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Hommage an Joe Strummer!

Vor zwei Tagen rief meine Tochter mich an und sagte“Mutter, Du musst unbedingt in den Film von Joe Strummer gehen!“ Sie war so begeistert, ich hatte das gar nicht mitbekommen, dass er lief.
 
Montagabend nach einem langen Arbeitstag wollte ich das natürlich sofort in die Tat umsetzen. Wer könnte mitgehen? Mann wollte nicht, Sohn meinte, es sei ihm zu spät, mitten in der Woche. Ein paar Anrufe, aber leider alles Absagen. Nö, zu spät, nö ich brauche meine Ruhe! Sag, mal, wie bist Du denn drauf, montags so spät ins Kino. Da kommen wir ja erst gegen 00.3o Uhr nach Hause. Ach, Mensch, dachte ich, alles Langweiler!
 
Nun, wie immer, ich hab das durchgezogen. Bin mit dem Auto, ausnahmsweise, Richtung Zülpicher gefahren. Hatte Glück, super Parkplatz! Ne Karte gekauft, ein Fläschchen Bier und dann ab in die Vorstellung. Und ich muss sagen, ich war von Anfang an total hin und weg. Mensch, wie lange ist das her, Clash, das Lebensgefühl, die Träume, seinen eigenen Weg gehen zu wollen, sich nicht „entmenschlichen“, wie Joe in dem Film sagte, zu lassen.
 
Es geht los. Zu Anfang wird Joe in einem Fernsehinterviews gefragt, was denn unter seinem Namen stehen soll? Clash? Seine Antwort:“ I´d like you to wirte Punkrock Warlord“! Und dann sieht man ihn im Studio schreien:? White Riot?! Ein absoluter Oberhammer! Der biographische Film wurde inszeniert von Clash-Frontmann Julien Temple.
 
Hypnotisiert sitze ich mit einem Schauer im Kinosessel und bin fasziniert! Bilder seiner Kindheit und Jugend werden gezeigt. Joe, mit einem Bruder groß geworden in einer Diplomatenfamilie, die alle zwei Jahre an einen anderen Ort in dieser Welt umsiedelte. Ständig neue Eindrücke, neue Freunde, Umstellungen, Anpassungen. In der Türkei geboren, ging es weiter, Kairo, Mexiko, Rom, sogar Bonn waren seine Heimatorte. Es war klar, dass hierdurch allein schon das Gefühl, auf sich alleine zu stehen, sehr stark in ihm war. Sein Bruder, anders wie er, introvertiert, schweigsam. Jo dagegen immer voll das Leben. Es ist schön, sein Temperament, seine Lebensfreude auch in diesen frühen Bilder von ihm zu sehen. Das Verhältnis zum Vater, eher gespalten. In der Pubertät kam er dann in ein Internat in England! Eine heftige Erfahrung für ihn. Es war sehr schmerzlich, nun wirklich allein zu sein, sich der Atmosphäre dieser Schule anzupassen, ohne unterzugehen. Durch seine Art wurde er zum Anführer. Leben oder Überleben war hier wohl die Devise. Lehrer respektieren, aber sie unbemerkt angreifen!
 
Nach der Schule geht er seinen Weg auf einer Kunstschule, macht seine ersten Erfahrungen in der Musikszene. Er wird ein Streuner, nicht sesshaft, ist mal hier, mal dort. Hat keinen festen Wohnsitz! In dieser Zeit gründet er seine erste Band:“The 101“! Temple zeigt großartige Szenen, immer wieder reingeschnipselt, mit wunderbaren Gesprächen, in denen zahlreiche Freunde zu Wort kommen.
 
Ich stelle mir die Frage, warum er so heimatlos war. Haben ihn die ständigen wechselnden Wohnorte seiner Familie so geprägt, das Fehlen einer inneren Sicherheit durch den Vater! Es lässt viele Fragen offen, warum ein Mensch so geworden ist, ständig auf der Suche, nach sich selber, nach dem Sinn des Lebens. Er rebelliert ständig gegen alle Konversionen! Die Welt ist in sich feindlich, die Menschen leben aneinander vorbei, das geht ihm nahe. Das erreicht auch mich! Dachte und denke ich nicht noch heute genauso! Er will sich nicht einbetonieren lassen. Freiheit ist ein großes Wort für ihn, nach der er ständig sucht. Er verliert seinen Bruder, wird Zeuge seines Todes, kann es nicht verwinden und verschwindet. Es folgen die Hausbesetzerszene, auch hier alte Erinnerungen aus meinem Leben! Dann endlich ein Ankommen. Er gründet die Band „Clash“ Wunderbare Bilder von den Auftritten und der Kreativität der Band, Joe, der mit richtigen Namen:“John Graham Mellor, heißt, der aber selbst seinen Namen immer wieder neu erfindet. Eine Zeit lang nennt er sich „Woody“ in Anlehnung an „Woody Guthrie“? Der Film lässt es offen. Er will sich nicht stempeln lassen.
 
