Ich schreibe einfach gern:)
Opern! Merkwürdig! Fällt mir immer wieder auf, wie wenig „Interessierte“ es noch gibt. Dabei hat der Mensch, der gestern Abend in die Oper von Janacek eingeführt hat, so nett gesagt:“Opern sind wie Daily Soaps“, nur nicht so modern“! Ich musste lächeln. Irgendwie stimmt das schon. Nur die Wertigkeiten und die Lebensformen aus den Zeiten, in denen sie geschrieben wurden, waren anders.
Opern, Theaterstücke, Schauspiel und Musik sind für mich immer eine heilsame Angelegenheit. Auch Opern zeigen immer wieder die gesellschaftliche Situation des Menschen damals wie heute! Aber viel wichtiger ist mir immer, zu sehen, was hat das, was da vorne gezeigt wird, mit mir zu tun. Nicht, das ich nur damit beschäftigt wäre. Dazu ist die Handlung ja auch viel zu fesselnd, meistens jedenfalls! Aber die Fragen tauchen auf, in den Pausen, am Ende und gehen zuhause noch weiter!
Also Freitag einen wunderbaren Platz bekommen, dank eines lieben Menschen des Kölner Opernchors! Diesmal war ich wenig vorbereitet. Hörte nur von anderen, musst Du gesehen haben! Nimm Taschentücher mit!
Janacek war mir schon bekannt aus der Aufführung des schlauen Füchslein! Janacek wurde im östlichen Mähren in einem kleinen Dorf geboren. Seine Werke sind sehr stark geprägt von seiner Heimat! Neben Smetena und Dvorak ist er sicher einer der bekannteste tschechischen Komponisten. Besonders beeindruckt war ich, als ich hörte, dass er oft mit einem Blöckchen bewaffnet, den Menschen beim Sprechen zuhörte, um die Sprachmelodie in Musik umzuformen. Oder er spazierte tagelang am Meer und hörte auf den Klang der Wellen oder die Geräusche der Natur, um auch diese umzuwandeln in Musik!
Katharina Thalbach hat diese Oper „Jenufa“, was eigentlich die tschechische Kurzform von „Jenofeva“ ist, inszeniert, auf wunderbare, einfache, stark sprechende Weise!
Die Geschichte: Jenufa ist verliebt in Steva! Er soll zur Musterung! Sie hofft, dass er nicht genommen wird. Denn sie ist schwanger von ihm. Unmöglich in dieser Zeit. In einem Dorf lebend, in einer Zeit, wo der katholische Glaube eine solche Macht auf das Leben und die Moral der Menschen hatte, dass man es sich heute kaum noch vorstellen kann. Die Küsterin, Buryja, des Dorfes, ihre Mutter, sieht diese Verbindung mit Argwohn; sie stellt Steva ein Ultimatum. Er soll mit der Trinkerei aufhören und sich bewähren. Zu sehr erinnert er sie an ihre eigene unglückliche Geschichte. Auch sie hatte an die Liebe geglaubt, wurde aber von ihr enttäuscht. Ihr Mann wurde zum Trinker und schlug sie erbarmungslos! Nie hatte sie ihm verziehen und die Geschichte verarbeitet. Sie ernährt mit dem Beruf der Küsterin ihre Familie.
Dann ist da noch ein weiterer Anwärter auf die Liebe Jenufas. Laca, er liebt sie von Kindesbeinen, aber sie sieht seine Liebe nicht. Steva kommt also frei vom Militär. Jenufa ist hocherfreut, aber er widmet sich weiterhin seinem lasterhaften Leben. Jenufa ist enttäuscht. Laca wiederum weiß genau, das Steva nur die Schönheit Jenufas blendet, daher greift er zum Messer und greift Jenufas Schönheit an.
Damit die Schwangerschaft im Dorf nicht sichtbar wird, versteckt Buryja ihre Tochter. Die Dorfbewohner glauben sie ist in Wien. Unentdeckt bringt sie ihr Kind zur Welt. Jetzt bittet die Küsterin Steva zu kommen und in seine Verantwortung einzutreten. Dieser ist nicht erwachsen genug und hat keinen Verantwortungssinn. Will mit Geld bezahlen. Zwischenzeitlich hat er sich mit der Tochter des Richters verlobt. Jenufa ist ihm nicht mehr schön genug. Für die Küsterin zerbricht eine Welt. Sie wollte das Glück ihrer Tochter und sieht, dass sich ihre eigene Geschichte wiederholt. Sie ist wie von Sinnen. Laca kommt, um um die Hand Jenufas anzuhalten. Die Küsterin muss ihm sagen, das Jenufa ein Kind von Steva hat. Er ist erschüttert, wendet sich erstmal ab. Das wiederum treibt die Küsterin in einen regelrechten Wahn. Sie betäubt Jenufa, nimmt das Kind und setzt es in der Eiseskälte aus. Als Jenufa erwacht, ist Mutter und Kind fort. Die Mutter erzählt ihr dann,dass sie hochgefiebert habe und ihr Kind gestorben sei.
