Nachmittags 16.oo Uhr in meiner Buchhandlung. Ich bin allein, wie so oft an den Nachmittagen! Es befinden sich zwei Kunden im Laden, die sich umschauen! Dann kommt „Er“ herein, locker, kurze Hose, ein bisschen schluderig, zwei Kinder im Schlepptau. Ich liebe Kinder, ehrlich, hab ja selbst welche und noch acht Patenkinder dazu. War mir immer ne Freude! „Er“, der besagte Herr, war schon den Samstag zuvor bei mir im Laden und hatte sich nach einem Buch erkundigt. Schon da war er mir ein bisschen merkwürdig vorgekommen, ein bisschen von oben herab. Ich hatte also für ihn recherchiert und dann ist er mit einem etwas flapsigen Spruch gegangen.
Ich hatte noch überlegt, wollte der jetzt das Buch haben, oder nicht? Na ja, ich bestellte es vorsichtshalber mal.
Jetzt kam er und wollte das Buch abholen! Ach so, ja, sagte ich zu ihm, klar hab ich das Buch bestellt, obwohl es mir nicht ganz klar gewesen wäre, ob er es wirklich bestellen wollte. Wieso? meint er zu mir. War ihm anscheinend nicht bewußt, dass er es nicht ausdrücklich gesagt hatte. Sieht der sich eigentlich als Mittelpunkt der Welt an, denke ich. Dazwischen ruft er seine Kinder:“ Henriette, Dominik, wollt ihr das mal sein lassen. Denn die Kinder machten in der Zwischenzeit einen Heidenlärm. Rannten durch den ganzen Laden, rissen hier ein Buch runter, grabschten da nach einem anderen. Zwischendurch fragte ein anderer Kunde nach einem Buch. „Er“, der besagte Kunde, riss inzwischen die Folie vom Buch herunter und schaute es sich an und kommentierte seinen Eindruck. Einfach dazwischen, während ich noch mit dem anderen Kunden beschäftigt war. Hallo! Dachte ich! Manieren hat der.Wie der Vater so die Kinder. Plötzlich gab es einen Knall und der Hörbuchständer fiel um. Ich schreckte zusammen, auch die anderen Kunden schauten etwas merkwürdig und konsterniert drein.
Daraufhin drehte „Er“, der Vater, sich um und sagte zu seinen Kindern, hey, Mensch, Henriette, Dominik, was stellt ihr denn da an! Keine Konsequenz erfolgte. Er quatschte weiter, die Kinder grölten und machten munter drauflos weiter. Ich rechnete ihm das Buch ab, immer noch etwas dumm aus der Wäsche schauend. Ich konnte einfach nicht fassen, wieso er nicht wenigstens den Ständer wieder aufhob. Aber ich blieb gelassen mit meinen Gedanken ihm gegenüber und dachte, ja, so sind sie halt, die antiautoritären Väter! Oder hat das gar nichts mit Antiautorität zu tun, sondern war schlichtweg Unfähigkeit einzugreifen? Mit kamen Bilder in den Sinn, wie das war, damals, als meine Kinder noch klein waren. Wenn ich mit ihnen in einen Laden ging, hieß es immer:“Nur schauen, nicht anfassen“! Nur ganz bestimmte Dinge waren erlaubt, also im Buchladen im Viertel halt die Kiste, die sowieso für die Kleinen parat stand. Oder ich achtete darauf, dass sie ganz sorgfältig mit den Büchern umgingen. Ich brauchte da auch nicht viele Worte, das wurde immer von ihnen akzeptiert.Klar, entspannend war das nicht immer unbedingt. Aber Erziehung ist halt aufmerksamkeitsfordernd, oder nicht?
Das ist ja nicht meine erste Erfahrung mit Vätern oder Müttern, die mit Kinderwagen bewaffnet in den Laden kommen, ihre Kinder den Laden als Spielplatz benutzen lassen, nach dem Motto, meine Kinder dürfen alles. Und dann die endlosen Diskussionen mit den total überforderten Kleinen. Mensch, ein klares Nein könnten die öfters gebrauchen.Ich frage mich, was soll aus diesen Kindern einmal werden! Keine Gebote, keine Verbote, keine Erziehung, dass die Welt ihnen nicht allein gehört, sondern dass es notwendig ist, sich egal wo sie auch sind, als Gast zu fühlen und sich auch so zu verhalten. Ist das eine zu große Forderung von mir? Also, meinen Kindern hat es nicht geschadet!
Ach übrigens, „Er“ nahm dann sein Buch, nahm seine beiden Kinder und rief mir dann beim Ausgang zu:“ Ach, der Hörbuchständer ist umgekippt“! Ja danke, sagte ich, war ja nicht zu überhören. Dann war er weg. Flegel, dachte ich, du bist, wie Du aussiehst. Eine der anwesenden Kunden setzte sich mir gegenüber auf den Stuhl, schüttelte den Kopf und sagte:“ Das gibt es doch gar nicht“! „Oh doch, entgegnete ich, es gibt alles“! Doch wundern muss ich mich immer noch!