Viele Anekdoten kommen zu Tage insbesondere von Clash-Gittarist Mick Jones, Dub-DJ und Dokumentarfilmer Don Letts, Clash-Drummer Topper Headon, Regisseur Jim Jarmusch, dessen Filme ich sehr mag, sowie die Schauspieler Mat Dillon, John Cusack und Johnny Depp, und viele, viele andere. Strummer hat Lagerfeuer geliebt, daher sind alle Interviews in dieser Atmosphäre gemacht worden und es ist einfach schön anzuschauen. Er liebte diese Art des Zusammenkommens von Gemeinschaften am Feuer. Das Feuer war ein Zeichen für Geborgenheit für ihn. Kurz vor seinem Tode zeichnete er eine Weihnachtskarte mit vielen kleinen Lagerfeuern, denn so stellte er sich das Paradies vor. Menschen, die zusammen lebten und sich gemeinsam am Feuer wärmten. Er war das Feuer selbst, dass ihn innerlich verbannte und an dem sich alle, die um ihn herum waren, mit wärmten. Joe war ein Richtungsweiser, ein Aufrüttler, ein Rebell!
 
Nach Clash kamen die Jahre der Krise, Rückzug, Suche, wieder unterwegs sein. Andere Musikwelten aus anderen Kulturen beeinflussten ihn stark. Immer wieder Anfragen, wann er wieder einsteigen, Musik machen wolle. Und dann die Bilder von den wunderbaren Zeiten mit den Mescaleros! Eine völlig neue Form seiner Musik, ein völlig neuer Joe, der die Herzen und die Seele mit seiner Musik der Menschen erreichte. Auch immer wieder Bilder mit seiner eigenen Familie, seinen Töchtern, denen er ein liebevoller Vater war, aber auch oft zu wenig anwesend. 2002, im Alter von 50 Jahren, starb Joe, wie er gelebt hat. Schnell, heftig, schmerzlos. Von einer Minute auf die andere. Er saß auf dem Sofa und las den Observer, dabei erlitt er einen Infarkt.
 
Am Ende des Films wird deutlich, die Welt hat einen wunderbaren Musiker, einen wunderbaren Menschen verloren, den man nie vergessen wird. Seine Botschaft durchdringt heute noch viele! Diese war:“ Geht Euren eigenen Weg! Lasst Euch nicht entmenschlichen! Wir können alles erreichen, wenn wir nicht bequem werden, wir können die Welt verändern, anders, wie wir es uns gedacht haben, nicht im Großen, aber im ganz kleinen, nahen, in dem wir uns nicht hingeben an bürgerliche Konventionen, in dem wir leben, was in uns ist, unsere Träume, Sehnsüchte und Wünsche. In dem wir nach Formen des Lebens suchen, die anders sind, als mit 5o im Sessel zu sitzen und auf den Tod zu warten.
 
Ich bin erschlagen, voll von allem und fühle mich bereichert und bestätigt, denn auch ich bin in dieser Lebenssituation! Was will ich noch vom Leben? Wie will ich die nächsten, letzten Jahre meines Lebens verbringen. Auch ich will offen bleiben für alles Neue, Unvorbereitete, auch ich bin wieder auf der Suche nach einer Heimat!
 
Ich nehme Joe und seine Gedanken mit, setze mich ins Auto, lausche in meinem Inneren seinen Worten und seiner Musik und fahre beschwingt nach Hause. Sehr schade, dass ich das allein erleben musste, aber auch sehr schön, denn so war dieses Erlebnis ganz für mich. Ich mache mir noch eine Flasche Bier auf, rauche eine, sitze am Fenster und schaue raus und bin gespannt, wie mein Leben weitergeht!
 
Also seht ihn euch an den Film, auch wenn ihr mit Punk-Musik nichts am Hut habt. Das spielt gar keine Rolle, der Mensch Joe allein ist es wert, an seinem Leben Anteil zu nehmen!

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