Kinofilm -

Du gehst abends schlafen, stehst morgens wieder auf. Du weißt nicht, was der Tag bringt! Sicher, du hast Deine Verpflichtungen, was getan werden muss, tust du! Aber wartet man nicht immer auf eine Überraschung. Irgendetwas, was den Tag durcheinander bringt. Deine Gedanken, deine Gefühle, dein Handeln. Irgendein Wort, einen Hinweis, was Dein Leben einmal wieder in Schwung bringt, eine neue Erkenntnis, die dich herausholt, aus dem Festgefahrenen der Gedanken, der Suche nach sich selbst.
 
So ein Tag war heute für mich! Ich bin aufgestanden, hab wie immer meinen KSTA aus dem Hausflur heraufgeholt und habe erst einmal gefrühstückt. In der Beilage fiel mein Blick wie immer auf den Tageskalender. Eigentlich in unbestimmter Absicht, nicht wirklich auf der Suche. Und doch fällt mein Blick auf die zu empfehlenden Filme in den Programmkinos und anderen Veranstaltungsorte. Da les ich den Hinweis auf den Kulturbunker in Mülheim, in dem am Abend der Film „Siddhartha“ von Hermann Hesse gezeigt werden soll. Ein Licht blitzt in mir auf. Ich falle sofort ins Träumen an vergangene Zeiten. Gerade mal 20 Jährchen zählte ich, als ich das Buch von Hesse verschlungen hatte. Ein Hippie, ein Friedenssucher war ich damals. Eine, die nicht wusste, welchen Weg sie gehen sollte. Ob ich mir den am Abend ansehe, denke ich mich selber fragend? Ich bestehe den Tag, mit einer freudigen Überraschung, aber auch möglicherweise mit einer Hiobsbotschaft. Am Abend habe ich gekocht, wir essen zusammen, mein Mann und ich und ich frage ihn, hast du nicht Lust, mit ins Kino zu kommen. Es läuft Siddhartha im Kulturbunker Mülheim. Mülheim! Sagt er! Ne, lass mal stecken nach Mülheim fahre ich nicht. Komische Gegend da. Ich ruf noch einen Freund an, aber der hat auch was anderes vor. Also setze ich mich ins Auto und fahre über die Mülheimer Brücke bis zur Berliner Straße. Suche den Kulturbunker, den ich schnell finde. Dort stelle ich mein Auto ab, es ist erst 19.30 Uhr. Die Türen sind noch verschlossen, also beschließe ich die Berliner Straße ein wenig rauf und runter zu laufen. Ich bin tatsächlich überrascht. War lange nicht mehr in Mülheim. Damals, vor 3o Jahren hatte ich einen Freund, der wohnte in der Keupstrasse. Dort fuhr damals noch die Bahnlinie. Zuerst gehe ich auf einen Pulk von Obdachlosen zu, die ne Menge Tüten und Kästen mit Bier neben sich stehen hatten.Noch so junge Menschen. Also, wer sagt, Nippes wäre heruntergekommen, der sollte einmal nach Mülheim in die Berliner Straße fahren. Ich gehe also auf diese Ansammlung zu, ein merkwürdiges Gefühl, so etwas wie Bekommenheit macht sich in mir breit. Tapfer gehe ich mitten hindurch. Ich gehe weiter, verhüllte Frauen begegnen mir, viele leere Gesichter. Wieder laufe ich auf eine Gruppe von Männern mit geölten hoch stehenden Haarschöpfen zu, teils aber auch kahlrasiert. Jetzt bekomme ich sogar etwas Angst. Aber auch hier durchschreite ich tapfer die Gruppe. Ich gehe noch ein Stück, dann kehre ich um und laufe auf der anderen Straßenseite zurück zum Kulturbunker. Endlich kommt ein junger Mann heraus und öffnet die Tür. Er will noch eine Zigarette rauchen. Wir kommen ins Gespräch. Er erzählt mir, dass er dort ein zweimonatiges Praktikum macht in seiner Ausbildung als betriebswirtschaftlicher Assistent. Wo er herkommt, frage ich ihn. Ob er hier in Mülheim lebe. Ne, antwortet er mir und erzählt mir, dass er jeden Morgen aus Siegen anreist. Ob er negative Erfahrungen mit dieser Gegend gemacht habe, frage ich ihn. Und ob man vielleicht Angst haben muss, nachher, wenn es dunkel ist und man als Frau allein durch die Straßen geht? Er antwortet mir, dass er selber etwas Furcht hätte, obwohl ihm hier noch nichts Negatives passiert ist. Aber in Siegen, dort wo er wohnt, ist er schon mal überfallen worden. Von wem, will ich wissen. Von betrunkenen migrantenähnlichen Personen, erzählt er mir. Aber er konnte flüchten. Jetzt weiß er, wie er sich in solchen Situationen verhält. Ich zahle ihm 3,--? für den Eintritt. Bin überrascht, für wenig Geld einen guten Film zu sehen. Eine ältere Dame betritt mit mir zugleich den Vorführraum. Wir sitzen ganz alleine dort in dem Saal. Ich bin gespannt.
 