In diesem Glauben bleibt Jenufa, auch muss sie hören und akzeptieren, das Steva sie verlassen hat. Sie steht allein, geschändet da. Demütig nimmt sie die Werbung Lacas an. Die Hochzeit wird angesagt, und im selben Moment, wo sie vollzogen werden soll, kommt die Wahrheit ans Licht.
Es ist unglaublich, was sich da auf der Bühne abgespielt hat. Buryja, gespielt und gesungen von Daniela Schächter, schreit sich die Seele aus dem Leib, rauft sich die Haare. Haß und Verzweifelung sind so dicht beieinander! Ich bin wie gebannt! Sie zeigt ihre ganze Qualen. Sie zeigt, wie der Mensch, sich aufgrund moralischem Zeigefinger durch Glaube und Tradition zu einem „Unmenschen“ entwickeln kann, wie er nicht mehr bei sich ist. Nur um die Ehe ihrer Tochter und auch ihrer eigenen zu retten, begeht sie einen Kindsmord. Sie bekennt ihre Schuld! Sie konnte damit nicht leben. Sie wird wahnsinnig. Sie zermartert sich vor Schuld und Reue. Ein Kind wird zur Schande. Die eigene Geschichte wiederholt sich. Am Ende geht es gut und nicht gut aus. Jenufa und Laca werden ein Paar. Die Küsterin Buryja erkennt am Ende, dass sie sich mehr geliebt hat, als ihre Tochter. Das ist bitter. Diese wiederum erkennt jedoch, dass ihre Mutter sie vor Schande bewahren wollte. Sie kann ihr vergeben. Ein Drama, eine Geschichte von damals?
Nein, auf keinen Fall. Es ist eine Botschaft. Aus Unglück kann Glück entstehen, wohl mit einem Schleier der Vergangenheit. Wenn zum Schluss auf der Bühne die Mauern brechen, dann heißt das, dass die Mauern um die Menschen zerbrechen, die den Schritt in Versöhnung und Reue gehen. Wenn um den Raum der Beiden das Eis und die Eiszapfen in ihrer ganzen Kälte stehen bleiben, dann ist das ein Zeichen dafür, dass in dieser kalten Welt Unfassbares geschieht, aber auch die Liebe sichtbar werden kann. Das ganze Leben ist ein Drama von Schuld und Vergebung.
Berauscht von der Musik unter der Leitung von Markus Stenz und dem Gürzenich-Orchester, von den Bildern gehe ich nach Hause. Die Erkältung steckt in meinen Gliedern, der Kopf hämmert, aber ich habe es nicht bereut. Ich habe auch nicht weinen müssen. So ist das Leben!
Ich nehme mit, dass sich Geschichte wiederholen kann. Dass Mütter sich oft mehr lieben, als ihre Kinder. Das Mütter sich in ihren Kindern verwirklichen wollen. Dass Menschen das Unmögliche tun, weil Kirche und Tradition es von ihnen verlangen und weil sie unfrei sind, ihren eigenen Weg zu gehen. Weil sie die Blicke und das Gerede der anderen nicht aushalten.
Ich nehme mit, dass Liebe zwischen zwei Menschen oft verwechselt wird mit Begehren und Haben wollen, aber nicht mit Verantwortung. Ich nehme mit, dass Vergebung zwischen Kindern und Eltern möglich ist. Und das in diesem Moment eine neue Welt entsteht, eine kleine, begrenzte, aber es ist ein kleiner Schritt!
Es ist ein langer Bericht gewesen, es lese ihn, wer ihn lesen möchte. Und vielleicht bekommt ja jemand Hunger auf dieses musikalische, wie auch sehenswerte Stück in der Kölner Oper! Man wird es nicht bereuen. Allerdings empfehle ich vorher ein Programm, denn die Familienverhältnisse sind schwer zu verstehen, daher hab ich sie auch hier stark verkürzt.
Viel Freude! Mein Dank geht nochmals an den lieben Menschen des Kölner Opernchors.