Es gibt so Tage, da geht alles schief! Heute Morgen erst mal verschlafen! Noch halb im Schlaf zum Yoga und dann in die Dusche gesprungen, ins Brötchen gebissen und ab zur Arbeit! Unterwegs einen Platten. Na gut, um die Ecke ist eine Fahrradreparatur, da bring ich es schnell hin! Das Arbeitspensum kaum zu bewältigen. Tausend Dinge, die noch erledigt werden müssen. Röschen, fährst du noch die Bücher aus, kannste noch schnell zur Post, ach ja und bring mir ein Brötchen mit. Na ja gut, mach ich ja alles. Endlich Feierabend, für erste, denn der nächste Job wartet schon. Hunger, ach ja, muss aber warten. Wollte ja noch in die Stadt zum Bahnhof, endlich die Fahrkarte für die Bahn kaufen, damit ich dann am 4.08.2007 auch einen Platz für mein Fahrrad bekomme. Hatte mir sagen lassen, dass ich das lange vorher buchen muss, denn die Stellplätze sind schnell weg!
Also mit dem inzwischen wieder reparierten Fahrrad zum Bahnhof. Reisende rasen an mir vorbei. Schön, denke ich, Fernweh-Atmosphäre! In mir meldet sich der Hunger, aber auch die Gefühle gallopieren, von Hoch auf Tief. Machst Du das wirklich richtig Röschen, denke ich. Leise Zweifel mischen sich in die Vorfreude. Allein in Urlaub, mit dem Fahrrad! Ist das wirklich o.k., so ohne zu wissen, wo man am Abend unterkommen wird. Alles ohne große Planung!
Ich komme zur Reiseinformation. Die Schlange steht bis weit in den Türausgang. Oh je, Mensch, ich hab nicht viel Zeit! Aber umkehren will ich auch nicht, denn die nächste Woche wird wieder hektisch. Also stelle ich mich an, kämpfe mit meinen widerstreitenden Gefühlen, schaue auf den oben an der Decke hängenden Fernseher, der Werbung für den Bahnhofsshop macht. Angebot: ein Lokomotivrucksack! Was ist das, denke ich, ist doch wohl komplett idiotisch, wer braucht denn so was? Die Schlange dümpelt vor sich hin. Plötzlich geht mein Telefon. Die Chefin! Röschen, was hast du mir denn da mitgebracht? Was geht? Meine Rückfrage! Mensch, du hast die falschen Briefmarken gekauft! Ach du Schande! Haben die sich vertan bei der Post! Statt fünfzig o, 55Cent Briefmarken haben sie zwanzig gegeben und statt zwanzig o, 45 Cent, fünfzig o, 2o Cent! Ich krieg die Krise! Kannst DU nicht noch mal zurückkommen. Mein Hals wird dick. Krieg ich jetzt Wut? Verdammt, muss ich jetzt noch die Briefmarken kontrollieren. Sind die zu blöd, das richtige rauszugeben. Die Quittung stimmt mit meiner Angabe der verlangten Briefmarken überein. O.k, ich komme gleich noch mal.
In der Hoffnung, dass es schnell weitergeht in der Schlange, fange ich mit dem Vordermann ein Gespräch an, um mich abzulenken. Denn mittlerweile überleg ich mir, ob ich überhaupt genug Geld dabei habe. Was wird so eine Fahrt wohl kosten? Hab ja schon oft gehört, dass die hier am Schalter sehr unfreundlich sein sollen! Endlich, nach ca. 1o Minuten bin ich an der Reihe.