Der Film beginnt, schon alleine die indische Musik bringt mich in einen traumähnlichen Zustand. Man sieht Siddhartha mit seinem Freund Govinda. Siddartha löst sich von seinem Vater, will eigene Wege gehen. Er ist es überdrüssig, ständig die Wiederholungen zu sehen. Alles ist immer gleich, sagt er, der Fluss, die Waschungen am Morgen, die Gebete. Das kann nicht alles sein. Also macht er sich auf den Weg um ein Samana zu werden, Asket und Bettler. Man sieht Bilder von den Samanen, wie sie sich in Trance trommeln und dabei Shiloms rauchen. Sie warten auf die Erleuchtung. Siddhahrtha erkennt, dass es nicht sein Weg ist. Er zieht weiter, Govinda, der ihn idealisiert, mit ihm. Sie gehen zu Buddha. Aber auch diese Lehre kann er nicht annehmen. Er erkennt sie zwar an, aber es ist nicht sein Weg. Govinda bleibt, kann es nicht verstehen, dass Siddhartha weiter will. Siddhartha sagt ihm, man kann nicht durch Erleuchtung Buddha werden, sondern nur aus Erfahrung. Und so geht er weiter, lässt Govinda zurück. Er lernt die Schönheit der Natur kennen, die er zuvor als Samane verachtet hat. Er muss einen Fluss überqueren, um zu den „Kindermenschen“ zu gelangen. Der Fährmann bringt ihn unentgeltlich rüber und prophezeit ihm, dass sie sich wieder sehen würden. Drüben in der Stadt lernt Siddharta die Kurtisane Kamala kennen. Sie bringt ihn bei einem Kaufmann unter und weiht ihn in die Geheimnisse der Liebe ein. Am Anfang erkennt er, dass das Trachten nach Reichtum und Macht eine wunderliche Art der „Kindermenschen“ ist. Aber bald wandelt auch er sich in diesen Menschen. Wird hochmütig, aggressiv und seinem Leben gegenüber überdrüssig. In einem Traum erfährt er seine Wurzel, dass er einmal nach Erleuchtung und Erkenntnis gesucht hat. Er verlässt die Stadt und Kamala, die von ihm schwanger wird und kehrt zurück. Er will nicht mehr leben, will sich ertränken. Dann aber fällt er in einen tiefen Schlaf. Als er erwacht, fängt er an zu meditieren und erkennt dass er sein Ziel, Nirwana zu erreichen, verloren hat. Er begegnet dem Fährmann wieder, bei dem er bleibt. Tag für Tag fährt er mit ihm über den Fluss und bringt die Menschen auf die andere Seite. Der Fährmann lädt ihn ein auf den Fluss zu horchen. Alles ändert sich, sagt er ihm, jeden Tag, der Fluss ist überall, an der Quelle, mündet wieder in einen neuen Fluss, am Wasserfall. Siddhartha versteht noch nicht. Aber er bleibt. Er trifft Kamala wieder, die sich auf die Reise nach Govinda, dem Buddha gemacht hat, der kurz vor der Erleuchtung stehen soll. Kamala wird dort von einer Schlange gebissen und stirbt. Aber Siddhartha hat seinen Sohn gefunden. Er freut sich. Aber sein Sohn wächst heran und rebelliert gegen den Vater. Will, wie einst er selber, ihn verlassen und seinen eigenen Weg gehen.Siddhartha erkennt, das er loslassen muss. Er braucht lange, um es zu verarbeiten. Aber wieder lehrt ihn der Fluss, das fließende Wasser, der immer der gleiche ist und bringt ihn zur Erkenntnis. Im Leben seines Sohnes erkennt er sein eigenes wieder. Er nimmt an und übernimmt die Arbeit des Fährmanns, für den nun die Zeit gekommen ist, zu gehen. Nun trifft er seinen alten Freund Govinda wieder, der ebenfalls die Erleuchtung nicht gefunden hat. Die Freude der beiden ist riesengroß. Siddharta weist ihn in die Geheimnisse des Flusses ein und beide finden zu ihrem Frieden. Die Erleuchtung besteht darin, seinen Frieden in seinem inneren zu finden, Einen Ort, an dem man sich flüchten kann, sich zurückziehen kann aus der Welt. Ein Ort, der Kraft gibt, für alles was zu tun ist. Wenn man den Frieden gefunden hat, ist nichts mehr schwer.Nichts mehr wollen ist die Erleuchtung. Nichts mehr Begehren!
 
Erfüllt von den schönen Bildern und den Texten von Hesse setze ich mich ins Auto und fahre zurück über die Mülheimer Brücke. Es regnet inzwischen, aber über dem Rhein sehe ich das Abendrot der untergehenden Sonne. Ich fühle mich wirklich befreit von den Sorgen und Lasten des Tages. Ein unbeschreiblicher Augenblick. Meine Erleuchtung ist wieder klarer geworden. Es geht nicht um die Vergangenheit, auch nicht um die Zukunft, egal, was sie mir bringen wird. Es geht einzig und allein um diesen Augenblick, um die Gegenwart. Wir verlernen zu schnell, den Augenblick der Gegenwart zu leben und ganz darin zu sein. Wir müssen aufhören zu suchen, denn was wir suchen, ist immer in dem Moment zu finden, in dem wir uns gerade befinden.
 
Es war ein guter Hinweis des KSTA auf den Kulturbunker, der noch an vielen Abenden interessante Filme für wenig Geld bietet. Es lohnt sich, den Weg anzutreten. Übrigens die Frau, die mit mir im Kino war, kam von Wuppertal. Respekt!
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