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Eine ganz normale Beerdigung!

Um 08.00 Uhr fahren wir los. Die Mama hinten im Auto. Seit wir auf der Autobahn sind, redet sie ununterbrochen. Warum? Will sie ihre Angst überspielen? Um 09.30 ist die Beerdigung. Eine Stunde Fahrzeit, wenn alles gut geht! Im Radio die Verkehrsdurchsage, Gott sei Dank Staus nur auf der Gegenfahrbahn. Wir fahren an den LKW´s vorbei, Fetzen von Musik tönen aus dem Lautsprecher und meine Mama hört immer noch nicht auf zu reden. Ich bin müde, will ruhig sein und mich auf die Beerdigung einstellen. Meine Gedanken schweifen zurück und ich werde nervös, merke dass ich ihr gegenüber gereizt werde. Ich will das nicht. Jetzt so kurz vor der Beerdigung. Im Angesicht des Todes will ich keine Auseinandersetzung mit der Mutter. Es lohnt auch nicht, weil sie es sowieso nicht versteht. Meine Gefühle sind meine Gefühle und meine Mutter ist meine Mutter, so wie sie ist.
 
Wir kommen an. Holen das Gesteck, das größer geworden ist, als ich beabsichtige, aus dem Kofferraum. Ein bisschen schäme ich mich sogar deswegen, was sollen wohl die anderen denken. Merkwürdige Gedanken vor einer Beerdigung. Kann mir doch egal sein. Ich will mich sammeln, aber da stehen schon einige Verwandten und Freunde vor der Kirche. Ich gehe erstmal rein und der Anblick der Urne schockt mich ein wenig. Ich hatte noch den Mensch vor Augen. Jetzt ist da nur noch ein Häufchen Asche übrig. Ich bin froh, dass seine Frau meinen Rat angenommen hat, ein Foto von ihm daneben zu stellen. Das hilft mir. Ich gehe wieder raus. Verkrampfte Gespräche werden begonnen. Niemand traut sich zu lächeln. Warum nicht. Ich spüre, dass die meisten weit weg sind vom Toten. Nur die Frau und der Sohn scheinen fast zu zerbrechen.
 
Meine Mutter hört nicht auf zu reden. Sie läuft auf alle zu und versucht ihre Unsicherheit und ihre Angst mit dem Reden zu übertönen. Dann gehen wir rein. Er war evangelisch. Kein Kreuzzeichen. Komisch, das gerade das mir jetzt fehlt. Es geht von einem Gebet ins nächste, wenig Worte zum Verstorbenen, nur das er für andere da war. Immer! Dann soll gesungen werden. Befiehl Du Deine Wege, ein Lied aus dem 16ten Jahrhundert. Die Orgel setzt ein und ich merke, dass mich das reizt. Es passt nicht. Niemand singt mit. Keiner kennt den Text. Wie immer. Warum hören die nicht auf damit, denke ich. Warum nicht was anderes, was zum Leben des Verstorbenen passt.Oder Hoffnungsvolles!
 
Am Ende des Gottesdienstes dann ein Lied, dass sich der Verstorbene gewünscht hat. Ich bin ein klein wenig überrascht, denn zuerst wollte die Pfarrerin das Lied wohl nicht. Ich dreh mich rum und sehe die verlorenen Gesichter der anderen. Staunendes Schweigen, Angst vor der eigenen Sterblichkeit, Tränen, die ihnen selber gelten. Ich weine nicht. Kann nicht! Das Lied erklingt. Ich bin geschockt. Das ist das Gegenteil von dem, was ich zuerst hinterfragt habe. Ein deutscher Schlager, er handelt von verlorener Liebe und dem Trotz es auch ohne zu schaffen. Ein blöder Schlager, und doch passt er. Ein Leben ohne Fundament der Mutterliebe und trotzdem gekämpft. Meine Interpretation, aber vielleicht lieg ich da falsch. Es ist zu Ende.
 
Kann ich eine gewisse Erleichterung spüren, ich weiß es nicht! Wir gehen hinter der Pfarrerin her. Der Bestatter trägt die Urne mit dem, was übrig geblieben ist. An der Grabesstelle bleiben alle zurück. Niemand will sich der Stelle nähern. Angst? Vor dem Blick in das Loch?
Die Pfarrerin spricht das Vater unser! Ich bin erstaunt. Das kennen noch alle! Was sich so jeder dabei denkt? Vergib uns unsere Schuld?, wie auch wir vergeben? und führe uns nicht in Versuchung? sondern erlöse uns. Glaubt das hier einer? Denkt da je einer darüber nach? Und wenn nicht, was soll das denn?
 
Seine Frau bricht zusammen. Einige gehen auf sie zu. Beileidsbekundungen werden gemacht. Ich nehme sie in den Arm, kann aber das Wort nicht aussprechen! Beileid? Heißt das ich bin bei Deinem Leid? Ich bleib stumm!
Selbst die Pfarrerin ist schnell verschwunden. Wir bleiben uns selbst überlassen.
 
Wir fahren zur Frau und Sohn nach Hause. „Leichenschmaus“ nennt man das. Merkwürdiges Wort! Der Kaffee duftet und Brötchen sind auch gemacht. Eigentlich ist es schön, bei ihm zu Haus zu sein. Aber keiner spricht von ihm. Der übliche Smal-Talk beginnt. Ich stelle einfach die Frage in den Raum: Warum gerade das Lied? Keine Antwort! Ich gebe meine Interpretation dazu. Ich werde angeschaut, als ob ich etwas Verwerfliches gesagt hätte. Nie gehabte Mutterliebe? Das will keiner hören. Jetzt doch nicht. Ich fühl mich mal wieder wie ein Störfaktor! Ich ärgere mich über mich selber! Ich würde gern Bilder sehen. Von ihm. Aber es sind wenig zur Hand. Es dauert eine halbe Stunde und dann ist der Tote erstmal vergessen.
 
Ich packe meine Mutter ein, die während der Fahrt weiterredet. Ich höre ihr nicht zu. Zuviel schwirrt in meinem Kopf. Ich setze sie vor der Türe ab, sie will nicht mehr, dass ich mit hineingehe. Zuhause angekommen, klingelt das Telefon. Meine Mutter aufgelöst. Eine ihrer Katzen liegt tot im Hausflur. Ich bin erschrocken. Hat sie nicht gesagt, sie kann erst sterben, wenn ihre Katzen tot sind. Zufall oder Vorbote? Ich brauch jetzt Zeit zum Nachdenken.
 
Eine Beerdigung, ganz normal, so wie sie eben ist mit all den Menschen und ihren Gefühlen, ihren Verdrängungen und ihren Ängsten vor dem eigenen Tod.

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