Eine nette Frau mittleren Alters, fragt mich, was ich wünsche. Ich erkläre ihr, dass ich eine Reise nach Hamburg mit dem Fahrrad unternehmen möchte, möglichst früh am Morgen und natürlich die billigste Variante. Oh, fragt sie, wohin denn mit dem Fahrrad! Ich erzähle ihr von der Ostseetour und sie springt total darauf an. Lächelt versonnen und erzählt, ach in Bad Malente, da war ich auch schon. Ist ne wunderschöne Gegend! Wir kommen von Hütchen auf Stöckchen. Wie? So ganz alleine wollen sie das machen. Mensch, denk ich, ich fahr doch nicht nach Afrika in den Busch und lächele sie an. Sie sucht und sucht nach Möglichkeiten, o8.10 Uhr geht nicht, o9.1o Uhr auch nicht, bis 12.10 Uhr ist alles ausgebucht. Später will ich aber nicht, muss ja in Hamburg noch für eine Nacht Unterkunft suchen! Dann halt früher, meine ich zu ihr. Sie sucht und sucht wieder. Hinter mir der Nächste in der Schlange räuspert sich schon ungeduldig. Endlich 07.10 Uhr ist noch ein Platz frei. Das passt! Bin ich gegen 11.oo Uhr in Hamburg! Ist doch prima, denk ich. Dann kommt der absolute Hammer für mich, denn meine Überlegungen, ob es finanzierbar ist zerschlagen sich in Windeseile! Das ganze kostet sie 52,--?, wenn sie sich jetzt sofort als Frühbucher entscheiden. Klar, sag ich, ich nehme die Karte. Gesagt, getan. Nach ein paar Minuten habe ich endlich „mein Ticket“, ein kleines Stück Freiheit in den Händen. Ich verabschiede mich von ihr, sie lächelt mir freundlich hinterher und wünscht mir einen schönen Urlaub! Also man, da soll mal einer sagen, die bei der Bahn seien unfreundlich! Verträumt und ebenso lächelnd wanke ich zum Ausgang. Wo steht mein Fahrrad? Ach ja, direkt neben dem Hotel hatte ich es abgestellt. Was jetzt? Ich überlege, gehe vor und zurück, aber mein Fahrrad ist nicht mehr da. Meine Knie fangen an zu zittern! Verdammt, hab ich jetzt Alzheimer? Ich gehe wieder vor und zurück. Kein Fahrrad mehr da! Die haben mir das geklaut, denk ich! Das kann ja wohl nicht wahr sein. Sind denn alle gegen mich. Was ist das denn für ein Tag heute! Ich merke, wie mir die Tränen übers Gesicht laufen, bin ratlos und setze mich einfach auf den Treppenabsatz des Hotels. Ein Schluchzen überrollt meinen Körper. Und plötzlich, da, kommt ein Mann auf mich zu und fragt mich, was los sei und ob ich vielleicht mein Fahrrad suche? Ich schaue ihn unter Tränen an und nicke stumm! Entschuldigen Sie bitte, sagt er, ich stand da vorhin ne Weile und da hab ich gesehen, dass ein Rad umgefallen ist, weil es dort wohl eine kleine Unebenheit auf dem Pflaster gab, ich hatte versucht, es wieder hinzustellen, aber es hielt nicht. Da hab ich es genommen und woanders hingestellt. Ich schaue ihn an, stehe auf und falle ihm impulsiv um den Hals! Davon ist er jetzt auch überrascht. Mensch, sag ich, ich glaub es nicht. Sie haben mir vielleicht nen Schrecken eingejagt! Dann erzähl ich ihm, dass ich schließlich mit dem Rad ne Tour machen wolle und mir gerade ne Karte gekauft habe für die Bahn. Er lacht mich an und sagt, ist ja alles gut gegangen! Darauf müssten wir jetzt aber einen Kaffee trinken, ob ich nicht Zeit hätte, für einen kleinen Espresso! Ich schau auf die Uhr und denke, egal, das machste jetzt. Das scheint ein gutes Omen für meine Reise zu sein. Also gehen wir in die Cafebar und trinken auf die „Freundlichkeit der Welt“ Nach einer halben Stunde verabschieden wir uns voneinander, er hat mich selbstverständlich eingeladen. Ich fand das sehr nett! Er wünscht mir noch ne gute Reise, also jetzt doppelter Wunsch, na dann kann ja alles nur gut gehen. Wieder einigermaßen im Lot breche ich auf und fahr zur Buchhandlung zurück.
Mit den Briefmarken hat sich in der Zwischenzeit auch alles geklärt, die waren wohl unter eine Ablage geraten. Alles gut. Und zu gutem Schluss kommt eine alte liebe Bekannte, die ich lange nicht gesehen habe und erzählt mir noch kurz ihre Lebenssituation. Ich muss weg, sag ich, hab noch ne andere Buchhandlung zu versorgen und lächele sie an. Wir verabreden uns für ein anderes Mal. Sie wohnt jetzt um die Ecke. Allein! Ich bin gespannt!
Es sind noch ne Menge Hoch und Tiefs in meinem Gefühlen und Gedanken, aber ich trete einigermaßen zufrieden von der positiven Erfahrung heute meine Arbeit wieder an.
Und jetzt am Abend sitze ich hier und schreib alles auf und denke:“Die Welt ist nicht schlecht“! Gar nicht! Wir erfahren, was wir selber denken!